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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenIm Zeichen des goldenen Greifen05.07.2007

Im Zeichen des goldenen Greifen

Königsgräber der Skythen

Mächtige Grabhügel prägten einst die eurasische Steppenlandschaft, in ihnen wurden Könige und Fürsten mit prunkvollen Gegenständen aus Gold bestattet. Sie wurden errichtet von den Skythen, die vom achten bis dritten vorchristlichen Jahrhundert die Geschichte des eurasischen Steppenraumes bestimmten. Die Ausstellung, die ab morgen im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen ist, präsentiert weltweit erstmals auf umfassende Weise die Geschichte und Kultur dieses Reitervolkes.

Von Barbara Weber

Wie die Skythen erzählen, ist ihr Volk das jüngste von allen und auf folgende Weise entstanden: Der erste Mensch in diesem noch öden Land hieß Targitaos. Die Eltern dieses Targitaos, erzählen sie, waren Zeus und eine Tochter des Stromes Borsythenes. So berichten die Skythen; aber glauben kann ich es nicht. Er hatte drei Söhne ... . Zur Zeit ihrer Herrschaft fielen goldene Werkzeuge vom Himmel in das Land der Skythen: ein Pflug, ein Joch, ein Beil und eine Schale. Der Älteste sah dies zuerst und trat heran, um die Geräte aufzuheben. Das Gold aber brannte, als er näherkam. Als er weglief, kam der Zweite; auch da wurde das Gold feurig. ... Als aber der Dritte, der Jüngste herzutrat, erlosch es. Er brachte es in sein Haus. Da überließen die älteren Brüder die gesamte Herrschaft dem Jüngsten nach gemeinsamem Beschlusse.

" Von den Skythen wissen wir durch Herodot. Herodot beschreibt ihre Lebensgewohnheiten, ihre Gebräuche, und er beschreibt auch, wo sie lebten, nämlich in einem Steppenraum, den man heute weitgehend in der Ukraine, teilweise noch in Südrussland lokalisieren kann, also in den Steppen nördlich des Schwarzen Meeres. "

Prof.Hermann Parzinger, Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts Berlin.

" Dort haben sich im Verlauf des 1. Jahrtausends vor Christus reiternomadische, also sehr mobile Vierhzüchterverbände herausgebildet. Die gibt es aber nicht nur dort. Die gibt es im gesamten Steppengürtel von Südsibirien bis ... ins Karpatenbecken, aber das waren nicht alles Skythen, die haben eine mit den Skythen verwandte Kultur. Aber die Skythen im ethnischen Sinne können wir laut Herodot nur auf den Nordschwarzmeerraum beziehen."

" Vieh hatten die fünf Arten: Ziege, Schaf, Pferd, Kamel und Kuh oder in Sibirien und Mongolei Yak. Das waren Krieger, nicht nur Krieger, als Krieger sind sie mehr bekannt aus diesen schriftlichen Überlieferungen. Aber eigentlich waren das sehr geschickte Metallogen. Das waren Leute, die fähig waren, Kunstgegenstände zu machen, ... die uns heute noch faszinieren, die geistige Kultur war sehr entwickelt. Und je mehr wir arbeiten, umso mehr wird klar, dass wir fast nichts über diese Völkerschaft wissen. In ersten Linie: ... das ist kein Volk, das ist eine Epoche, das ist eine Welt. "

Der Archäologe Dr. Anatoli Nagler hat gemeinsam mit Hermann Parzinger die Skythen erforscht. Die beiden sind es auch, die eines der spektakulärsten Skythengräber in den letzten Jahren gefunden haben: Arzan 2.

Seit fast 300 Jahren werden so genannte Kurgane, also Grabhügel, der Skythen und mit ihnen eng verwandter Reiternomadenstämme ausgegraben. Von den ersten Funden berichteten schon im 17. und 18.Jahrhundert altertumsinteressierte Laien und Universalgelehrte, seit dem späten 19.Jahrhundert aber auch ausgebildete Archäologen. Die monumentalen Grabbauten und reich verzierten Goldobjekte faszinierten schon damals die Öffentlichkeit und lenkten den Blick auf diese vergangene, unbekannte Kultur.

