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Hitzige Debatte auf heißem Grund

Im Umfeld des Vesuvs sollen Forschungsbohrungen durchgeführt werden

Von Thomas Migge

Blick auf den Vesuv.
Blick auf den Vesuv. (Migge)

Schon lange rechnen Vulkanologen mit dem Ausbruch des Vesuvs. Doch auch die nahegelegenen Phlegräischen Felder könnten sehr gefährlich werden. Denn diese sollen bald angebohrt werden, um den Untergrund zu erforschen und geothermisch zu nutzen - ein umstrittenes Projekt.

Touristen kommen jeden Tag. Aus ganz Italien und auch aus Deutschland. Sie besichtigen die stark nach Schwefel riechenden Phlegräischen Felder, die schon von Vergil in seiner "Aeneis" besungen wurden. Diese Felder dehnen sich auf mehr als 150 Quadratkilometer aus und beginnen am westlichen Stadtrand von Neapel. Umgeben sind sie von Ortschaften, in denen Zehntausende von Menschen leben. Hier ist eines der interessantesten wissenschaftlichen Projekte der Welt geplant: Man will eine geologische Zone anbohren, die vulkanologisch extrem aktiv ist und in der bisher 50 Eruptionsherde gezählt wurden: die Solfataren und den Vulkanberg Vesuv. Der Geologe Giorgio Mattioli von der Universität Neapel:

"Mit diesem Projekt soll einer der gefährlichsten Vulkane überhaupt erforscht werden. Wir beginnen mit einer Pilotbohrung bis zu einer Tiefe von 500 Metern. Bei dieser ersten Bohrung werden wir Erfahrungen für die weitere Bohrung bis zu einer Tiefe von 4000 Metern sammeln, wo man auf Temperaturen von 1500 Grad stoßen wird."

Das Projekt verfolgt zwei wesentliche wissenschaftliche Ziele. Erstens eine genauere Erfassung der möglichen Gefahren, die von diesem vulkanologischen Gebiet für die rund 1,5 Millionen Menschen ausgehen, die im Großraum Neapel und beim Vesuv leben. Zweitens sollen die geophysikalischen Beziehungen zwischen unterirdischen Wasservorkommen und den ausgedehnten Magmafeldern erforscht werden. Giorgio Mattioli:

"Diese Bohrung hat auch das Ziel, das Verhalten des Wassers zu studieren, das sich in einigen tausend Metern Tiefe befindet und das höchstwahrscheinlich der Grund für Erdanhebungen ist. Das Wasser, erhitzt durch das heiße Magma, schafft einen Druck, der sich auf den Erdboden auswirkt. Ein Phänomen, wie wir es auch aus dem Yellowstone Park und Long Valley her kennen."

Dass Phänomen des Hebens und Senkens der neapolitanischen Küstenregion wird Bradisismus genannt - ein Vorgang, der immer wieder Erdbeben verursacht, mit zum Teil schweren Folgen in den dicht besiedelten Ortschaften bei Neapel.

Neben diesen wissenschaftlichen Zielen des Bohrprojekts gibt es auch energiewirtschaftliche Absichten. Enzo Boschi vom Nationalinstitut für Geophysik schließt nicht aus, dass man in nicht allzu ferner Zukunft die geothermische Energie der Phlegräischen Felder zur Energiegewinnung nutzen kann. Eine Idee, die auch von der Regierung in Rom begrüßt wird, die das Bohrprojekt mit rund 15 Millionen Euro finanziert.

Doch das Anbohren der hochaktiven vulkanologischen Gegend ist nicht unumstritten. Im Gegenteil. Nicht nur in Italien. Der deutsche Vulkanologe Ralf Büttner von der Universität Würzburg schließt nicht aus, dass es, in Folge des Anbohrens zu einem Vulkanausbruch kommen könnte. Mit unabsehbaren Folgen für zahllose Menschen, meint der neapolitanische Geochemiker Benedetto De Vivo. Er ist der Wortführer der Gegner des Projekts. Wir erreichten ihn in den USA am Telefon:

"Ich war von Anfang an gegen dieses Projekt, aus einem einfachen Grund: Es besteht keine Notwendigkeit einer solchen Bohrung, um, wie die Organisatoren behaupten, die geothermische Aktivität des Untergrunds zu erforschen, denn diese Aktivität ist wissenschaftlich bekannt. In den 70er-Jahren gab es ganze elf Tiefbohrungen bis zu einer Tiefe von 3,3 Kilometern."

Damals geschah nichts. Doch das, meint Benedetto De Vivo, muss nicht heißen, dass erneute und noch tiefere Bohrungen ebenso glimpflich verlaufen. Der Wissenschaftler und seine Anhänger erinnern in diesem Zusammenhang an Bohrungen in vulkanologisch aktiven Gebieten, die, wie in Island und Neuseeland, zu Vulkanausbrüchen geführt haben. Die Gegner des Bohrprojekts sind davon überzeugt, das ein solches Projekt in einer der am dichtesten besiedelten Zonen Europas verantwortungslos ist. Sie verweisen darüber hinaus auf die Tatsache, dass es für Neapel und Umgebung so gut wie keinen funktionstüchtigen Plan zur Evakuierung der Bevölkerung gibt. Die geplante Bohrung ist für sie deshalb ein russisches Roulette.

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