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Interview mit Heide Pfützner:

Die Fragen stellte Kristin Raabe

Heide Pfützner: Loony Bin
Heide Pfützner: Loony Bin (Heide Pfützner)

Heide Pfützner lebt in Leipzig, sie hat vier erwachsene Kinder und war mit Begeisterung Englischlehrerin. Auch nach ihrer Pensionierung unterrichtete sie noch an der Volkshochschule. 2007 erkrankte sie an ALS. Das führt dann innerhalb weniger Jahre zur vollständigen Lähmung und kann auch die Atemmuskulatur erfassen. Heide Pfützner wird seit drei Jahren über eine Kanüle in ihrer Luftröhre beatmet. Sprechen kann sie auch nicht mehr.

Die Fragen des Interviews hat sie mit einem sogenannten Eye-Tracking-System beantwortet. Dabei schaut sie auf den Computer auf Buchstabenfelder, während ein Computer ihre Augenbewegungen erfasst und so ermitteln kann, welche Buchstaben sie auswählt. Damit kann Heide Pfützner erstaunlich schnell schreiben. Sollten irgendwann auch ihre Augenmuskeln den Dienst versagen, würde ihr nur noch ein Brain-Computer-Interface den Kontakt zur Aussenwelt ermöglichen. Im Moment benutzt sie die BCI-Technologie vor allem zum Malen.

Heide Pfützner, Leipzig, benutzt ein Gehirn-Computer-Interface zur Kommunikation und zum Malen.Heide Pfützner (Heide Pfützner)Pfützner: Liebe Frau Raabe, zunächst möchte ich Sie natürlich begrüßen und Ihnen sagen, wie sehr ich mich über ihr Interesse an BCI und besonders am Brain-Painting-Projekt freue. Sie haben mir freundlicherweise ihre Fragen vorab zukommen lassen. Sofort würde ein Interview bei meiner Geschwindigkeit, wahrscheinlich auch viel zu lange dauern.

Raabe: Wie häufig brain-painten Sie?

Pfützner: Ich brain-painte so dreimal die Woche, gelegentlich aber öfter. Wenn es nur nach mir ginge, würde ich jeden Tag malen. Therapien und Ruhepausen müssen jedoch sein und man muss eben frisch und munter sein, um sich konzentrieren zu können. Sonst geht es schief und gibt Ärger mit dem Ego.

Raabe: Benutzen Sie die BCI-Technologie auch für andere Anwendungen?

Pfützner: Ich tweete auch im Rahmen einer Studie, aber leider antwortet bis jetzt nie jemand auf meine anscheinend uninteressanten Sätze.

Raabe: Was bedeutet das Brain-Painten für Ihr Leben?

Pfützner: Brain-Painting hat mein Leben wahnsinnig bereichert und bedeutet mir sehr viel. Da ich früher schon "amateurhaft" Bilder geschaffen habe, ist es nun ein wahres Vergnügen kreativ zu sein, seit dem neuen Jahr.

Raabe: Wie wählen sie beim Brain-Painten eine Farbe aus?

Pfützner: Um eine Farbe zu wählen von den acht zur Auswahl stehenden, muss man sich auf den Buchstaben rot konzentrieren während 40 Symbole in acht Sekunden flimmern. Ich freue mich jedesmal, wenn die Farbe dann aufleuchtet. Sonst gibt es natürlich nicht nur Farben, sondern auch Formen, Größen, Deckkraft und Positionen zu wählen.

Raabe: Planen Sie die Gestaltung ihrer Bilder oder entstehen sie eher spontan?

Pfützner: Ich überlege immer vorher, was ich wohl neues malen oder wie mit einem angefangenen Bild fortfahren will. Das geht manchmal aber in eine ganz andere Richtung. Ich probiere Farbzusammensetzungen aus, muss herausfinden, was zusammen passt, in welcher Stimmung ich bin oder ob ich vielleicht doch nach zwei Stunden lieber aufhören sollte. Also Planung ja und Versuch, das Kopfbild letztendlich umzusetzen. Nie böse, wenn etwas total anderes dabei daraus wird.

Raabe: Wie lästig oder unangenehm ist das Anbringen der Elektroden?

Pfützner: Das Anbringen der Elektroden hat mich nie gestört, Kinnriemen ist allerdings angenehmer als Brustgurt und obwohl die Elektroden etwas drücken. Zum Ende der Sitzung, denke ich immer, der Zweck heiligt die Mittel. Nur wenn es schmerzt, nicht wenn nur unangenehm.

Raabe: Wie wichtig sind die technischen Hilfsmittel in Ihrem Leben? Sind sie Teil von Ihnen geworden?

Heide Pfützner: BlumenstraußHeide Pfützner: Blumenstrauß (Heide Pfützner)Pfützner: Beatmung und BCI sind selbstverständlich Teil meines Lebens geworden. Mit Technik hatte ich übrigens nie etwas am Hut. Computer lehnte ich ab, nachdem mir bei anfänglichen Versuchen dauernd das Programm abstürzte und ich feststellte, ich war mit der Feder wesentlich schneller. Damals wusste ich eben nicht die Vorteile der Technik zu schätzen, ebensowenig wollte ich mein Leben von Maschinen abhängig machen. Gott sei Dank hat meine Familie mit mir nach einem Herzstillstand entschieden –"K", Punkt, Punkt, Punkt, Ich lebe künftig mit künstlicher Beatmung und Ernährung und ich möchte diese letzten drei Jahre nicht missen. Habe gelernt mit Bekannten in Kontakt zu bleiben, viele neue Menschen kennengelernt und mich angefreundet mit dem neuen Dasein "K" Punkt, Punkt, Punkt , das ohne Technik gar nicht möglich wäre. Ich lebe immer noch sehr gerne und vergesse gerne das lästige Drum und Dran, beim Lesen, Fernsehen, in der Oper, im Konzert, bei Radiosendungen et cetera pp. Fühle mich genauso glücklich und sozial wie meine Zeitgenossen – nur etwas glücklicher und stärker und nun habe ich doch tatsächlich die letzten zwei Fragen vergessen.

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