Was wir heute von den Skythen wissen, erzählen uns nicht nur die Grabfunde. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot hat im vierten Buch seiner Historien dieses ob seiner Bräuche seltsame Volk ausführlich beschrieben.

Weil das skythische Land arg holzarm ist, hat man zum Kochen des Fleisches folgendes erfunden: Sind die Opfertiere abgehäutet, löst man die Knochen vom Fleisch. Das Fleisch wirft man in Kessel, falls solche vorhanden sind. ... In diesen Kesseln kochen sie das Fleisch und verwenden die Knochen der Opfertiere als Brennmaterial. Wenn sie keinen Kessel besitzen, wird das Fleisch in die Bäuche der Opfertiere gesteckt, Wasser hinzugegossen und mit Hilfe der Knochen gekocht.

Die Suche nach den Ursprüngen der Skythen und ihrer Kultur führt dabei weit nach Osten, bis nach Mittelasien, Südsibirien und an die nördliche Peripherie Chinas. Hier sind die Wissenschaftler auf archäologische Entdeckungen angewiesen, denn die schriftlichen griechischen, persischen oder chinesischen Überlieferungen streifen diesen immensen Raum nur am Rande.

" Eine der zentralen Fragestellungen, die uns von Anfang an bewegt hat, war die Frage nach der skythischen Kultur: Wo entsteht das Ganze, wie entwickelt es sich, bevor es dann weiter nach Westen sich ausbreitet. Und was war eigentlich der Grund, der uns dazu führte, nach Sibirien zu gehen und dort mit den Forschungen zu beginnen, und wir "hängen" immer noch in Sibirien, einfach, weil wir wissen schon durch die früheren Arbeiten, dass es dort eben mit die ältesten skythenzeitlichen Funde gibt. Also wenn man nach den Wurzeln des Phänomens sucht und die Entstehung dieses Phänomens begreifen will, dann muss man zunächst dort anfangen. "

Geschichte und Kultur

Die Griechen geben dem Steppenvolk seinen Namen: Skythen. Sie sind es auch, die vermuten, dass das Reitervolk aus dem Osten kam. Das haben auch die Forschungen bestätigt, denn von Tuva und der Mongolei im Osten bis später an den Karpatenrand und die untere Donau im Westen entwickelte sich im 9. und 8. Jahrhundert vor Christus diese neue Kultur.

Dieser Wandlungsprozess geht von Südsibirien aus. Dort trat das Phänomen des früheisenzeitlichen Reiternomadentums zunächst auf. Sie leben als mobile Viehzüchter, wenden als berittene Bogenschützen neuartige Kampftechniken an und pflegen mit dem naturalistischen Tierstil eine besondere künstlerische Ausdrucksform. Die monumentalen Grabbauten weisen auf eine noch nicht dagewesene soziale Differenzierung.

Es gibt Spekulationen darüber, warum die Reiternomaden verstärkt in Südsibirien und Tuva auftreten: So wird vermutet, dass eine Klimaänderung attraktive Weidegründe mit nährstoffreichem Bewuchs zur Folge hatte. Warum dann aber wiederum alle reiternomadischen Verbände der eurasischen Steppe den charakteristischen skythischen Tierstil übernahmen, ist unklar. Unklar ist auch, woher die Anstöße zu dieser Kunstentwicklung kamen. Vielleicht könnten Einflüsse aus China eine Rolle gespielt haben.

Was die Wohnformen anbelangt, haben neuere Forschungen etwas Licht in das Dunkel gebracht:

" Über Häuser wissen wir leider nicht viel. ... Wir versuchen jetzt, das zu rekonstruieren. Klar ist, dass sie Balkenhäuser gebaut haben. Die waren in der Lage und sehr geschickt im Umgang mit Holz. Es gibt Petroglyphen in Sibirien, die diese Häuser zeigen, wo die abgebildet sind. Es gibt Vermutungen, das ist streitig, dass die Skythen auch die Jurte erfunden haben, mag auch sein. ... Aber feste Häuser, feste Siedlungen, feste Städte gibt es nicht. ... "

Viele Fragen sind noch offen in der Skythenforschung, meint Anatoli Nagler:

" Zum Beispiel ... diese Beschreibungen des Volkes. Herodot hat die beschrieben, aber schriftliche Quellen beschäftigen sich mehr mit der politischen Situation. Schwerpunkt bei diesen ganzen Überlieferungen: die politische Geschichte, aber diese Welt war viel reicher als wir denken und zum Glück ... es gibt Erbe dieser Kultur. Heutige Völkergruppen, also Völker, die noch von dieser Welt abstammen und in ihrer geistlichen Kultur ... sind Teile dieses skythischen Erbes. Und das ist rekonstruierbar. ... Das hilft uns jetzt, die archäologischen Funde richtig zu verstehen."

