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Gute Pille, schlechte Pille

Medizinstudenten werden zum kritischen Umgang mit der Pharmaindustrie erzogen

Von Sebastian Erb

Tabletten und Kapseln in einer Schale
Tabletten und Kapseln in einer Schale (picture alliance / dpa)

Der Verkauf von Arzneimitteln ist ein Milliardengeschäft und der Einfluss der Pharmaindustrie auf die Ärzte dementsprechend groß. In einem Seminar an der Berliner Charité lernen Medizinstudenten, wie sie sich nicht von Kugelschreibern, Hochglanzprospekten und Medikamentennamen blenden lassen.

Rund 20 Studentinnen und Studenten drängen sich in den kleinen Seminarraum im zwölften Stock des Bettenhochhauses der Charité, hoch über Berlin. Gastdozent ist an diesem Nachmittag Professor Wolf-Dieter Ludwig. Er ist Chefarzt an einer Berliner Klinik und Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft.

"Dann möchte ich Ihnen ganz kurz mal zeigen, dass eigentlich dieser Preis – leider, müssen wir aus Ärztesicht sagen – leider vollkommen unabhängig davon ist, ob dieses Arzneimittel einen großen Zusatznutzen bringt."

Ludwig wirft einen kritischen Blick auf Arzneimittelpreise und schildert, wie die Hersteller auch mit Scheininnovationen viel Geld verdienen. Das Seminar trägt den Titel "Industrielle Interessen und rationale Arzneimitteltherapie". Die Studenten bekommen hier auch erklärt, wo sie sich über Medikamente informieren können, ohne sich auf die Hochglanzbroschüren der Hersteller verlassen zu müssen. Denn durch die Interessen der Industrie geraten die Interessen der Patienten und die der Allgemeinheit oft ins Hintertreffen, erklärt Peter Tinnemann. Er leitet das Seminar zusammen mit zwei Kollegen.

"Kriegen die Patienten eigentlich die richtigen Medikamente? Oder kriegen Sie das, was die Industrie den Ärzten gerne verkaufen möchte? Die besten Medikamente zum geringsten Preis, das ist das, wo man hinkommen möchte. Und da müssen wir glaub' ich ganz früh anfangen, das müssen schon Medizinstudierende verstehen."

Die Studierenden sind im dritten Semester. Theodor Lorenzen, 19 Jahre alt, ist einer von ihnen. Und er ist kritischer geworden durch das Seminar. Das fällt ihm selbst auf, etwa wenn ein Dozent einen Medikamentennamen nennt.

"Wenn es zum Beispiel um Kardiologie geht oder so, ein klinisches Seminar, da benutzen natürlich die Kliniker auch häufig einfach Handelsnamen und nicht nur die Wirkstoffnamen. Das ist natürlich, wenn man es genau betrachtet, auch Beeinflussung."

Das pharmakritische Seminar gibt es seit zwei Jahren – als Angebot im Wahlpflichtbereich. Mit seinen Kollegen will Tinnemann jetzt erreichen, dass es im neuen Modellstudiengang Medizin an der Charité für alle Studenten verpflichtend wird. Noch ist das nicht entschieden. Klar ist in jedem Fall: Die Charité übernimmt eine Vorreiterrolle in Deutschland. Peter Tinnemann:

"Seitdem wir das hier unterrichten, hatten wir schon Anfragen von verschiedenen Universitäten auch in Deutschland, wo ganz besonders Studierende auf unser Seminar aufmerksam geworden sind und gesagt haben, sie würden ein solches Seminar eigentlich auch gerne an ihren eigenen Universitäten sehen."

Vereinzelt gab es seitdem Veranstaltungen, aber ins reguläre Vorlesungsverzeichnis hat es das Seminar außerhalb Berlins noch nirgends geschafft. Dabei kommt das Grundkonzept nicht von irgendwem: Die Inhalte basieren auf einer Handreichung der Weltgesundheitsorganisation. Aber in Deutschland scheint trotzdem wenig Interesse an dem Thema zu herrschen. Hierzulande wurde auch noch nicht erforscht, welchen Einfluss die Pharmalobby auf die medizinische Ausbildung hat. Bekannt ist: Der erste direkte Kontakt zwischen der Pharmaindustrie und Studenten läuft meist über Geschenke, sei es auf dem Campus oder während der Krankenhaus- und Arztpraktika. Allerdings:

"So die großen Geschenke, wie ich das noch kenne zu meiner Studentenzeit, dass man dann selber auf Veranstaltungen war und die Leute erstmal losliefen und gekuckt haben, wo's Lehrbücher gibt, ich glaub', das ist nicht mehr so Gang und Gebe."

Aber bei einem geschenkten Kugelschreiber fange Beeinflussung schon an, sagt Tinnemann. Laut einer Studie aus den USA allerdings kann ein gut platziertes Logo eines Medikamentenherstellers unter Umständen zu weniger Verschreibungen dieser Firma führen. Voraussetzung: Die Studenten wurden zu einem kritischen Umgang mit der Pharmaindustrie erzogen.

Warum ist eine pharmakritische Ausbildung in Deutschland also nicht längst obligatorisch? Der Chef der Arzneimittelkommission Wolf-Dieter Ludwig hält zwei Gründe für denkbar. Zum einen könne es sein, dass die Zuständigen das Thema als für nicht so wichtig erachten.

"Zum Zweiten kann man natürlich darüber spekulieren, dass auch die Industrie gewisse Einflussmöglichkeiten hat, dies zu verhindern, in dem sie über Lobbyarbeit verhindert, dass die Approbationsordnung hier geändert wird in diesem Bereich."

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