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StartseiteForschung aktuellHaut wird Herz31.01.2011

Haut wird Herz

Bei der Umwandlung von Zellen kommen Wissenschaftler ohne Stammzellen aus

Medizin.- Dem aus Österreich stammenden Wissenschaftler Marius Wernig von der Stanford-Universität war es bereits im vergangenen Jahr gelungen, im Labor Hautzellen in Nervenzellen umzuwandeln. Forscher aus Kalifornien haben nun aus Hautzellen Herzzellen gemacht.

Wissenschaftsjournalist Michael Lange im Gespräch mit Uli Blumenthal

Forschern ist es gelungen, aus Hautzellen Herzzellen zu machen.  (AP)
Forschern ist es gelungen, aus Hautzellen Herzzellen zu machen. (AP)

O-Ton Marius Wernig: "Ich war auf jeden Fall sehr überrascht, dass es so wahnsinnig gut funktioniert, und dass wir Zellen bekommen, die also im Wesentlichen alle Funktionen aufweisen, die auch Nervenzellen im Gehirn aufweisen."

Uli Blumenthal: Dem aus Österreich stammenden Wissenschaftler Marius Wernig von der Stanford-University war es bereits im vergangenen Jahr gelungen, im Labor Hautzellen in Nervenzellen umzuwandeln. Das war nicht nur für ihn eine Überraschung, sondern sorgte für viel Diskussionsstoff unter den Stammzellenforschern. Heute nun präsentiert die Fachzeitschrift Nature Cell Biology Ergebnisse, die dies bestätigen. Forscher aus Kalifornien haben Hautzellen in Herzzellen verwandelt. Michael Lange im Studio, Sie verfolgen als Fachjournalist für uns die Fortschritte der Stammzellenforschung. Wie überraschend sind für Sie die neuen Ergebnisse?

Michael Lange: Vor einem Jahr hätte ich solche Ergebnisse nicht für möglich gehalten. Aber im letzten Jahr gab es vermehrt einzelne Veröffentlichungen von verschiedenen Fachgruppen, die gezeigt haben, dass man Zellen tatsächlich von einem Zelltypen in einen anderen umwandeln kann. Die erste Gruppe, die das zeigen konnte, war das Team von Marius Wernig, den wir gerade gehört haben. Er hat in den USA an der Stanford-University Fibroblasten - das sind bestimmte Hautzellen - in Nervenzellen verwandelt. Und das sorgte damals für ungläubiges Staunen. Kein Wissenschaftler wollte das wirklich für möglich halten, weil diese Hautzellen können etwas, was sonst nur Stammzellen können. Aber dann kam eine andere Gruppe, die um den Wissenschaftler Deepak Srivastava war, vom Gladstone-Institute in San Francisco. Und die konnte diese Fibroblasten, diese Hautzellen in Muskelzellen verwandeln - und auch das war gelungen. Und jetzt kommt eine dritte Gruppe, die Gruppe um Sheng Ding vom Scripps Research Institute in La Jolla, und die kann ganz exakt nachweisen, dass das tatsächlich möglich ist, in diesem Fall erneut Fibroblasten, also wieder diese Zellen aus der Haut umgewandelt in Herzmuskelzellen - und das ist jetzt ganz sauber dokumentiert - und jetzt gibt es keinen Zweifel mehr.

Blumenthal: Bedeutet das nun, dass die Forscher jeden beliebigen Zelltyp in einen anderen verwandeln können?

Lange: Im Prinzip ja. Also an dem Konzept, dass sich Zellen verwandeln lassen, gibt es nun keinen Zweifel mehr. Aber es muss natürlich gezeigt werden, dass das wirklich mit verschiedenen Zelltypen funktioniert. Wir haben in allen drei eben genannten Beispielen immer wieder dies Fibroblasten, diese Zellen aus der Haut - das sind Zellen aus der unteren Hautschicht. Es wurde noch nicht mit anderen Zellen gezeigt. Und es handelt sich - das habe ich noch nicht gesagt - in allen drei Beispielen um Mäusezellen. Auch hier muss also noch gezeigt werden, dass das Prinzip auch beim Menschen funktioniert. Allerdings war es bei Techniken aus der Zellkultur in den letzten Jahren immer so, dass ungefähr ein Jahr nachdem etwas bei Mäusen gezeigt werden konnte, auch der Versuch, das Gleiche bei menschlichen Zellen zu machen, gelang.

Blumenthal: Worin besteht nennen wir es vielleicht das Rezept, das diese wunderbare Zellverwandlung möglich macht?

Lange: Man muss es einfach probieren, so hat es mir Marius Wernig einmal erklärt. Übrigens heißt sein Motto: Nur, wer das Unmögliche versucht, erreicht das Mögliche. Und er hat wirklich das Unmögliche versucht, indem er einfach einen Versuch mittendrin abgebrochen hat. Er hat versucht, Zellen zu reprogrammieren, Hautzellen zu Stammzellen zu machen, aber er ist diesen Weg nicht zu Ende gegangen wie alle anderen, sondern hat vorher gesagt: Stopp, geh nicht in Richtung Stammzelle, gehe in Richtung Herzzelle. Und das haben alle für unmöglich gehalten und das hat funktioniert. Das heißt, hier ist tatsächlich ein Abkürzungsweg, in dem einfach ein Versuch mittendrin abgebrochen wurde, die Zellen durften sich nicht mehr weiter in Richtung Stammzelle entwickeln, was sie in allen anderen Labors taten, sondern sollten umgeleitet werden zu Herzzellen, zu Nervenzellen bei Wernig, jetzt im neuen Versuch zu Herzzellen - und das ist tatsächlich gelungen. Also hier sind tatsächlich Botenstoffe eingesetzt worden, die so in der Natur eigentlich nicht zusammengehören, die aber im Labor in der Zellkultur dieses Unmögliche möglich machen.

Blumenthal: Heißt das nun auch im Schluss, dass die umstrittenen menschlichen embryonalen Stammzellen nicht mehr gebraucht werden bei der Stammzellforschung und in der Stammzellforschung?

Lange: Sie haben zumindest eine sehr große, sehr gute Konkurrenz bekommen. Man kann sich ja vorstellen, wenn man mit embryonalen Stammzellen Patienten behandelt, ist das immer ein sehr großes Risiko. Denn diese embryonalen Stammzellen sind hochaktiv. Das heißt, sie teilen sich sehr schnell und stellen deshalb auch ein hohes Krebsrisiko dar. Auch die sogenannten iPS-Zellen, das sind Zellen, die aus Körperzellen reprogrammiert wurden, stellen das gleiche Risiko dar. Und hier, indem man diese Abkürzung nimmt, entstehen diese risikoreichen Zellen überhaupt nicht. Und deshalb denke ich, dass die Aussichten für die Medizin mit dieser neuen Methode viel besser sind als bei den klassischen embryonalen Stammzellen. Für die Forschung allerdings, das haben mir alle Wissenschaftler bestätigt, werden die embryonalen Stammzellen weiterhin gebraucht.


Links zum Thema:

Marius Wernig, Stanford-University

Deepak Srivastava, Gladstone-Institute, San Francisco

<strong>Sheng Ding, Scripps Research Institute, La Jolla</strong>

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