Die Grundlage von Wohlstand und Reichtum der Skythen bestand in ihren Herden und den Weidegründen. Da diese immer wieder verlagert werden mussten, kam es zur Konfrontation mit anderen Nomadengruppen. Dies führte zu einer zunehmenden Militarisierung der Gesellschaft, in der den Reiterkriegen herausragende Bedeutung zukam. Herodot berichtet von Wohnwagen, die auf mobile Lebensweise deuten.

Andererseits deuten weitläufige Wallburgen und die Abbildung von Holzhäusern auf Sesshaftigkeit, Ackerbau und Handwerk. Allerdings weiß man bislang wenig über das Siedlungswesen der Skythen. Erheblich bekannter ist deren Totenritual.

Die Königsgräber der Skythen

Grabstätten hatten für die Skythen eine besondere Bedeutung, vor allem für die Führungsschicht. Das schildert Herodot anschaulich bei der Beschreibung der Perserkriege, meint Hermann Parzinger:

" Die Perser sind ... ausgezogen nach Skythien. Diese berühmte Geschichte, wo die Skythen sich immer weiter zurückgezogen haben, die Perser in ihr Land lockten, Dareios, den Perserkönig, und über den Bosporus und über das thrakische Gebiet nach Skythien vorstieß und wo der berühmte Satz des Skythenkönigs Idanthyrsos, der sagte, wir weichen so lange einer Schlacht aus, bis am Borysthenes, also am heutigen Dnepr, wo die Königsgräber, die Gräber unserer Vorfahren sind, unserer Ahnen, bis sie dorthin kommen. Erst wenn sie die zu zerstören drohen, dann stellen wir uns dem Kampf."

Seit dem 19.Jahrhundert untersuchten Archäologen diese Großgrabhügel. Zwar waren und sind etliche der Grabhügel über die Jahrtausende immer wieder geplündert worden, doch manchmal übersehen die Grabräuber Bestattungen, die dann der Nachwelt erhalten bleiben. Die vermitteln dann wieder einen Eindruck von der Prunksucht der skythischen Oberschicht.

Das Totenritual beschreibt Herodot ausführlich: War ein skythischer König gestorben, dann bestattete man ihn in einer großen, viereckigen Grube. Man befreite den Körper von Gedärmen, füllte ihn mit duftenden Kräutern und rieb ihn anschließend mit Wachs ein. Ein Ritual, was erhaltene Eismumien bestätigen. Dem skythischen König hatten seine Frau, sein Mundschenk, sein Koch, sein Pferdediener, sein Leibdiener, ein Bote sowie ausgewählte Pferde und gelegentlich sogar Vieh ins Grab zu folgen. Sie alle wurden erwürgt oder erschlagen.

Erstaunlicherweise erwähnt Herodot kaum die Goldschätze, die den adeligen Toten mitgegeben wurden. Das dokumentieren aber Grabfunde, nicht zuletzt die von Hermann Parzinger, Anatoli Nagler und Konstantin Cugunov: Die drei Wissenschaftler wurden in Sibirien fündig, in der Nähe von Tuva im Tal von Arzan.:

