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Immer am Meer entlang

Mit der belgischen Küstenstraßenbahn von Knokke bis De Panne

Von Dieter Wulf

Die Küstenbahn in Belgien wird  heute nicht mehr von Pferden gezogen.
Die Küstenbahn in Belgien wird heute nicht mehr von Pferden gezogen. (Dieter Wulf)

Bereits 1885 hatte Belgien mit dem Bau der ersten Küstenstraßenbahn begonnen. Eisenbahnverbindungen ans Meer gab es bis dahin nur wenige. So aber konnten die Touristen jetzt alle Küstenorte viel leichter erreichen.

Nur wenige Meter von der Hafenmauer im belgischen Oostende sitzen einige Fahrer der Kusttram, der Küstenbahn, und warten in der Zentrale auf ihren nächsten Einsatz. Die Stimmung ist ausgelassen, man erzählt sich die neuesten Geschichten. Schließlich könne man hier jeden Tag etwas Neues erleben, schwärmt Jan Ciakowski:

"Es ist viel zu sehen. Es ist nicht so wie in einer Stadt fahren das ist ganz anders. Es ist ein bisschen Überlandstrecken haben wir. Am Meer fahren wir auch, wirklich am Meer keine fünfzig Meter davon. Natürlich hier und da auch durch die Straßen.. Mit Bahn fahren geht auch schnell. Wir fahren manchmal 80 Kilometer je Stunde. Ich arbeite schon neun Jahre mit der Straßenbahn und ich sehe immer etwas Neues jeden Tag beim Fahren."

Jan Ciakowski, sein Name verrät immer noch, dass sein Vater mal aus Polen kam. Er selber wuchs in England auf, aber schon immer, erzählt er, waren Straßenbahnen seine Leidenschaft.

"Ich war ganz klein jeden Sommer nach meiner Opa und Oma in Rotterdam und da fahren Straßenbahnen aber in London nicht. Und das war ich ganz verrückt. Opa fahren wir mit und Opa ging mit."

In England arbeitete er als Chemiker und IT-Spezialist, aber als die Firma, bei der er arbeitete, Pleite ging überlegte er sich, dass er doch viel lieber sein Geld damit verdienen würde, was er sowieso am liebsten tut - Straßenbahn fahren.

"Und ich war einmal nach Belgien gefahren um mit der Straßenbahn zu fahren hier und ich dachte, hmm, schön, das kann ich auch."

Und so fährt Jan Ciakowski seit fast zehn Jahren die Küstenbahn entlang der gesamten belgischen Küste. Mit knapp 70 Kilometern die längste Straßenbahnlinie der Welt.

"69 Stationen, es dauert ungefähr zwei Stunden zwanzig Minuten ungefähr. Das ist von Knocke das ist kaum 5 Kilometer von der niederländischen Grenze bis De Panne ist auch keine 5 Kilometer von Frankreich. Die ganze Küste von Belgien."

Bereits 1885 hatte man mit dem Bau der ersten Küstenstraßenbahn begonnen, die anfangs von Pferden gezogen wurde. Eisenbahnverbindungen ans Meer gab es bis dahin nur wenige. So aber konnten die Touristen jetzt alle Küstenorte viel leichter erreichen. Und einige Gemeinden, wie zum Beispiel DeHaan, nördlich von Oostende, entstanden überhaupt erst wegen der Straßenbahn, erklärt mir Ann Dehaemer, während wir durch den Ort spazieren.

"In 1886 kamen eigentlich drei Architekten auf die Idee um hier in diesem Dünengebiet einen neuen Badeort zu errichten. Drei Jahre später im Jahre 1889 gab es hier die erste Straßenbahnlinie zwischen Oostende und Blankenberge, damals die großen Badeorte an der belgischen Küste. Und mit der Bau dieser Linie sind auch die ersten Hotels gekommen in DeHaan. Und so ist eigentlich der Tourismus in De Haan in dem neuen Badeort De Haan entstanden, dank der Straßenbahn."

Noch heute schlängeln sich die kleinen Straßen von DeHaan hinter dem Deich auf und ab entlang der alten Dünenlandschaft. Plötzlich bleiben wir vor einem netten, aber eher unscheinbaren Haus etwa hundert Meter vom Strand entfernt stehen. Hier, erklärt mir Ann Dehaemer, lebte für einige Monate der wohl bekannteste Einwohner von DeHaan.

"Das Haus heißt eigentlich La Savorjarde und liegt in der Shakespearelaan in De Haan. Einstein hat hier eingezogen im April 1933. Er war eigentlich auf dem Rückweg nach Deutschland. Er hatte eine Lesung gegeben in Amerika und wollte zurück nach Berlin aber hat gehört, dass Hitler sein Haus untersucht hat in Berlin und die Freunde von Einstein hatten gesagt nein bleib lieber in Belgien und dann hat er dank seiner guten Verhältnissen mit der belgischen königlichen Familie hier in De Haan Unterkunft gefunden."

Von Antwerpen, wo Albert Einstein und seine Frau Elsa per Schiff aus den USA ankamen, reisten auch sie natürlich mit der Küstenstraßenbahn nach DeHaan. Mit seiner Geige und sechzehn Koffern.

"Und Albert Einstein hat hier mit seiner zweiten Frau Elsa sechs Monate lang gewohnt und im September 1933 hat er dann, er hatte zu viel Angst für einen Anschlag auf sein Leben ist er dann nach Großbritannien abgefahren um dann in Amerika in Princeton Professor zu werden."

Wer heute hier wohnt, lässt sich allerdings nicht erkennen. Auf dem kleinen Klingelschild am Eingang des Hauses liest man immer noch - Albert Einstein.

