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Ines Pohl: Jüngere Journalistinnen lassen sich weniger bieten

Chefredakteurin der "taz" glaubt, Brüderle-Affäre wird Spuren hinterlassen

Ines Pohl im Gespräch mit Thielko Grieß

Ines Pohl ist Chefredakteurin der "tageszeitung".
Ines Pohl ist Chefredakteurin der "tageszeitung". (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)

Noch immer sei Sexismus gegenüber Journalistinnen Alltag, sagt "taz"-Chefredakteurin Ines Pohl. Doch mit mehr jungen, selbstbewussten Frauen wie der Journalistin Laura Himmelreich werde sich auch die Witzkultur ändern. Von den jüngeren Politikern stelle sich keiner vor Brüderle.

Christoph Heinemann: Ein Bericht des "Stern" über angebliche anzügliche Äußerungen von FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle gegenüber einer Mitarbeiterin des Magazins sorgt für Wirbel. In der FDP gab es überwiegend kritische Stimmen, die dem Magazin vorhielten, mit dem Artikel erst ein Jahr nach dem Zusammentreffen der beiden beim Dreikönigstreffen 2012 an die Öffentlichkeit zu gehen. Das Büro Brüderles wollte sich auf Nachfrage nicht äußern. Mein Kollege Thielko Grieß hat Ines Pohl, die Chefredakteurin der "tageszeitung" gefragt, ob Journalistinnen alltäglich mit Sexismus konfrontiert seien.

Ines Pohl: Bestimmt! Gegenüber Journalistinnen wie allen anderen Frauen in allen anderen Berufen ganz bestimmt auch, ja. Würde ich so schlicht beantworten: ja!

Thielko Grieß: Könnten Sie auch einen solchen Artikel mit eigenen Erlebnissen schreiben?

Pohl: Jetzt sind wir ja im Radio unterwegs, da muss ich vielleicht vorausschicken: Ich selber bin 1,83 groß und sicher eher so Typ sportlich. Jetzt bin ich sicher nicht das klassische Opfer. Ich glaube, Herr Brüderle - mit dem saß ich durchaus auch schon zusammen an der Bar - würde sich bei mir nicht unbedingt über meine Dirndl-Fähigkeit äußern. Also diese unmittelbaren sexistischen Anmachesachen, da bin ich, glaube ich, nicht der richtige Typ Frau für. Aber es gibt ja durchaus unterschiedliche Ebenen, auf denen sich Sexismus abspielt.

Grieß: Zum Beispiel welche?

Pohl: Das ist die Situation: Ich komme in einen "Hintergrund", ich war ja auch Parlamentsreporterin oder Redakteurin, und da sind dann zehn Männer und ich bin die einzige Frau, bevor dann vielleicht Bettina Schausten noch kommt hier in Berlin. Und dann ist es schon so, dass die Jungs sich natürlich aufeinander beziehen, die kennen sich dann zum Teil aus diversen anderen "Hintergründen", oder fangen an, über Fußball zu reden oder Dinge, wo sie dann - ob jetzt ganz bewusst oder unbewusst - Frauen eher ausschließen. Das ist sicher auch eine Form von Sexismus. Oder der Politiker, der zum "Hintergrund" einlädt, bezieht sich natürlich erst mal eher auf die Männer, die er lange kennt, oder die oft dann eben auch die Chefstellen innehaben. Das ist ja auch eine Form von Sexismus.

Grieß: Der "Stern" hat seinen Artikel mit dem Begriff "Herrenwitz" überschrieben. Das insinuiert, dass es dabei auch um eine bestimmte Generation von Politikern geht. Rainer Brüderle ist Ende 60. Ist das so? Ist es eine bestimmte Generation von Politikern, die sich zu solchen Anzüglichkeiten hinreißen lässt - gelegentlich?

