• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 15:05 Uhr Corso - Kultur nach 3
StartseiteEine WeltHongkongs Hafen in der Krise21.03.2009

Hongkongs Hafen in der Krise

Chinas Konjunktur schwächelt

Trotz des chinesischen Konjunkturpakets ist auch im Reich der Mitte die Arbeitslosigkeit gestiegen und die Kaufkraft gesunken. Das sieht man auch an der Leere in Hongkongs Hafen: Es ist eigentlich einer der größten Containerhäfen der Welt. Doch mit dem Einbruch der weltweiten Nachfrage ist auch dort die Transportmenge geschrumpft.

Von Markus Rimmele

Der Hafen von Hongkong. (dpa / picture alliance / Imaginechina Mo weinong)
Der Hafen von Hongkong. (dpa / picture alliance / Imaginechina Mo weinong)

Der Abend ist hereingebrochen über Hongkongs Hafen. In den Verwaltungsgebäuden brennt kaum noch Licht. Containerberge türmen sich in den dunklen Himmel. Ein paar Sicherheitsleute in gelben Neonjacken stehen gelangweilt herum, bereiten sich auf die Nachtschicht vor. Nur an den Verladestationen ist noch Leben. Flutlicht taucht die stählernen Hebekräne in ein düsteres Gelb. Auf Schienen rollt einer von ihnen hin und her, greift sich einen Container, fährt vor, setzt den Container um, fährt zurück, holt den nächsten. Er scheint ein wenig aufzuräumen im Hafen. Es gibt nicht viel zu tun gerade, sagt der Kranfahrer Ken Wong, schlechte Zeiten.

"Wie schlecht es ist? Richtig schlecht. Ich verdiene nicht mal mehr die Hälfte im Vergleich zum letzten Jahr. Die Hälfte! Also, wie schlecht ist es? Das können Sie sich doch vorstellen!"

Ken Wong wird vom Terminalbetreiber flexibel nach Einsatztagen bezahlt. Wenn viel zu tun ist, dann kommt er auf umgerechnet rund 1600 Euro im Monat. Zurzeit arbeitet er nur zwölf bis 13 Tage monatlich. Das ergibt nicht einmal 700 Euro.

"Es gibt keine Entlassungen. Die Firma wartet einfach, dass wir von alleine gehen, weil wir hier ja keinen Lebensunterhalt mehr verdienen. Wer einen anderen Job findet, geht weg. Aber es gibt kaum Jobs!"

Auch die Angestellten in den Büros der Hafenbetreiber und Reedereien machen sich Sorgen, Connie Chan etwa. Sie hat Feierabend, geht zur U-Bahn-Station.

"Mein Firma entlässt die Leute gerade schrittweise. Erst kürzen sie die Zusatzleistungen - und am Ende entlassen sie."

Die weltweite Krise hat Hongkongs wirtschaftliches Herz getroffen, den Containerhafen. Er ist ein Gigant unter den Häfen der Welt, eine der Logistikzentralen im globalen Handel. Fast 40.000 Schiffe kommen hier pro Jahr an, ankern zwischen Hongkongs zahlreichen Inseln an der Mündung des Perlflusses, werden abgefertigt von neun Containerterminals.

Nach gerade einmal 13 Stunden Aufenthalt machen sich die Schiffe - neu beladen - wieder auf den Weg zu mehr als 500 Zielen rund um den Globus. Gemessen am Containerumschlag ist der Hongkonger Hafen nach Schanghai und Singapur der drittgrößte der Welt: ein Angelpunkt für Südasien und die Pazifikregion einerseits, Südchinas Tor zur Welt andererseits.

Der globale Konsumeinbruch schlägt sich hier längst in Zahlen nieder. Sunny Ho kennt diese Zahlen genau. Er ist der Vorsitzende im Rat der Hongkonger Frachtunternehmer. Im diesem Januar, erzählt er, war der Containerumschlag um 23 Prozent niedriger als im Januar 2008. Und es kommt noch schlimmer.

"Wir warten noch auf die Februar-Zahlen. Die werden absolut schrecklich sein. Zum Teil liegt das am chinesischen Neujahrsfest Ende Januar. Die Fabriken in China nehmen normalerweise immer erst zwei Wochen nach Neujahr wieder die Produktion auf, weil die Arbeiter alle nach Hause gefahren sind. Aber dieses Jahr produzieren viele Fabriken selbst jetzt noch nicht, mehr als einen Monat nach Neujahr. Andere produzieren nur mit halber Kraft. Wir erwarten beim Frachtumschlag einen Rückgang von 90 Prozent im Vergleich zum Januar. Und der Januar war ja auch schon schlecht."

