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StartseiteForschung aktuellIntensiv genutzt11.01.2008

Intensiv genutzt

Aids-Viren beschäftigen bis zu 300 Elemente der menschlichen Zellen

Virologie. - Das Aids-Virus wendet den gleichen Trick an wie alle anderen Viren. Es kapert Zellen, programmiert sie um, so dass sie fortan nur noch Aids-Viren produzieren. Amerikanische Forscher haben sich jetzt diese um Programmierung genauer angesehen, und während sie ihre Ergebnisse heute noch in "Science" präsentieren, sprechen andere Wissenschaftler schon von der wichtigsten Aids-Studie der vergangenen zehn Jahre. Der Wissenschaftsjournalist Martin Winkelheide erläutert sie im Gespräch mit Monika Seynsche.

Aids wird noch lange ein Gegenstand intensiver Forschungen sein. (AP)
Aids wird noch lange ein Gegenstand intensiver Forschungen sein. (AP)

Seynsche: Herr Winkelheide, wie bringt dieses Virus die Zellen überhaupt dazu, ihm zu helfen?

Winkelheide: Man muss es sich so vorstellen, das Aids-Virus ist so etwas wie ein Zellpirat. Das heißt, es dringt in die Zellen ein und gelangt in den Zellkern und programmiert dort alles um. Das Virus selber ist ja wirklich simpel aufgebaut, es ist einfach nur eine Hülle, und darin eingepackt ist ein bisschen genetische Information. Es hat neun Gene, es machte 15 Eiweiße, aber das reicht aus, um die menschliche Zelle um zu programmieren und Faktoren aus der Zelle zu nutzen, um sich selbst zu vermehren. Und die Forscher aus Boston unter der Leitung von Stephen Elledge, haben jetzt einmal genauer hingeschaut: Welche Faktoren nutzt das Virus, wie viele Faktoren nutzt das Virus. Und einige Faktoren kannte man bislang ja schon, man wusste, es sind so ungefähr 36, Stephen Elledge und seine Kollegen haben genauer hin geguckt, und haben gesehen, das Virus benutzt fast 300 Faktoren der Zelle, also sehr viele.

Seynsche: Wie kann ich mir das vorstellen, also wie haben die Forscher diese ganzen Faktoren gefunden?

Winkelheide: Sie haben die Zellen manipuliert. Sie haben eine Technik benutzt, die nennt sich RNA-Interferenz, damit lassen sich Gene gezielt ausschalten. Und sie haben jeweils ein Gen ausgeschaltet in der Zelle und geguckt, kann sich das Virus noch vermehren. Das haben sie nicht nur mit einem gehen gemacht, sondern mit 21.000 Gene der menschlichen Zelle. Und dann haben sie gefunden, dass eben 273 menschliche Gene wichtig sind für das Virus, damit es sich vermehren kann. Das ist eine ganze Menge, und sie haben dann diese Faktoren gruppiert, um die einzelnen entscheidenden Schritte im Lebenszyklus des Virus, also welche Faktoren nutzt das Virus, um in den Zellkern hinein zu kommen. Welche nutzt es, um seine Erbinformation in den Zellkern einzubauen, vorher auch die Erbinformation zu übersetzen in die Sprache der Zelle, welche Faktoren nutzt es, damit die einzelnen Bausteine produziert werden, und zum Schluss, welche Faktoren werden gebraucht, damit das Virus korrekt zusammengesetzt wird und dann wieder die Zelle verlassen kann, um neue Immunzellen zu befallen.

Seynsche: Kann man denn irgendwelche von diesen Informationen jetzt dazu nutzen, Medikamente zu entwickeln, die gegen Aids helfen?

Winkelheide: Im Prinzip ja. Aber Stephen Elledge sagte mir, was sie gemacht haben, ist eigentlich so etwas wie eine Hypothesen-Generierungsmaschine. Also sie haben erst einmal die Grundlagen gelegt, um überhaupt zu verstehen, wie dieser komplizierte Lebenszyklus des Virus funktioniert in der Zelle, das Zusammenspiel. Und er sagt, da ist natürlich unheimlich viel Grundlagenarbeit erst einmal drin, für andere Forscher, zu gucken, was sind denn die entscheidenden Faktoren, die mögliche Ansatzpunkte sind, um Medikamente zu entwickeln. Das Ziel ist natürlich nachher Medikamente zu haben. Bislang hat man ja vor allen Dingen Virusenzyme blockiert. Also die Enzyme, die das Virus von sich aus mitbringt, und die Idee dahinter war natürlich, dass man sagt, wenn wir das Virus blockieren, mit Medikamenten, dann haben wir weniger Nebenwirkungen. Und darin besteht natürlich auch ein bisschen ein Risiko dieses neuen Ansatzes, wenn man jetzt neue Wirkstoffe sucht.

Seynsche: Besteht da nicht das Risiko, dass man einfach auch Enzyme blockiert, die ja für die Menschen sicherlich wichtig sind?

Winkelheide: Die möglicherweise auch lebensnotwendig sind. Das heißt, jetzt die weitere Forschung wird dahin gehen, dass man sagt, wir brauchen Faktoren, die für uns Menschen vielleicht nicht ganz so wichtig sind, aber für das Virus lebensnotwendig sind. Das heißt, wenn es diese menschlichen Faktoren nicht hat, dass es sich dann nicht weiter vermehren kann. Und das Charmante an dieser Idee ist, dass man sagt, möglicherweise haben wir ein paar mehr Nebenwirkungen, aber das Virus kann sich nicht verändern und sich der Therapie entziehen. Und das war ja das Grundproblem sehr lang bei den Medikamenten. Sie haben eine Zeit lang gewirkt, dann hat sich das Virus verändert, ist unempfindlich geworden, und man musste um dieses unempfindlich werden, die Resistenz zu verhindern, immer mehrere Wirkstoffe kombinieren.

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