Pohl: Ich glaube, die Art, wie jetzt Herr Brüderle beschrieben wird, die Art der Anmache, das hat sicher was Altväterliches. Ich finde, mit dem Begriff Herrenwitz - das ist ja auch ein schönes Wort, mit dem man einiges mittransportieren kann - ist das ganz gut gefasst. Ist es vorbei? Ich glaube, die jüngeren Männer haben sicher andere Arten, Witze zu reißen, Zoten zu reißen, aber ich glaube, viel entscheidender ist: Dadurch, dass es einfach viel mehr jüngere Frauen gibt und durch die ganze Quotendiskussion jetzt in dem Journalismus, in unserem Beruf sich da ja was verändert, immer mehr Frauen auch in verantwortliche Positionen vordringen. Dadurch wird sich an der Witzkultur ganz bestimmt auch was ändern.

Grieß: Das heißt, es ist eine Frage von Jahren. Wenn sich diese Generation dann aus der aktiven Politik verabschiedet, dann könnte sich das Sexismusproblem, das Sie beschrieben haben, von selbst erledigen?

Pohl: Ich glaube, wenn es nur die Generation wäre und nicht der Geschlechterproporz sich verändern würde, dann würde das nicht ausreichen. Dann würden andere neue Mechanismen greifen, auch vielleicht sexistische oder frauenfeindliche Mechanismen. Aber wie gesagt, dadurch, dass sich die Geschlechtervermischung ändert und hoffentlich bald auch noch deutlicher auf Chefebenen, wird sich auch der Stil des Umgangs miteinander ändern.

Grieß: Jetzt haben wir über die Generation der Politiker gesprochen. Drehen wir das einmal um. Es sind zwei junge Journalistinnen gewesen in den letzten zwei Wochen, die sich geäußert haben: Annett Meiritz von "Spiegel Online" und nun eben Laura Himmelreich, beide um die 30. Ist das Zufall?

Pohl: Nein, bestimmt nicht, und in dem Sinne muss man sagen: Danke, Herr Brüderle, Sie haben so plump provoziert und offensichtlich die richtige Frau provoziert, dass sich jetzt endlich auch, getragen von der Publikation "Stern", eine Kollegin mal so deutlich äußert mit diesem Selbstbewusstsein. Und das wird natürlich Spuren hinterlassen. Ich nehme schon an, weil es kriegt ja jetzt eine unglaublich große mediale Aufmerksamkeit, dieser "Stern"-Bericht, dass der nächste Politiker, der sich so abfällig versucht, an eine Frau ranzurobben, sich das deutlich oder genauer überlegt. Dieses neue Selbstbewusstsein der Frauen, die sagen, hör mal, Alter, so nicht, Deine Herrenwitze kannst Du vielleicht in Deinem 60plus-Club erzählen, aber nicht mit mir, sonst mache ich das auch publik und lass mich auch auf diese Spielchen gar nicht ein - ich glaube, dass das was verändert. Und offensichtlich haben die Frauen, weiß ich nicht, 40 - ich bin selber 40 - oder 50 plus, sich da einiges mehr bieten lassen. Da gibt es ja auch unter anderem von Ursula Kosser ein Buch zu, die sich genau damit beschäftigt, wie das damals in der Bonner Republik viel alltäglicher war.

Grieß: Sind Sie da sicher? Ich habe natürlich auch die Reaktionen verfolgt heute, die auf den "Stern"-Artikel erschienen sind, über die Agenturen laufen. Die allermeisten Reaktionen üben sich doch in Solidarität mit Rainer Brüderle.

Pohl: Na ja, dann müssen wir uns jetzt mal angucken, wer von "unter der Gürtellinie" spricht oder von "Tabubruch". Das ist ja ganz, ganz viel Unterstützung von eigenen FDP-Parteikollegen wie zum Beispiel der Hesse Jörg-Uwe Hahn, der das ja als "Tabubruch" bezeichnet, diesen Bericht. Okay, ein Tabubruch ist es, da wurde bisher nicht drüber berichtet, da haben wir jetzt schon ein bisschen drüber gesprochen. Herr Edathy von der SPD hat sich auch abfällig über die Berichterstattung geäußert, aber ich sage jetzt mal: Entweder sind es FDP-Mitglieder, dritte Reihe, oder SPD-Mitglieder. Aber ich sage jetzt mal, die jüngere Generation an Politikern, da habe ich noch niemanden gehört, der sich da richtig vor Herrn Brüderle stellt.

Heinemann: Ines Pohl, die Chefredakteurin der "Tageszeitung". Die Fragen stellte mein Kollege Thielko Grieß.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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