Gleich hinter der Hongkonger Stadtgrenze beginnt eines der größten Industriegebiete der Welt, das Perlflussdelta. An die 60 Millionen Menschen leben hier, arbeiten in Hunderttausenden Fabriken. Die Region erzeugt ein Drittel des gesamten chinesischen Exports. Ein Großteil dieser Waren verlässt das Land über den Hafen in Hongkong, verteilt sich von hier über die ganze Welt. Geht es dem chinesischen Export schlecht, dann geht es auch dem Hongkonger Hafen schlecht.

Der Nachfrageeinbruch in den USA und in Europa schlägt direkt auf Hongkong durch. Die Arbeitslosigkeit kletterte bereits auf knapp fünf Prozent. Experten glauben, dass die Zahl auf sieben Prozent und mehr steigen könnte. Das ist sehr viel für Hongkong. Der Speditionsunternehmer Sunny Ho rechnet damit, dass in seiner Branche wegen der Krise jeder zehnte Arbeitsplatz verloren gehen wird. Ahloy Wong von der Hongkonger Transport-Gewerkschaft berichtet von massiven Jobverlusten bei den Lkw-Fahrern. Mit harten Konsequenzen.

"Anders als in Deutschland und Europa haben wir hier keine Arbeitslosenversicherung in Hongkong. Wenn ein Fahrer seinen Job verliert, muss er erst einmal sein Erspartes bis auf einen sehr geringen Betrag aufbrauchen. Dann kann er Sozialhilfe beantragen."

Das Wirtschaftssystem Hongkongs basiert auf Handel und Verkehr. Die Stadt funktioniert wie ein großes Kraftwerk. Der ständige Warenstrom treibt alles an, bringt die Turbinen zum Laufen, erzeugt Energie, spült Geld in die Stadt. Dieser Warenstrom ist dünn geworden, das System fängt an auszutrocknen. Hongkongs Hafen befindet sich im Leerlauf. Und da, wo noch viele Container hin- und hergeschoben werden, lohnt ein zweiter Blick. Denn dann fällt auf: Sie sind leer.

Eine Ebene kurz vor der Grenze mit Festland-China. Ein unwirklicher Ort. Wasser und Küste gibt es weit und breit nicht. Und doch stapeln sich hier die Hochseecontainer. In Massen, immer acht Stück übereinander. Maersk, Evergreen, Hanjin, Hamburg Süd. Alle großen Reedereien sind vertreten. Container so weit das Auge reicht. Straßen führen durch das bunte Metall-Gebirge. Tin Shui Wai - das ist ein Container-Depot in Hongkong. Hier lagern überflüssige Container. Die Lagerstätte ist voll, bis an die Kapazitätsgrenze. Mark Chan ist einer der Depot-Betreiber:

"Wir haben jetzt schon doppelt so viele Container wie im letzten Jahr. Wir erwarten in diesem Jahr einen Zuwachs um noch einmal 100 Prozent."

In absoluten Zahlen heißt das: Knapp 200.000 Container sind bereits in Hongkongs Depots, dieselbe Menge kommt noch einmal hinzu. Der geschrumpfte Welthandel macht sie einfach überflüssig. Die Container-Lawine rollt gerade so richtig an. Vor allem Asiens Häfen sind betroffen. Die Reeder wollen die Transportkisten dort haben, wo die meisten Güter hergestellt werden, für die Zeit, wenn das Geschäft wieder anläuft. Doch Hongkong hat keinen Platz mehr. Die Stadt sucht neue Flächen, selbst das Rollfeld des stillgelegten Flughafens mitten in der Stadt ist im Gespräch. Doch keiner will ein Container-Depot in der Nachbarschaft haben. Denn im Depot wird auch repariert und gereinigt. Chris Yu arbeitet für eine Container-Leasing-Firma. Auch deren Container lagern hier im Depot.

"Der Lärm! Container kommen beschädigt an. Hier wird dann geschweißt und gehämmert. Das ist sehr laut. Und die Reinigung ist sehr verschmutzend für das Wasser und so weiter. In Containern wird alles Mögliche transportiert. Das kann sehr dreckig sein."

Mark Chan macht gerade ein kleines Vermögen mit seinem Container-Depot. So gut lief das Geschäft noch nie. Zufrieden blickt er in die engen Containergassen. Doch seine exzellente Bilanz ist ein düsteres Zeichen für Hongkong.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk