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StartseiteNachrichten vertieft"Das Erbe Martin Luther Kings ist wichtiger denn je"18.01.2016

Historiker Norbert Finzsch"Das Erbe Martin Luther Kings ist wichtiger denn je"

In den Vereinigten Staaten wird heute der Martin Luther King Day begangen. Der gesetzliche Feiertag wird überschattet von Berichten über Polizeigewalt in den USA. Unschuldige werden erschossen oder sterben unter mysteriösen Umständen im Gefängnis. Der Deutschlandfunk hat dem Historiker und US-Experten Norbert Finzsch dazu Fragen gestellt.

Norbert Finzsch im Gespräch mit Jan Maleike

Martin Luther King am 28. August 1963 in Washington, D. C. winkt den Demonstranten zu. (AFP )
Martin Luther King am 28. August 1963 in Washington, D. C. (AFP )

Nach einer unlängst veröffentlichten Studie der amerikanischen Aktivisten-Gruppe "Mapping Police Violence" und einer eigenen Untersuchung des Guardian wurden unbewaffnete Schwarze 2015 häufiger von US-Polizisten getötet als unbewaffnete Weiße. Und nicht selten werden die Beamten gar nicht belangt. Zuletzt sorgte ein Fall für Aufsehen, als Beamte in Chicago einen Jugendlichen und seine Mutter erschossen. Die Polizei sprach von einem Versehen. Nach Ansicht des Historikers Norbert Finzsch sind Statistiken über Polizeigewalt eher mit Vorsicht zu genießen, oft fehlen verlässliche Angaben.

Jan Maleike: Heute ist Martin Luther King Day in den Vereinigten Staaten. Zeitlebens hat der Geistliche für die Rechte der Schwarzen gekämpft und eine wichtige Rolle beim Überwinden der Rassenschranken gespielt. Vor dem Hintergrund anhaltender unrechtmäßiger Polizeigewalt - gerade auch gegen Afroamerikaner - stellt sich die Frage, wie das Erbe Martin Luther Kings heute wirkt. Ist solch ein Gedenktag nach den Vorfällen in Ferguson, Baltimore und anderen Städten des Landes heute wichtiger denn je?

Norbert Finzsch: Martin Luther King hat in den letzten Jahren seines Lebens einen politischen Wandel durchlaufen, der ihn zum prononcierten Kritiker von Armut, Segregation und staatlicher Gewalt hat werden lassen. Viele haben in diesem Zusammenhang von einer "Radikalisierung" gesprochen. Das Erbe Martin Luther Kings ist nicht nur der friedliche Protest gegen Ungleichbehandlung, es ist auch der soziale Aktivismus gegen die ökonomischen Ursachen der Ungleichbehandlung. Insofern ist solch ein Gedenktag gerade nach den Vorfällen in Ferguson, Baltimore und anderen Städten des Landes heute wichtiger denn je.

Professor Norbert Finzsch lehrt am Historischen Institut der Universität Köln anglo-amerikanische Geschichte. Professor Norbert Finzsch lehrt am Historischen Institut der Universität Köln anglo-amerikanische Geschichte. Er hat zahlreiche Publikationen zur Geschichte der USA verfasst. (Bild: privat)


Jan Maleike: Viele Experten bescheinigen der amerikanischen Öffentlichkeit einen massiven Vertrauensverlust in die Arbeit der Polizei. So gibt es Indizien dafür, dass Schwarze überproportional häufig Opfer von US-Polizeigewalt werden. Welche Erklärungen haben Sie dafür?

Norbert Finzsch: Die Ursachenforschung zur Polizeigewalt im Allgemeinen und zur Gewalt gegen African Americans im Besonderen konzentriert sich auf vier verschiedene Ansätze: 1. Polizeien seien schlecht verwaltet, überlastet und deshalb nicht in der Lage, die notwendige Aufsicht über ihre Beamten auszuüben. 2. Polizeibeamte seien schlecht ausgebildet, rekrutierten sich aus rassistischen Gruppen der Gesellschaft und verteidigten die rassistischen Übergriffe ihrer Mitglieder durch den "Code Blue", das heißt die innere Kohäsion der Beamten und die Weigerung, rassistische Übergriffe zu melden oder als Zeugen auszusagen.3. Die Polizei habe sowieso vorrangig die Aufgabe, die Interessen der Reichen und Eliten gegen Minderheiten zu schützen, die als gewalttätig oder kriminell angesehen würden. 4. Gruppenpsychologisch sei es normal, dass Gruppen Außenseiter misstrauisch betrachteten. Polizisten hielten zusammen gegen als kriminell eingestufte Außenseitergruppen.

