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StartseiteCampus & KarriereDurch persönliche Erfahrungen schwinden die Vorurteile22.11.2013

HomophobieDurch persönliche Erfahrungen schwinden die Vorurteile

Homophobie, also die Ablehnung von Homosexuellen, ist an Schulen besonders verbreitet. Für schwule und lesbische Jugendliche kann das eine enorme psychische Belastung sein. In vielen Städten gibt es deshalb Projekte, die Schüler aufklären und für das Thema sensibilisieren wollen. In Leipzig macht das seit vier Jahren der Verein Rosalinde.

Von Silvia Lauppe

Das Bild zeigt einen Schulraum. Mehrere Schüler sind an ihren Tischen und wenden dem Betrachter den Rücken zu. An der Tafel steht ein Lehrer. (picture alliance / dpa / Carmen Jaspersen)
In der Schule ist Homophobie besonders verbreitet. (picture alliance / dpa / Carmen Jaspersen)
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Schule aus für die 7a der 35. Schule in Leipzig. Hinter der Klasse liegt ein ganz besonderer Schultag. Auf dem Stundenplan stand heute nur ein Thema:

"Wir haben über die sexuelle Vielfalt gesprochen, also alle Themen, hetero, homosexuell und also, ob das jetzt gerechtfertigt ist, dass man das jetzt verachten soll, und ganz am Ende konnten wir dann nochmal fragen, was wir noch für Fragen hatten."

Marco und seine Klasse haben den Vormittag mit vier Mitgliedern des Leipziger Vereins Rosalinde verbracht. Das Besondere: Die vier sind nur wenig älter als die Jugendlichen - und sie sind schwul oder lesbisch, bi-, trans- oder asexuell. Im normalen Unterricht kommt sexuelle Vielfalt oft nur am Rande vor. Ohne einen persönlichen Bezug fiele es den Schülern deshalb leichter, zum Beispiel homophobe Schimpfwörter zu benutzen, sagt Stefanie Krüger, bei Rosalinde für das Schulprojekt zuständig.

"Und die Idee dahinter ist halt, Kontakt herzustellen, also Kontakt zwischen den Jugendlichen und den schwulesbitrans lebenden Leuten, um eben Vorurteile, die eben über die Medien oder auch über Gleichaltrige oder Eltern eben auch generiert werden, abzugleichen mit der Realität, um zu sehen: Okay, die Leute sind gar nicht so anders, die sind gar nicht so, wie das Stereotyp einem weisgemacht hat, dass man eben auch persönliche Geschichten mitbekommt und sieht, was es da eben auch für Schwierigkeiten gibt, was Leute in dem jungen Alter eben schon für Kämpfe mitmachen müssen, die man eben nicht hat, wenn man eben heterosexuell lebt oder wenn man eben nicht transident lebt, und dass da einfach so ein persönlicher Bezug reinkommt."

Unter dem Motto "Liebe bekennt Farbe" erklärte das Team von Rosalinde den Jugendlichen verschiedene sexuelle Konzepte. Während Hetero-, Homo- und Bisexualität in der Klasse geläufig waren, hatten von Transsexualität, wenn Menschen ihr Geschlecht anders empfinden, als sie körperlich sind, nur wenige gehört. Auch Intergeschlechtlichkeit, also wenn das Geschlecht nicht eindeutig ist, und Asexualität waren weitgehend unbekannt - Asexuelle empfinden gar kein sexuelles Verlangen.

Es ist ein sehr persönliches Thema, Vertraulichkeit ist im Projekt wichtig. Deshalb sind die Namen der Schüler in diesem Beitrag geändert - und deshalb sitzen auch keine Lehrer mit im Klassenraum. So müssen die Schüler keine Konsequenzen für ihre Zeugnisse befürchten. Egal, was sie sagen oder wissen wollen.

Ein Projekttag kann das Problem der Homophobie an deutschen Schulen nicht lösen

"Als wir ihnen eben offenbart hatten, welche sexuelle Orientierung wir haben, waren sie total interessiert und haben eben nachgefragt, wie unser Coming-Out war, wie unsere Eltern darauf reagiert haben, auch ein bisschen zu Beziehungen, aber es ging auch generell um Sexualität, die sich nicht nur auf Homosexualität bezieht."

Projektleiterin Jule trägt ein schwarzes T-Shirt mit dem Rosalinde-Vereinslogo in rosa und grün. Die vielen Fragen der Schüler zeigen, dass das Konzept von "Liebe bekennt Farbe" funktioniert: Durch die Begegnung mit den Vereinsmitgliedern verändert sich bei vielen Schülern die Einstellung zu Menschen, die von der heterosexuellen Norm abweichen. Adrian zum Beispiel hat vorher manchmal jemanden als "schwul" beschimpft, wenn auch nur aus Spaß, wie er versichert. Und jetzt?

"Naja, ich find das eigentlich nicht in Ordnung, jetzt nach dem Gespräch, weil ich find das halt diskriminierend für zum Beispiel welche, die wirklich schwul sind oder so, und wenn man dann das als Schimpfwort benutzt. Und ich hab auch viel über die Sexualität noch gelernt, zum Beispiel Asexualität. Ich würd's auch akzeptieren, also ich fänd's nicht schlimm, wenn jemand mir das erzählen würde, dass er jetzt homosexuell ist."

Bei Adrian hat der Tag mit Rosalinde anscheinend etwas bewirkt. Die Frage ist, ob das auch langfristig so bleiben wird. Stefanie Krüger betont: Ein Projekttag kann das Problem der Homophobie an deutschen Schulen nicht lösen.

"So einfach ist das natürlich nicht, weil das zuerst natürlich nur sehr punktuell und sehr kurz ist, und auch nur begrenzt wirken kann, was passieren müsste, ist, dass zum Beispiel Lehrbücher sich verändern, dass es ganz selbstverständlich im Sozialkundebuch oder in den Sprachbüchern, dass es da gleichgeschlechtliche Paare gibt, oder auch Regenbogenfamilien, dass wie selbstverständlich eine Vielfalt an sexuellen Identitäten abgebildet wird, auch dass Transmenschen dort thematisiert werden, dass das einfach normal wird, genauso wie man Heterosexualität überall sieht, dass es wenigstens so wie die Zahlen sind, also fünf bis zehn Prozent ungefähr der Menschen leben homosexuell, dass das auch in Büchern vorkommt, dass das die Realität abbildet. Man kann sich wertschätzend dazu äußern. Man muss es nur wollen."

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