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Hahn oder Henne?

Tiermediziner arbeiten an der Geschlechtsbestimmung von Hühnereiern

Von Hartmut Schade

Das Geschlecht des Kükens liegt fest, wenn die Henne ein befruchtetes Ei legt. Nur anzusehen ist es ihm nicht.
Das Geschlecht des Kükens liegt fest, wenn die Henne ein befruchtetes Ei legt. Nur anzusehen ist es ihm nicht. (Stock.XCHNG / pat herman)

Kein Tier darf ohne Grund getötet oder gequält werden. So steht es im Tierschutzgesetz. Und doch werden Jahr für Jahr allein in Deutschland 50 Millionen Küken vergast und geschreddert. Sie haben das falsche Geschlecht: Es sind Hähne aus Rassen, die einzig und allein für das Eierlegen gezüchtet werden. Und weil Hähne nun mal keine Eier legen, sind sie damit überflüssig. Leipziger Tiermediziner suchen nun nach einer Möglichkeit, die Eier bereits vor dem Brüten auf Geschlechtsmerkmale zu untersuchen.

Hahn oder Henne? Das Geschlecht des Kükens liegt schon fest, wenn die Henne ein befruchtetes Ei legt. Nur anzusehen ist es dem Ei nicht und bislang haben die Veterinärmediziner auch keine Möglichkeit es festzustellen, bevor sich die Henne zum Brüten niederlässt, sagt Privatdozent Thomas Bartels von der Klinik für Vögel und Reptilien der Universität Leipzig

"Das Problem ist jetzt, quasi Methoden finden, die auf der einen Seite das Ei möglichst unbeschädigt lassen, auf anderen Seite aber eine zuverlässige Geschlechtsbestimmung ermöglichen, so dass damit die Eier, aus denen mal Hähnchen schlüpfen würden, noch als Konsumeier dem Markt zugeführt werden können."

Bebrütete Eier können nicht mehr gegessen werden – also muss die Geschlechtsbestimmung gleich nach dem Legen im Ei stattfinden.

"Was wir versucht haben, ist ein Verfahren einzusetzen, was insbesondere bei der Untersuchung auf Störstellen im Lötbereich bei Computerchips etc. eingesetzt wird, die so genannte Röntgentomographie. Das ist ein Verfahren, das mit Röntgenstrahlen arbeitet, aber sich als doch durchaus einsetzbar herausgesellt hat. Denn auf der einen Seite können mit relativ geringen Strahlendosen diese Keimscheiben im Ei bereits dargestellt werden. Auf der andern Seite konnten wir aber feststellen, dass hier keine Probleme bezüglich des Schlupfes und der normalen Entwicklung der Küken stattfinden."

Ist die Keimscheibe, von der die Embryonalentwicklung ausgeht, erst einmal geortet, dann können durch winzige Poren in der Eischale einige Zellen entnommen und molekulargenetisch auf das Geschlecht untersucht werden.

"Es ist durchaus vorstellbar, hier entsprechende Schnelltests zu entwickeln, die beispielsweise nur aufgrund einer Farbreaktion, die entsprechende Entscheidung - männliches Ei, weibliches Ei - erlauben und entsprechend ein Sortieren ermöglichen."

Noch einen Schritt weiter geht ein anders Verfahren, das die Leipziger Veterinärmediziner gerade testen. Mit Hilfe spektroskopischer Untersuchungen wollen sie sehen, ob im Ei zwei Z-Chromosomen vorliegen, was bedeutet, das hier ein Hahn schlüpft oder ob ein Z- und ein W-Chromosom auf eine Henne hinweisen. Anders als beim Menschen haben bei den Vögeln die Männchen den geschlechtsprägenden Chromosomensatz doppelt. Das Z-Chromosom ist etwas größer und damit schwerer als ein W-Chromosom. Z- und W-Chromosom müssten Licht deshalb unterschiedlich brechen, vermutet Thomas Bartels.

"Man hofft dann, dass man quasi Fingerabdrücke erhält, die dann ein charakteristisches Spektrum, eine Bande oder so was ergeben, die hierfür genutzt werden kann. Aber auch da haben wir wieder das Problem: es muss irgendwo Strahlung draufgegeben werden. Diese Strahlung muss zunächst einmal die Kalkschale passieren ins Ei hinein und das, was dann gestreut, reflektiert, was auch immer wird, das muss aus der Kalkschale herauskommen. Das könnte sein, dass das noch ein Hindernis ergibt, das schwer zu umgehen ist."

Und so werden noch einige Millionen Hähnchen ihr Leben lassen müssen, bis es sich zeigt, ob die Geschlechtsbestimmung im Hühnerei funktioniert.

Interessenten in der Industrie gibt es schon. Denn die High-Tech-Untersuchung am Hühnerei könnte Geld sparen: Die 50 Millionen männlichen Eier lassen sich dann noch verkaufen. Heute bedeuten diese 50 Millionen umsonst ausgebrüteten Eier Kosten für Brutkästen, für das Töten und Entsorgen der Küken. Bei 300 Eiern jährlich, die eine hoch gezüchtete Henne legt, könnte auch deren Zahl um über 150.000 verringert werden. Das schont die Umwelt und die konventionelle Landwirtschaft hätte ohne das sinnlose Kükentöten ein ethisches Problem weniger.

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