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StartseiteCampus & Karriere"Ich kritisiere die Umsetzung"19.06.2009

"Ich kritisiere die Umsetzung"

Ex-Bundesbildungsministerin Bulmahn über zehn Jahre Bologna-Prozess

Vor zehn Jahren, am 19.6.1999, unterschrieb die damalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn für Deutschland die Vereinbarung von Bologna, mit der das Studium in Europa vereinheitlich werden sollte. Die Ziele des Bologna-Prozesses seien aber nicht erreicht worden, so die SPD-Politikerin heute. Die Qualität der Lehre sei kaum verbessert worden, stattdessen habe man rigide Studienvorgaben eingeführt, von denen im ursprünglichen Vertrag nie die Rede gewesen sei.

Edelgard Bulmahn im Gespräch mit Ulrike Burgwinkel

Die ehemalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) (AP)
Die ehemalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) (AP)

Ulrike Burgwinkel: Noch einmal Bologna. Heute vor genau zehn Jahren wurde der Bologna-Prozess gestartet mit dem Ziel, einen europäischen Hochschulraum zu schaffen. Heute regt sich heftige Kritik, also 2009, das haben wir gerade schon gehört. Die Unterzeichnerin für Deutschland war die damalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn. Guten Tag nach Berlin, Frau Bulmahn, ich freue mich sehr!

Edelgard Bulmahn: Guten Tag!

Burgwinkel: Frau Bulmahn, haben Sie denn damals mit einer solch heftigen Kritik gerechnet?

Bulmahn: Ich habe mit Kritik gerechnet, ich habe nicht damit gerechnet, dass die Umsetzung dessen, was wir in der Bologna-Erklärung vereinbart haben, doch wesentliche Voraussetzungen nicht erfüllt. Und das ist sicherlich auch ein Grund, warum es Kritik an den Bologna-Prozess insgesamt gibt. Ich hoffe, dass wir in den kommenden Monaten und Wochen es schaffen, dass die Voraussetzungen für ein erfolgreiches Bachelor- und Master-Studium an den deutschen Hochschulen wirklich geschaffen werden und damit auch Studienerfolg verbessert wird. Das war ja eine der ganz wesentlichen Zielsetzungen der Bologna-Vereinbarung.

Burgwinkel: Welche Möglichkeiten sehen Sie denn da? Also Wunsch und Wirklichkeit sind in diesem Fall auseinandergedriftet, aber welche Möglichkeiten sehen Sie denn jetzt?

Bulmahn: Also lassen Sie mich vielleicht noch einmal einen Schritt ganz kurz zurückgehen. Das Ziel der Bologna-Vereinbarung war ja auf der einen Seite, mehr Menschen in Europa eine sehr gute auch Hochschulausbildung zu ermöglichen und gleichzeitig zu erreichen, dass die Hochschulausbildung in den verschiedenen Mitgliedsstaaten Europas, aber weit darüber hinaus – es haben ja 46 Staaten die Bologna-Erklärung unterschrieben und machen in diesem Bologna-Prozess auch mit – die Mobilität zu verbessern. Und die dritte Zielsetzung war, dass wir damit auch erreichen eine bessere eigentlich Überwindung und eine bessere Zusammenarbeit und Kooperation zwischen Beruf und Lernen, also Stichwort Weiterbildung und Fortbildung an den Hochschulen auch stärker zu verändern. Um das zu erreichen, haben wir ganz klar gesagt, wir wollen – und das steht in der Vereinbarung so ausdrücklich auch drin –, wir wollen eine Verbesserung der Qualität der Lehre. Eine Verbesserung der Qualität der Lehre ist eine zwingende Voraussetzung für einen besseren Studienerfolg, aber auch dafür, dass 40 Prozent eines Jahrgangs zum Beispiel an einer Hochschule auch tatsächlich erfolgreich studieren können. Wir hatten damals nicht gesagt, dass zum Beispiel ein Bachelor-Studium auf jeden Fall innerhalb von sechs Semestern abgeschlossen werden darf. Das steht an keiner Stelle in der Bologna-Erklärung. Und deshalb, glaube ich, muss man ein bisschen unterscheiden zwischen alten Problemen, die es schon vorher gab, und Problemen, die jetzt auch im Zusammenhang mit der Umstellung der Studiengänge entstanden sind.