Von DeHaan geht es mit der Bahn zurück nach Oostende. Vorbei am Büro der Straßenbahnfahrer, Fährschiffen, die im Hafen mit offenen Ladeluken bereitstehen, und einer Kneipe namens Cap Horn. In der Innenstadt, wo die Straßenbahn sich durch die engen Straßen schlängelt, treffe ich mich im Museum für moderne Kunst mit Colette Castermans.

"Wenn man hier ins Museum rein kommt, sieht der Besucher als Erstes Objekte von Künstlern, die gerade draußen zu sehen sind. Hier sieht man Arbeiten von Philippe Agire, von Max Muelleken, Daniel Buren und Peter O'Hears. Weiter hinten im Museum geht es dann um die Geschichte der Küste. Hier haben wir Poster als Kunstrichtung. Unser Kurator Philippe von den Bosse hat die schönsten dieser Belle-Epoche-Poster ausgesucht. Hier zum Beispiel von Knokke, Zeebrugge, Blankenberge, Wenduine, Nieuwpoort, all die Küstengemeinden sind hier vertreten."

Die aktuelle Ausstellung hier im Museum ist aber eigentlich nur ein Zusatzangebot, erklärt mir Colette Castermans. Das eigentliche Kunstprojekt könne man jetzt im Sommer und Herbst entlang der gesamten belgischen Küste bewundern. Denn seit 2003 veranstaltet das Museum in Oostende alle drei Jahre, also auch in diesem Jahr, das Projekt Beaufort.

"Beaufort ist ja die Messeinheit für Windstärke. Aber es ist auch ein Wortspiel. Darin sind ja auch die französischen Worte 'beau', schön, und 'fort' für sehr stark. Außerdem ist darin ja auch die Abkürzung BE für Belgien."

Statt die Besucher ins Museum zu locken, sollte man doch mit der Kunst zum Strand gehen, fanden die Museumsverantwortlichen, erklärt Colette Castermans.

"Die Leute kommen zur Küste und sehen dann Beaufort. Sie kommen nicht speziell dafür hierher, aber das ist gerade die Stärke von Beaufort. Denn die Leute spazieren durch die Küstenorte und stehen dann plötzlich vor diesen Objekten. Ich denke das ist eine sehr angenehme Art wie man mit moderner Kunst konfrontiert wird."

Insgesamt sind so entlang der gesamten Küste noch bis Oktober dreißig große, zum Teil spektakuläre Installationen zu besichtigen. In jedem der zehn Küstengemeinden könne man drei Kunstinstallationen besichtigen, meint Colette Castermans, um sich dann aber noch mal zu berichtigen.

"Wenn ich sage, dass man 30 Objekte in der Landschaft sehen kann, stimmt das allerdings nicht ganz. Wir haben neunundzwanzig Kunstwerke entlang der Küste und eines fliegt. Das ist ein Flugzeug mit einem Werbebanner auf dem steht "Nie mehr langweilige Kunst" von John Baldessari einem sehr bekannten amerikanischen Künstler. Die Zeiten wann man das Flugzeug sehen kann findet man auf der Website von Beaufort."

Und so wie meist an der belgischen Küste kommt man natürlich auch zu den Kunstwerken am besten mit der Straßenbahn. Mit der fahre ich jetzt weiter Richtung Norden auf der Suche nach ganz besonderen kulinarischen Köstlichkeiten.

"Die Garnelen in Belgien ist eigentlich auch eine Art von Symbol von Gastronomie wie heißt das, der Kaviar der Nordsee. Kombiniert mit Tomaten dann kriegt man jetzt schon Wasser im Mund."

Und dieser Kaviar der Nordsee werde hier in Ostdünkirchen immer noch so gefangen wie vor Jahrhunderten, erklärt mir Jan Loones, am Eingang des nationalen Fischereimuseums.

"Wir, in Ostdünkirchen sind wahrscheinlich der einzige Ort in Welt, wo man noch den authentischen Betrieb hat, das Fangen von Garnelen auf die alte Weise ein Pferd und ein Mann mit das Netz. Etwas das sehr authentisch geblieben ist. Man tut es nicht für die Touristen, man tut es, weil man ein Mann hat, ein Pferd und die lieben das Meer."

Heute wird diese Tradition der Pferdefischerei nur noch hier gepflegt, meint Johan Casier, der selber noch regelmäßig mit Pferd und Netz auf Krabbenfang geht.

"Die ältesten Quellen, die man gefunden hat im Kloster von Koksijde, sind etwa von 1500. Aber auch an den anderen Sandküsten hier an der Nordsee wurde das mit Pferden genau so gemacht. In Frankreich, Holland, England, aber heute sind wir hier der letzte Ort weltweit, wo das noch genau so gemacht wird."

Zwischen Frühling und Herbst ziehen die Fischer mithilfe großer Kaltblüter ein langes Netz über den Meeresboden, während die Pferde durch fast zwei Meter tiefes Wasser waten. Für Johan Casier ist es immer wieder ein unvergleichliches Erlebnis.

"Ich bin dann im Meer, das Wasser, die Natur, man reitet auf dem Pferd, keinerlei Mechanik. Ich bin dann einfach alleine mit meinem Pferd und dem Meer."

Von den Pferdefischern kurz vor der französischen Grenze geht es dann zurück mit der Bahn, vorbei an den vielen Kunstwerken, Oostende mit seinem Hafen, DeHaan und dem Wohnhaus von Albert Einstein und den Erzählungen von Jan Ciakowski, dem Straßenbahnfetischisten aus London.

"Es ist hier sehr viel zu sehen und man kann überall fahren mit unserer Straßenbahn zwischen all diese Attraktionen. Und man kann überall hinfahren mit unserer Bahn mit unserer Straßenbahn."

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