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StartseiteSport am WochenendeIOC und Internet07.02.2010

IOC und Internet

Ende der Unstimmigkeiten: Athleten dürfen während Olympia in Vancouer twittern und bloggen

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) ist stets bestrebt, seine Marke zu schützen. Nur so lässt sich der olympische Zirkus finanzieren. Bei Olympischen Spielen ist alles reglementiert. Nicht immer ist das im Interesse der Sportler - und immer wieder entstehen verwirrende Situationen.

Von Jens Weinreich

Lindsey Vonn ist die große Medaillen-Hoffnung der USA bei den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver. (AP)
Lindsey Vonn ist die große Medaillen-Hoffnung der USA bei den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver. (AP)

Die Amerikanerin Lindsey Vonn ist die derzeit erfolgreichste alpine Skiläuferin der Welt. Zwei Mal gewann sie den Gesamtweltcup, sie war gerade Cover-Girl der Zeitschrift "Sports Illustrated”, des langjährigen IOC-Sponsors, und sie gehört in Vancouver zu den großen Favoriten. Am Donnerstag löste Lindsay Vonn ein Medienlawine aus. Kaum ein nordamerikanisches Medium, das nicht darüber berichtete:

Dürfen Sportler bei den Winterspielen bloggen? Dürfen sie die derzeit populärsten Kommunikationsplattformen nutzen: Facebook und den Kurznachrichtendienst Twitter?

Am Donnerstag, als die so genannte "Olympic Period” begann, in der das IOC die Hoheit hat, dachte Lindsey Vonn noch, das sei verboten. So teilte sie ihren 25.000 eingetragenen Fans auf Facebook und ihren 35.000 Followern auf Twitter mit: Leute, ich kann mich leider erst wieder im März hier melden, ich darf mich während der Spiele nicht äußern.

Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile. Hunderte Zeitungen, TV-Sender und Online-Medien stiegen darauf ein. Lindsey Vonn erfuhr indes vom amerikanischen Olympiakomitee USOC und vom IOC, wie es sich wirklich verhält - sie erhielt die Nachrichten über Twitter, inklusive des Links zu den olympischen Blogger-Richtlinien.

Kurz darauf teilte Lindsey Vonn ihren Fans mit: Sorry, habe mich geirrt. IOC-Kommunikationsdirektor Mark Adams:

""Lindsey Vonn dachte, sie dürfe nicht posten. Wir haben sofort getwittert und ihr die Regeln geschickt. Ich räume ein, dass die Regeln vielleicht etwas schwer zu verstehen sind. Das liegt daran, dass sie eigentlich für Webseiten gemacht waren, auch für Blogs. Es ist eine neue Ära. Es ist schwer, die Regeln den rasanten Entwicklungen im Bereich Social Media anzupassen. Wir versuchen da Schritt zu halten und mit der Zeit zu gehen.”"

Die "IOC Blogging Guidelines” gelten für alle Olympia-Akkreditierte - mit Ausnahme von Journalisten. Deren Arbeit ist einerseits durch Artikel 49 der Olympischen Charta geschützt, andererseits durch die Frage extrem reglementiert, ob es sich um einen Rechteinhaber handelt oder nicht. Wer keine teuren Rechte erworben hat, darf keine Audio- und Videosequenzen veröffentlichen.

Athleten dürfen das ebenfalls nicht. Und sie dürfen nicht journalistisch arbeiten, lediglich persönliche Aufzeichnungen veröffentlichen, ob nun in einem Blog oder in diversen Netzwerken. Sie dürfen nur Tagebuch führen und sich auf ihre Erlebnisse beschränken, nicht aber über Konkurrenten schreiben, schon gar nicht olympische Betriebsgeheimnisse verraten und Sicherheitsrisiken eingehen, was immer das heißen mag. Die 13 Regeln sind knapp gefasst.

Die Regeln wurden im Vergleich zu den Sommerspielen 2008 in Peking sogar verschärft: Sportler dürfen auf ihren Webseiten und Blogs nicht einmal mehr die Olympischen Ringe und das Logo der Vancouver-Spiele benutzen.

Das wirft Fragen auf. Denn angeblich stehen bei den Spielen und für das IOC doch die Sportler im Mittelpunkt. Die aber haben kein privates Recht an olympischen Symbolen. Die Symbole seien zu schützen, weil nur so die Einnahmen generiert werden können, die letztlich allen Sportlern zugute kommen, argumentiert IOC-Direktor Adams:

""Natürlich dürfen Sportler bloggen. Wir ermuntern sie dazu. Sie sollen bloggen, Facebook und Twitter nutzen. Es hat halt einige Irritationen gegeben. Das kommt bei einem solchen Thema, das sich so rasant entwickelt, nicht überraschend. Einige Sportler meinten, wir hätten es ihnen verboten. Das stimmt nicht, im Gegenteil. Offene Fragen werden wir am Dienstag beim Meeting mit den Delegationsleitern besprechen.”"

Es gibt viele offene Fragen, das liegt in der Natur der Sache. Die Komplexität der neuen Medienwirklichkeit, die Revolution auf dem Kommunikationssektor lässt sich nicht in dreizehn Regeln fassen. Mark Adams spricht von Grauzonen, in die man sich vortastet. Das Bemühen ist dem IOC nicht abzusprechen. Man hat schnell gelernt, ist in den großen Netzwerken aktiv, seit einem Monat auch auf Facebook, wo man an diesem Wochenende knapp 800.000 Fans hatte. Bis Freitag rechnet Adams mit einer Million aktiven Nutzern:

""Eine Million in drei oder vier Wochen! Und auf Facebook wird viel aktiver kommuniziert als auf unserer Webseite. Das ist phänomenal. Da Schritt zu halten, fällt jedem Apparat schwer, auch dem IOC. Da draußen sind viele Menschen, die über uns reden. Wollen wir daran teilnehmen oder nicht? Ich sage, wir sollten zumindest versuchen, mit unseren Fans und auch mit unseren Kritikern zu diskutieren. Sich nicht zu beteiligen, ist keine Option. Denn die Diskussion findet sonst ohne uns statt.”"

Das IOC hat inzwischen in Alex Huot einen "Social Media Manager”, der die Entwicklungen zumindest beobachtet. Das Thema neue Medien steht ganz oben auf der Agenda. Aus Sicht des IOC waren die Sommerspiele 2004 die ersten richtigen Internetspiele, weil erstmals großflächig Online-Übertragungen möglich waren.

Die Sommerspiele 2008 in Peking werden als erste digitale Spiele geführt und haben den Mythos ausgelöscht, dass die Online-Medien angeblich den TV-Anstalten das Geschäft vermiesen. Nein, IOC-Analysen zeigen, dass sich die Geschäfte gegenseitig befruchten. Zumal: Über die neuen Kanäle erreicht man endlich wieder eine jüngere Zielgruppe, wie die internen Analysen von Peking und eine Studie der Firma Sponsorship Intelligence beweisen. Vancouver erlebt nun die ersten "Social Media Spiele”, sagt Adams.

Das IOC wäre nicht das IOC, wenn nicht längst die Zielrichtung für London 2012 vorgegeben wäre. Der Businessplan sagt: In zwei Jahren will man online richtig Geld verdienen, um eventuelle Mindereinnahmen aus dem herkömmlichen TV-Geschäft auszugleichen. Nicht umsonst sagt IOC-Präsident Jacques Rogge: die digitalen Medien "sind die beste Erfindung seit der Erfindung des Fernsehens”.

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