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Inflation der guten Noten

Umdenken bei der Einstellungspolitik von Unternehmen

Von Dorothee Holz

Zwei Absolventinnen des dritten Jahrgangs der Internationalen Universität Bremen
Zwei Absolventinnen des dritten Jahrgangs der Internationalen Universität Bremen (AP)

Gute Noten sind zwar immer noch ein Türöffner für Unternehmen, die Examensnote hat aber ihren Stellenwert als wichtigstes Gütesiegel verloren. Personalmanager achten deshalb verstärkt auf andere Dinge.

Marcus Reif, Personalmanager beim Wirtschaftsprüfer Ernst und Young, hat wahrlich keinen leichten Job. Auf seinem Schreibtisch landen pro Jahr bis zu 45.000 Bewerbungen, davon wird etwa ein Viertel gleich aussortiert, weil das Studium nicht zu den Anforderungen passt. Die Abschlussnote könnte dann das nächste Selektionskriterium sein. Dem ist aber nicht mehr so, da sich die Bewerber heutzutage weder durch die standardisierten Bachelor-Studiengänge noch durch die Noten groß unterscheiden lassen.

"Das heißt, wir müssen umdenken als Unternehmen. Wir müssen die Auswahl nach Potenzial und Talent sicherstellen und genau das heißt, dass wir nicht mehr so sehr auf die Noten achten."

Die Abschlussbewertungen haben seiner Meinung nach ihren Stellenwert eindeutig verloren:

"Ne Note heute ist nur eine Aussage, wie intensiv man mit einem Lehrstoff umgeht und diesen wiedergeben kann, was noch nichts mit der Anwendung zu tun hat."

Unternehmen lassen sich also von einer guten bis sehr guten Note nicht einfach so beeindrucken. Allerdings heißt das noch lange nicht, dass Viererkandidaten es damit leichter hätten. Aber es bedeutet, dass die in Studien nachgewiesene wahre Inflation von guten Examensnoten für Unternehmen kein großes Problem darstellt. In einer bundesweiten Umfrage, die der Deutsche Industrie- und Handelskammertag im vergangenen Jahr durchgeführt hat, kam als Ergebnis heraus, dass die Note unter den Kompetenzanforderungen erst auf dem vierten Platz rangiert. Hanna Kind von der Darmstädter IHK:

"Was ist Unternehmen besonders wichtig, wenn sie Hochschulabsolventen einstellen? Daraus geht hervor, dass die Noten eigentlich gar nicht die oberste Priorität haben, sondern dass ein Unternehmen erwartet, dass die Studenten mit gutem Fachwissen kommen, dann kommen weitere soziale Kompetenzen dazu."

Das macht die Rekrutierung für Unternehmen insgesamt allerdings nicht leichter. Vor zehn bis fünfzehn Jahren hat man tatsächlich knallhart gesiebt – ab einem Zeugnisdurchschnitt von zwei wurde es für einen Kandidaten schon schwierig. Außerdem spielte der Studienort eine sehr wichtige Rolle: Eine drei an der für Wirtschaft renommierten Mannheimer Uni hatte einen höheren Stellenwert als eine gute Note zum Beispiel an der Mainzer Universität. Wenn jetzt immer mehr Studenten mit guten Noten ankommen, müssen sie vor Ort noch mal auf Herz und Nieren geprüft werden. Bei Ernst & Young nimmt man eine sogenannte Eignungsdiagnostik vor:

"Wir achten immer mehr auf den Elan und den Spirit von Persönlichkeiten. Je überzeugter man auftritt und je klarer man seine Zukunft für den Karriereweg zeichnen kann, desto interessanter ist es, mit solchen Leuten zu arbeiten."

Trotz Elan und Spirit setzt Ernst & Young aber durchaus eine Mindest-Examensnote von 2,5 voraus. Alles darunter würde den stark betonten "Exzellenzkriterien" nicht genügen. Wenn ein Kandidat den Einstieg aber geschafft hat, beginnt die eigentliche Arbeit. Dann startet ein sogenanntes Entwicklungsprogramm. Das ist inzwischen bei allen Unternehmen so. Hanna Kind von der Industrie – und Handelskammer Darmstadt:

"Jedes Unternehmen ist darauf eingestellt, dass eine Person eingearbeitet wird. Es ist mit Sicherheit so, dass in einem Unternehmen besondere Kompetenzen gefordert sind, die in einer allgemeinen Hochschulausbildung nicht abgedeckt sind."

Fazit: Gute Noten sind zwar immer noch ein Türöffner für Unternehmen – die Examensnote hat aber ihren Stellenwert als wichtigstes Gütesiegel verloren. Das verschafft denen einen Vorteil, die auch noch etwas anderes als einen Einser-Abschluss zu bieten haben.

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