" Was wir nicht im Traum geahnt hätten, weil das Grab ja an der Peripherie lag, ... dass das eigentliche Hauptgrab, das Elitengrab ... das genau dieses ist, denn im Zentrum, wo die Hauptgräber normalerweise liegen, war ein riesiger Trichter, von einer früheren Beraubung, und wir dachten natürlich, dass das Zentralgrab völlig geplündert ist.... dann, durch diese Ritzen, haben wir viel Gold gesehen. Da war alles klar, dann entfernt die Balken, ja, dann lag das Grab, sagen wir, viel zu putzen war es nicht, weil nur an dieser Seite, wo die Füße von diesem Verstorbenen war, war das mit der Erde nachgefüllt. Naja, wie gestern - und hat geglänzt. Furchtbar. (lacht) Man hat eben gleich gesehen, dass da eine ganze Menge an Goldgegenständen, sehr viel kleinteilige Dinge aber auch einige sehr große Stücke, etwa vom Köcher, das hat man gesehen, ... neben dem Mann lag ein großer goldener Köcher, ... dann einen massiven schweren Goldhalsring, von dem wir inzwischen wissen, dass er zwei Kilo schwer war, der hing also um den Hals des männlichen Skeletts und dann bei beiden, die waren über und über die Oberkörper mit goldenen Panthern übersäht, insgesamt bei beiden Skeletten, es war ja ein Doppelgrab, also ein Mann, Mitte fünfzig, mit einer Frau, Mitte dreißig, sind zusammen bestattet worden, und beide hatten im Oberkörper insgesamt cirka 5000 goldene Panther. "

Um die beiden Skelette waren reichhaltig Goldobjekte mit Tierverzierungen drapiert. Was die Wissenschaftler erstaunte: Die Verzierungen zeigten weder Einflüsse aus China, noch aus Persien oder Griechenland. Dieses Grab enthielt Gegenstände aus frühskythischer Zeit in reinster Form:

" Hier war das pur, skythisch pur, keine Einflüsse, das heißt, im 7.Jahrhundert haben die erstaunlich schöne Sachen selber gemacht: Tierfigürchen, bodenständige Kunst, eigene skythische Kunst ... .Panther, Pferde, Hirsche, Ziegen, Schafe, Kamele, Wölfe, Tiger auf den Dolchen von dem Mann. Und das ist sehr naturalistisch und gleichzeitig sehr schlicht, sehr einfach ausgeführt. Das zeigt die höchste Klasse von diesen Goldschmieden. Das waren wirklich Künstler, echte Künstler."

Dank interdisziplinärer Zusammenarbeit mit anderen Fachkollegen konnten nicht nur pflanzliche Grabbeigaben wie Möhren identifiziert werden, die offensichtlich der Verpflegung der Toten dienen sollten. Auch über den gesundheitlichen Zustand vor dem Tod des Fürsten gibt es jetzt Gewissheit:

" Es werden ja von Prof.Schulz am Zentrum für Anatomie der Universität Göttingen, der ist weltweit einer der renommiertesten Paläopathologen - und man kann wirklich von dem Knochen oft sogar von den Langknochen, die eigentlich immer erhalten sind, indem man dort Querschnitte macht und Dünnschliffe, dann kann man dort ja fast das ganze Leben und alle Sünden der Verstorbenen ablesen. ... Und da zeigte sich zum Beispiel, dass in der Tat Prostatakrebs zum Tod führte und der Krebs eben Metastasen im gesamten Körper schon ausgebildet hat, und zwar vom Schädel bis zu den Fußknochen war die Knochensubstanz schon soweit zersetzt, dass Kollege Schulz der Meinung war, er kann sich gar nicht mehr vorstellen, wie der - also der muss die letzten Jahre seines Lebens unter qualvollen Schmerzen nur noch ertragen haben."

Dieses so mächtige Reitervolk der Skythen bewohnte kein geschlossenes Reich. Hermann Parzinger spricht lieber von einer Epoche, von unterschiedlichen Stammesgruppierungen, die sich über zwei, drei Jahrhunderte von Osten ausgebreitet haben.

" Das Ganze endet in diesem gesamten Raum, das sind vielleicht nur Jahrzehnte von Ost- nach Westen, also schneller, als es sich ausbreitet. ... Dies Ende dieser Skythenzeit, dieser Epoche kommt in diesem gesamten, doch tausende von Kilometern umfassenden Raum doch relativ schnell, fast überall gleichzeitig. Am Ende des 3.Jahrhunderts verschwindet das, und danach tauchen neue Völkerschaften auf. ... Es ist wirklich rätselhaft, warum so schnell auf dieser ganzen Strecke, solche mächtigen Völker, Verbände, die an der Grenze schon zur Staatsbildung standen, plötzlich wie Wasser im Sand verschwinden. ... Was passierte, das ist auch eine Aufgabe der Wissenschaft, und die ist sehr wichtig, weil diese Geschichte, diese Epoche ... das ist unser gemeinsames Erbe."

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