Burgwinkel: Was ich jetzt Ihren Äußerungen entnehme, ist, dass Sie in der Tat selber auch die Umsetzung kritisieren.

Bulmahn: Ich kritisiere die Umsetzung. Ich kritisiere die Umsetzung, weil eine der ganz wesentlichen Vereinbarungen, die wir damals getroffen haben, nämlich dass auch mehr Personal in der Lehre eingesetzt wird, mehr Personal an den Hochschulen für eine bessere Studierendenbetreuung, für eine Verbesserung der Qualität der Lehre – das war uns ein ganz wichtiges Anliegen – eingesetzt wird, weil ohne eine bessere personelle Unterstützung das nicht erreicht werden kann, das ist völlig klar. Ich kritisiere aber die Umsetzung auch noch an einem zweiten Punkt. Ich sage offen, dass ich nicht erwartet habe, dass in Deutschland – im Übrigen im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern – die sehr offenen Vereinbarungen, die wir getroffen haben – wie gesagt, wir haben keine zeitlichen Vorgaben für die BA- und Master-Studiengänge gemacht –, dass diese sehr offenen Vereinbarungen teilweise durch die KMK, aber teilweise auch durch die Akkreditierungsagenturen sehr wirklich eingegrenzt worden sind, teilweise ganz rigide umgesetzt worden sind, wie zum Beispiel eine Übergangsquote, die ich für völlig falsch halte, vom Bachelor-Studium ins Master-Studium. Das wird auch weder den wissenschaftlichen Anforderungen gerecht noch den anderen sachlichen Anforderungen. Also das sind schon mal drei Kritikpunkte. Was ich auch noch kritisiere neben dieser mangelhaften personellen Unterstützung und neben der Tatsache, dass es nicht gelungen ist, dies mit einer Qualitätsverbesserung der Lehre einherzuführen, den rigiden Vorschriften, halte ich es auch für problematisch, dass es nicht gelungen ist, tatsächlich eine ganz große Chance des zweigestuften Studiensystems zu nutzen, nämlich neue Studiengänge anzubieten, die für die Studierenden selber von einem ganz hohen Interesse sind oder für die es auch eine große Nachfrage gibt in der Berufswelt. Ich nenne nur ein Beispiel: Für die Ingenieurwissenschaften könnten Sie das Beispiel nehmen, Kombination von Verfahrenstechnik zum Beispiel und Umwelttechnik. Diese Möglichkeit dieser Kombination bietet hier ein zweigestuftes Studiensystem, es wird aber unzureichend von den Hochschulen genutzt. Einige tun das sehr gut, einige leisten dieses, einige bieten genau diese Studienmöglichkeiten jetzt auch ihren Studierenden an. Andere sind sehr eng und im Grunde genommen sehr ja auch eindimensional in ihren Kernbereichen der Fachwissenschaft geblieben oder der Fachausbildung geblieben. Wir wollten ja gerade darüber hinausgehende Möglichkeiten schaffen.

Burgwinkel: Insgesamt, Frau Bulmahn, das wäre jetzt meine letzte Frage beziehungsweise Anmerkung: Ich höre, bei dem, was Sie jetzt gerade sagen, eher Kampfgeist und weniger Enttäuschung.

Bulmahn: Ich bin nicht bereit, es einfach so hinzunehmen und zu akzeptieren, ja, Sie hören es, oder ich sag's andersrum: Ja, Sie hören mehr Kampfgeist! Ich bin davon überzeugt, dass es jetzt an der Zeit ist, wirklich nicht nur eine kritische Bestandsaufnahme durchzuführen, sondern wirklich auch Lehren zu ziehen. Die Lehren daraus zu ziehen, dass wir dringend eine bessere Personalausstattung brauchen, dass wir dringend weg müssen von diesen rigiden Vorgaben und dass die Akkreditierungsagenturen auch den Hochschulen selbst, den Hochschullehrerinnen und den -lehrern eine größere Offenheit zubilligen müssen mit der gleichzeitigen klaren Qualitätsanforderung.

Burgwinkel: Herzlichen Dank, Edelgard Bulmahn, die damalige Unterzeichnerin der Bologna-Verträge als Bundesbildungsministerin.

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