Tag für Tag / Archiv /

 

Integrationsdebatte nicht erwünscht

Die Erfahrungen der Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali

Von Marie Wildermann

Ayyan Hirsi Ali im Jahr 2005
Ayyan Hirsi Ali im Jahr 2005 (picture alliance / dpa /Juan Vrijdag)

Ayaan Hirsi Ali ist Niederländerin und stammt aus Somalia. Sie war Anhängerin der Muslimbrüder und hat sich vom Islam losgesagt. Sie ist davon überzeugt, dass die Probleme mit muslimischen Einwanderern in Europa kleingeredet und ignoriert werden.

"Als junges Mädchen waren ihre Überzeugungen kaum sehr viel anders als die von Osama bin Laden", sagte Ayaan einmal. Und dennoch hat sie eines Tages, 2002, in einer holländischen Talkshow, erzählt, dass sie keine Muslimin mehr ist.

So der niederländische Schriftsteller Leon de Winter. Die Sendung war kaum zu Ende, da gingen schon die ersten Morddrohungen ein. Dabei wollte die kluge und schöne Afrikanerin nichts weiter als so zu leben, wie sie es für sich als richtig erkannt hatte.1969 in Somalia geboren, hatte sie als Fünfjährige eine Genitalverstümmelung erleben müssen, in ihrer Jugend hatte man sie in eine konservative Koranschule gesteckt, wo sie überzeugte Anhängerin der Muslimbrüder wurde. Als eine Zwangsverheiratung droht, kann sie fliehen und kommt über Umwege 1992 nach Holland. Niederländisch lernt sie in kurzer Zeit so gut, dass sie Politik studieren kann. Sie engagiert sich in der sozialdemokratischen Partei Hollands und schreibt Artikel gegen eine verfehlte Integrationspolitik. Vehement kritisiert sie die Gewalt gegen Frauen in muslimischen Parallelgesellschaften. Ayaan Hirsi Ali:

"Manche Dinge müssen gesagt werden, und es gibt Zeiten, in denen das Schweigen zum Komplizen der Ungerechtigkeit wird."

Seitdem sie sich bei ihrem öffentlichen Auftritt im holländischen Fernsehen vom Islam lossagte, hat sie keinen Tag in Sicherheit verbracht. Und die Situation spitzt sich noch zu. 2004, nach dem Mord an Theo van Gogh. Mit ihm zusammen hatte sie den islamkritischen Film Submission gemacht. Nachdem der Filmregisseur auf offener Straße von einem radikalen Muslim ermordet worden war, ist auch Ayaan Hirsi Ali in Lebensgefahr. Sie muss untertauchen, lebt in Amerika und kommt doch wieder zurück nach Holland, um erneut in die Politik zu gehen. War sie anfangs noch bei den Sozialdemokraten, wechselt sie bald zu den Konservativen, in der Hoffnung, dort mehr bewirken zu können. Doch sie muss feststellen, dass eine offene Debatte über die verfehlte Integrationspolitik nicht erwünscht ist. Diejenigen, die die Probleme der Migranten kleinreden oder ignorieren, nennt sie die "Anwälte des Schweigens".

"Es gibt sie immer noch: die Anwälte des Schweigens. Sie sagen, eine ehrliche Diskussion darüber, welche Herausforderung die Migration für die europäische Gesellschaft bedeutet, würde zum Hass gegen Migranten führen. Das Problem, muslimische Migranten in die europäische Gesellschaft zu integrieren, ist heute sogar noch größer und komplexer geworden."

Zu den "Anwälten des Schweigens" gehören nach Meinung von Ayaan Hirsi Ali viele Medien, weite Teile der Politik und Migrantenorganisationen. In ihrem Buch "Ich klage an", das 2005 erschien, macht sie nicht nur die muslimischen Parallelgesellschaften verantwortlich, sondern auch die Europäer, die nicht erkennen wollten, dass die Verletzung der Frauenrechte ein strukturelles Problem des orthodoxen Islam ist.

"Sie fordern, nur die sozialen und ökonomischen Aspekte des Problems zu beleuchten und schlagen entsprechende politische Lösungen vor. Selbst bei Übergriffen gegen Juden und Homosexuelle durch muslimische Jugendliche, die ihre Taten religiös legitimieren - selbst da sagen die "Anwälte des Schweigens": Wir verurteilen die Tat, aber wir wollen sie nicht in einen Zusammenhang bringen mit dem Islam oder mit Muslimen."

Doch genau das will Ayaan Hirsi Ali. Dafür wird sie gehasst und bedroht. Die holländische Regierung schaffte es kaum, ihre Sicherheit zu garantieren. Als 2006 auch noch eine politische Kampagne gegen Ayaan Hirsi Ali geführt wird, weil sie bei ihrem Asylantrag nicht ganz ehrlich war, entscheidet sie sich endgültig für ein Leben in den USA.

Mehr zum Thema bei dradio.de:

Kritik 2005-05-18 - "Ich klage an" <br> Ayaan Hirsi Ali über die Unterdrückung muslimischer Frauen *



Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

"Ich klage an"

 

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Tag für Tag

Kaiser AugustusStratege, Machtmensch und Versöhner

Die Kopfplastik des römischen Kaisers Augustus wurde 1961 bei Ausgrabungsarbeiten in Mainz gefunden. Undatierte Aufnahme.

Die frühen Christen haben das Bild von Augustus über Jahrhunderte maßgeblich geprägt. Aber auch das Wirken des Augustus hat auf die Ausbreitung des Christentums erheblichen Einfluss gehabt. Antike Quellen zeichnen Augustus, geboren als Gaius Octavius, als schillernden Herrscher voller Widersprüche.

ArgentinienSuche nach den Verschleppten der Diktatur

Demonstration der "Mütter und Großmütter des Plaza de Mayo". Die Organisation möchte das Schicksal der vielen Ermordeten und Verschleppten Argentiniens ausklären, die das Militärregime von 1976 bis 1983 zu verantworten hat.

Die "Großmütter der Plaza de Mayo" suchen seit Jahrzehnten nach argentinischen Babys, die vom Militärregime zwischen 1976 und 1983 verschleppt wurden. Nun hat die Vorsitzende ihren Enkel wiedergefunden - von Hunderten anderen fehlt immer noch jede Spur.

Antisemitismus im Ersten WeltkriegDie Geschichte des Mainzer Juden Maier Trepp

Der Mainzer Bischof Kardinal Karl Lehmann (r) übergibt am 7.12.2003 in einer gottesdienstlichen Feier in der Synagoge Mainz-Weisenau eine im Bistum Mainz seit 65 Jahren aufbewahrte Torarolle an Rabbiner Leo Trepp (M), einem Überlebenden des Holocaust. Die heilige Schrift der Juden war nach der Progromnacht vom November 1938 von Unbekannten vor dem Bischöflichen Priesterseminar in Mainz abgelegt worden und wurde seitdem in der Schatzkammer der Martinus-Bibliothek aufbewahrt. Die Torarolle ist das Heiligste, was es in einer jüdischen Gemeinde gibt, und umfasst die fünf Bücher Moses.

Nach der Verfassung des Kaiserreichs mussten Juden im Militär gleichbehandelt werden. Doch die Realität des militärischen Alltags sah anders aus: Juden wurde oftmals die Offizierslaufbahn verweigert. Die Geschichte des Mainzer Juden Maier Trepp ist dank seiner Familie nicht in Vergessenheit geraten.