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StartseiteForschung aktuellHilfreiche Konfrontation20.03.2012

Hilfreiche Konfrontation

Studie eröffnet neue Möglichkeiten zur Therapie früh sexuell Misshandelter

Psychologie. - Es ist umstritten ist, ob man Traumapatienten, die früh sexuell missbraucht wurden, mit ihren Erlebnissen konfrontieren soll. In der Fachwelt bestehen bis heute große Vorbehalte dagegen. Doch eine Studie deutscher Forscher zeigt, dass eine solche Therapie möglich und hilfreich ist.

Von Martin Hubert

Menschen die sexuell missbraucht wurden leiden oft jahrelang an Ängsten, Albträumen oder Depressionen. (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)
Menschen die sexuell missbraucht wurden leiden oft jahrelang an Ängsten, Albträumen oder Depressionen. (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)

Ein Leben lang werden sie von Flashbacks heimgesucht. Patienten, die in der Kindheit sexuell missbraucht wurden, schießen dann Szenen ihrer vergangenen Demütigung ins Bewusstsein. Das macht sie ängstlich, depressiv und erzeugt Ohnmachtsgefühle. Sie leiden an einer post-traumatischen Belastungsstörung, fühlen sich eklig und besudelt, vertragen keine Nähe und Sexualität. Oft ziehen sie sich sozial völlig zurück. Für den Psychiater und Psychotherapeuten Prof. Martin Bohus vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit war das eine Herausforderung. Denn vor allem, wenn diese Patienten an einer zusätzlichen Störung leiden, war ihnen bisher kaum zu helfen.

"Bis jetzt gibt es für diese schweren Erkrankungen, die dann auch kombiniert sind mit Borderline-Persönlichkeits-Störung, also mit einer Störung der Emotionsregulation, mit einem Selbsthass, mit Selbstverletzung, gibt es keine wirklich adäquate Behandlung. Die meisten Patienten, die wir hier sehen sind seit im Schnitt etwa zwölf Jahren in psychiatrischen Behandlungen unterwegs, die weitgehend erfolglos waren und wir haben uns hingesetzt vor sieben Jahren, haben gesagt, so, wir müssen etwas tun und lasst uns ein Konzept entwickeln."

Das Konzept beinhaltet, solche labilen Patienten mit ihren schlimmen Erfahrungen zu konfrontieren. In der Fachwelt allerdings bestehen dagegen bis heute große Vorbehalte. Man erhöhe dadurch nur die Selbstmordgefahr, heißt es. Die Patienten werden daher meist mit Hilfe emotional unterstützender Maßnahmen jahrelang psychisch stabilisiert, ohne die vergangenen Erlebnisse anzugehen.

Martin Bohus sieht darin aber nur einen unbefriedigenden Zwischenzustand, in dem die Patienten zwar überleben, ihr Leid aber nicht wirklich überwinden. Sein Team passte daher die sogenannte Dialektisch-Behaviorale Therapie an diese Patienten an und hat inzwischen fast 200 von ihnen damit behandelt. Bei diesem Verfahren werden die Patienten nach ausführlicher Vorbereitung und Aufklärung mit ihren frühen Erlebnissen konfrontiert. Dann lernen sie Techniken, mit denen sie die damit verbundenen Ängste und Spannungen frühzeitig erkennen und abbauen können.

"Bei ungefähr der Hälfte ist die Symptomatik weg, zwei Drittel haben eine deutliche Reduktion der Symptomatik, das haben wir nachweisen können und die Effektstärke, also das ist das Maß, wie wirksam eine Psychotherapie ist, ist gleichzusetzen mit den klassischen Psychotherapien, wie wir sie sonst bei Angsterkrankungen haben oder bei einfachen posttraumatischen Stresserkrankungen, sodass wir sagen können: wir können jetzt diese Patienten tatsächlich behandeln. Die Patienten werden unter den Bedingungen, wie wir sie jetzt getestet haben, nicht suizidaler, auch die Selbstverletzungen nehmen nicht zu, das war einer der wichtigen Punkte."

Die Dialektisch-Behaviorale Therapie wurde bisher vor allem bei Borderline-Patienten angewendet. Martin Bohus Ansatz, diese Methode bei früh sexuell Missbrauchten einzusetzen, die neben Borderline-Symptomen auch schwere posttraumatische Belastungssymptome zeigen, ist bisher jedoch einzigartig. Die Psychiaterin und Psychotherapeutin Dr. Reka Markus, die als Leiterin der Traumaambulanz in der Kölner LVR Klinik viel mit solchen Patienten zu tun hat, erwartet daher eine starke Resonanz auf diese Studie.

"Also ich erwarte erst mal viele Diskussionen, Auseinandersetzungen, zum Teil vielleicht auch manche wissenschaftliche Streitdiskussion. Aber das Ziel wäre, mit klaren konfrontierenden Maßnahmen, mit traumabezogener Konfrontation sich trauen, zwar therapeutisch gut überlegt, aber schon mutiger und aus Zeitsicht etwas schneller geplant ranzugehen."

Martin Bohus jedenfalls arbeitet momentan daran, dass Patienten mit diesem Konzept nicht nur stationär in der Klinik, sondern auch ambulant behandelt werden können.

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