Allen diesen Erklärungsansätzen ist gemeinsam, dass sie sich auf die Polizeikräfte und ihre Interaktion mit dem Umfeld beschränken. Kein Ansatz argumentiert historisch und keiner erfasst den historischen Kontext, ohne den die Rolle der Polizei im Umgang mit African Americans nicht verstanden werden kann. Ich grenze mich von derartigen Erklärungsversuchen deshalb ganz deutlich ab. Für mich sind verschiedene historische Umstände genauso wichtig wie die Gruppenpsychologie der Polizei oder strukturelle Probleme des Polizeiapparats.

Das Justizministerium der USA veröffentlicht gelegentlich, aber wenig systematisch, Zahlen zum Einsatz unverhältnismäßiger Gewalt. Danach ist der Einsatz exzessiver Gewalt gegen Individuen insgesamt eher zurückgegangen. Statistisch gesehen lagen 2008 gegen 6,6 Prozent der Polizeibeamte Beschwerden wegen derartiger Übergriffe vor. Dabei stachen besonders die Polizeidirektionen der Großstädte hervor, bei denen gegen 9,5 Prozent aller Beamte Beschwerden wegen gewaltsamer Übergriffe gemacht wurden.

Die Statistik der Todesfälle ist noch unklarer, da offizielle Stellen derartige Zahlen nicht gerne veröffentlichen. Hier liegen Angaben vor allem aus den Medien vor. Immerhin kann man mit einiger Verlässlichkeit sagen, dass auf die ganze Nation betrachtet, African Americans eine dreimal höhere Wahrscheinlichkeit haben, von der Polizei getötet zu werden als Weiße. (Diese Antwort wurde gekürzt, die ausführliche Fassung finden Sie hier.)

Martin Luther King war ein amerikanischer Baptistenpfarrer und Bürgerrechtler. Er wurde am 15. Januar 1929 in Atlanta, Georgia, geboren. Mithilfe gewaltloser Proteste wandte er sich gegen die Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung. Zwischen 1950 und 1968 führte er die Bürgerrechtsbewegung in den USA an. Diese führte dazu, dass die Rassentrennung beendet wurde und die schwarze Bevölkerung das Wahlrecht erhielt. Martin Luther King bekam 1964 den Friedensnobelpreis zugesprochen. Am 4. April 1968 wurde King bei einem Attentat in Memphis, Tennessee, ermordet. Der Martin Luther King Day wird in den Vereinigten Staaten an jedem dritten Montag im Januar begangen.

Jan Maleike: Mit Barack Obama amtiert seit 2009 der erste schwarze Präsident in den USA. Daran hatten vor allem viele schwarze US-Amerikaner Hoffnungen gesetzt. Wie fällt Ihre Bilanz der Obama-Präsidentschaft aus?

Norbert Finzsch: Innenpolitisch positiv, weil sich im Diskurs um Rassismus etwas zum Guten verschoben hat. Anteil daran hat auch die FLOTUS (First Lady Of The United States) Michelle Obama. Es gibt eine funktionierende Gesundheitsvorsorge und es gibt ein besseres Einwanderungsgesetz, von dem vor allem Latin Americans profitieren. Außenpolitisch bin ich skeptischer. Die Grundrechte verletzenden Gefängnisse in Guantanamo existieren immer noch. Weltpolitisch hat Obama viele Fehler gemacht, wobei ihm Hillary Clinton als "Falke" zur Hand gegangen ist. Für African Americans konnte der erste schwarze Präsident nur symbolische Zeichen setzen, da die Initiative auf dem Gebiet der Sozialgesetzgebung und der Bekämpfung des Rassismus auf kommunaler und Länderebene liegt.

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