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"Ich habe ihn nie tot gesehen"

Opfer verlangen Aufklärung zu geraubten Babys in Spanien

Von Hans-Günter Kellner

Die beschuldigte Schwester Maria bei einem Gerichtstermin im April 2012
Die beschuldigte Schwester Maria bei einem Gerichtstermin im April 2012 (picture alliance / dpa / JuanJo Martin)

Tausende Babys sollen in der Franco-Diktatur nach der Geburt für tot erklärt worden sein, um sie anschließend an Adoptiveltern zu verkaufen. Viele Fälle hatte eine Ordensschwester vermittelt. Doch nach deren Tod Ende Januar sollen die Fälle jetzt zu den Akten gelegt werden.

Aufmerksam verfolgt Mari Cruz Rodrigo das Frühprogramm im spanischen Fernsehen.

"Der soll zum Untersuchungsrichter gehen und nicht zum Fernsehen", sagt sie verärgert über einen Arzt, der berichtet, an seiner Klinik sei in den 80er-Jahren mit Babys gehandelt worden.

Sie ist die Vorsitzende der Vereinigung "SOS Geraubte Babys", einer Gruppe von rund 400 mutmaßlichen Opfern von Kinderhandel. Bis in die 80er-Jahre hinein sollen Babys nach der Geburt für tot erklärt worden sein, um sie anschließend an Adoptiveltern zu verkaufen . Auch Mari Cruz hat große Zweifel, dass ihr Sohn 1980 wirklich gestorben ist:

"Fünf Tage lang sahen wir ihn im Brutkasten. Als er am sechsten Tag nicht mehr da war, dachten wir, dass sie ihn verlegt hätten. Aber die Ärzte sagten, er sei gestorben. Wir wollten den Leichnam sehen, aber sie erklärten, dass das nicht geht, er sei sehr entstellt. Ich habe ihn nie tot gesehen.""

Sie konnte ihren fünf Tage alten Sohn auch nie bestatten, bekam den Leichnam nie ausgehändigt, ein Grab auf einem Friedhof konnte Mari Cruz nie ausfindig machen. Viele Mütter haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Für sie sind das starke Indizien dafür, dass sie und ihre Kinder Opfer einer kriminellen Praxis geworden sind:

"Sie werden sich gedacht haben, dass wir sehr junge Eltern waren. Dass wir schon ein Kind hatten. Sie werden sich gefragt haben, was wir mit noch einem Kind wollen. Da haben sie es uns abgenommen. So haben sie auch bei vielen ledigen Müttern gehandelt, die nicht in die moralischen Vorstellungen der damaligen Zeit passten. Aber sie hatten kein Recht, ihnen die Kinder abzunehmen."

Handfeste Beweise fehlen. Aber in einigen wenigen Fällen haben solche Kinder ihre leiblichen Eltern doch wiedergefunden. So konnte die Justiz gegen eine Nonne ermitteln, die einen regelrechten Babyhandel betrieben haben soll: Schwester Maria. Doch sie starb Ende Januar. Die Gerichte wollen die Fälle darum zu den Akten legen. Die Betroffenen sind empört:

"Das kann ich überhaupt nicht verstehen. Da wurde einer Frau ein Kind gestohlen. Das Mädchen ist aufgetaucht. Welche Indizien brauchen die denn noch? Sie müssen jetzt untersuchen, wer in diese Geschäfte verstrickt war. Diese Nonne konnte das ja nicht alleine organisieren. Das ist doch ganz klar."

Auch etliche adoptierte Kinder glauben nun, ihre Mütter hätten sie nicht freiwillig hergegeben. Camino Cano wühlt in den Akten über ihre Adoption. Schwester María hatte sie 1979 ihren Adoptiveltern vermittelt.

An dem Geschäft haben gleich mehrere mitverdient: Penibel sind auf einer vergilbten Rechnung die Beträge ihrer Adoption vermerkt, insgesamt 57.000 Pesetas, rund 350 Euro für die Klinikleitung, einen Notar und einen Rechtsanwalt. Einen ganzen Monatslohn musste ihr Adoptivvater damals aufbringen. Kurz vor der Geburt ihres eigenen Sohnes suchte Camino Schwester María auf:

"Sie wurde sehr nervös, forderte uns auf, zu gehen. Dann sagte sie noch: 'Ihr müsst wissen, dass wir all das nur für Euch gemacht haben. Was in den Zeitungen steht, ist falsch'. Ich wusste gar nicht, wovon sie redet. Wir sind sofort in die Bibliothek und haben dort Zeitungsberichte gefunden: 'Schwester Maria in Kinderhandel verwickelt.' Ich war wie vor den Kopf geschlagen."

Damit stand ein schrecklicher Verdacht im Raum: Wurde auch Camino Cano ihrer leiblichen Mutter gestohlen? Die Akten über ihre Adoption sind nirgends aufzufinden:

"Sie haben uns immer mit schönen Worten abgespeist. Dass es eine Untersuchungskommission geben würde, eine Clearing-Stelle, eine Datenbank mit der DNA. Aber noch heute rückt das Justizministerium die Akten nicht raus, sagt mir nur, dass ich da oder dort suchen soll. Nach Akten des Ministeriums! Eine große Hilfe ist das jedenfalls nicht."

Bei den Betroffenen verstärkt sich der Eindruck, niemand sei an einer Aufklärung interessiert. So bleibt ihnen nur die eigene Hartnäckigkeit.

Mehr zum Thema:
Die geraubten Kinder Spaniens: Der neue Roman der Schriftstellerin Almudena Grandes

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