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StartseiteBüchermarktVon einer, die zur falschen Zeit witzig war03.12.2017

Irmgard-Keun-WerkausgabeVon einer, die zur falschen Zeit witzig war

Irmgard Keun war die witzigste Autorin der Weimarer Republik. Es hätte der Beginn einer großen Karriere sein können, aber ihr Erfolg kam zu spät. Erst jetzt wird sie wiederentdeckt. Eine Werkausgabe bei Wallstein macht ihre Romane und weitere unveröffentlichte Texte zugänglich.

Von Eva Pfister

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Buchcover: Irmgard Keun: "Das Werk" (Buchcover: Wallstein Verlag, Foto: picture alliance / dpa)
"Wie eine Maus, die durch Piepsen eine Lawine aufhalten möchte" kam sich die Schriftstellerin Irmgard Keun ansgesichts des Zweiten Weltkriegs vor (Buchcover: Wallstein Verlag, Foto: picture alliance / dpa)
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Irmgard Keun war 26 Jahre alt und eine kaum bekannte Schauspielerin, als sie mit ihrem ersten Roman "Gilgi, eine von uns" einen Sensationserfolg verbuchen konnte. Der Einblick in die Seele einer strebsamen Angestellten, die durch die große Liebe ins Straucheln kommt, packte vor allem die Leserinnen und löste Debatten aus. Die sozialdemokratische Zeitung "Vorwärts" druckte den Roman in Fortsetzungen ab und rief zugleich zur Diskussion auf:

"Ist dieses Mädchen Gilgi eine von uns, das Arbeit und Zukunft wegwirft, um mit einem Manne zusammenzuleben, der seine Sache letzten Endes nur auf sich gestellt hat?
Ist sie eine von uns, wenn sie zurückfindet in die Armee der Werktätigen, als sie sich Mutter fühlt und ahnt, dass sie ihre Pflichten als Mutter an der Seite des von ihr geliebten Mannes nicht erfüllen können wird?"

"Ich will schreiben wie Film"

Es gab kritische Stimmen, die Gilgis Verhalten als unsolidarisch und ihre Probleme als Luxusprobleme abstempelten. Den Verkaufszahlen schadete das nicht. Der Berliner Universitas Verlag verdiente gut an Irmgard Keun, die sich fünf Jahre jünger ausgab, mit Genuss den Shooting-Star spielte und für Pelze Werbung machte.

Mit einem Pelz um den Hals fühlt man sich gleich wie ein anderer Mensch, das weiß auch Doris, die Protagonistin von Keuns zweiten Roman "Das Kunstseidene Mädchen". Hier lässt Keun zum ersten Mal ihre Protagonistin sprechen. Die kunstvoll gestaltete Rollenprosa wird das Markenzeichen der Autorin werden:

"Und ich denke, dass es gut ist, wenn ich alles beschreibe, weil ich ein ungewöhnlicher Mensch bin. Ich denke nicht an Tagebuch – das ist lächerlich für ein Mädchen von achtzehn und auch sonst auf der Höhe. Aber ich will schreiben wie Film, denn so ist mein Leben und wird noch mehr so sein. […] Und wenn ich später lese, ist alles wie Kino – ich sehe mich in Bildern. Und jetzt sitze ich in meinem Zimmer im Nachthemd, das mir über meine anerkannte Schulter gerutscht ist, und alles ist erstklassig an mir – nur mein linkes Bein ist dicker als mein rechtes. Aber kaum. Es ist sehr kalt, aber im Nachthemd ist schöner – sonst würde ich den Mantel anziehn."

NS-Regime: "Asphaltliteratur mit antideutscher Tendenz"

Auch "Das kunstseidene Mädchen" wurde ein Verkaufsschlager und in mehrere Sprachen übersetzt. Kurt Tucholsky lobte den "sprühenden Witz" von Irmgard Keun und schrieb: "Hier wächst etwas heran, was es noch niemals gegeben hat: eine deutsche Humoristin."

Es hätte der Beginn einer großen Karriere sein können, aber Irmgard Keuns Erfolg kam zu spät. Die Romane erschienen im Oktober 1931 und im Juni 1932; kein Jahr später stand ihr Name schon auf allen schwarzen Listen, die vom nationalsozialistischen Regime oder seinen eifrigen Helfern veröffentlicht wurden. Als "Asphaltliteratur mit antideutscher Tendenz" wurden die Romane aus Buchhandel und Bibliotheken entfernt.

Aber Irmgard Keun gab nicht so schnell auf. Im ausführlichen Kommentarteil der neuen Werkausgabe lässt sich nachlesen, wie sie weiter um ihre Schriftstellerexistenz kämpfte. Noch drei Jahre lang schrieb sie in Deutschland Texte für Zeitungen und Zeitschriften, wie erwünscht möglichst kurz, harmlos und neckisch.

Sie liebe ihre Figuren erst ab der 40. Seite, schrieb sie

Sie hasste diesen "Fabrikbetrieb" für Geldgeschichten, wie sie selbst ihre Produktion nannte. In einem Brief klagte sie:

"Ich mach' mir letzten Endes verflucht wenig draus, kleine Sachen zu schreiben. Ich fange nun mal erst an, meine Menschen … von der 40. Seite an zu lieben. Und erst ab der 100. Seite kann ich mich richtig mit ihnen verständigen und an ihrem fremden Leben restlos teilnehmen. So geht's mir ja auch im normalen Leben."

Die meisten dieser kurzen Texte sind jedoch ausgesprochen originell und belegen Irmgard Keuns Begabung für die satirische Zuspitzung. Noch die harmlosesten kleinen Geschichten sind von einem bösen Witz geprägt und lassen Kritik an den Zuständen im neuen Deutschland durchschimmern. Viel Hunger kommt darin vor, Mangel und Unglück.

"Sie ahnen nicht, wie schwer einem das Sterben gemacht wird"

Da kann sich etwa die Geschichte "Selbstmördergarten" noch so harmlos als Märchen tarnen und versöhnlich ausgehen – mit diesem Thema konnte die Keun bei keiner Zeitung landen:

"Wissen Sie, wieviele Menschen sich das Leben nehmen? Und wissen Sie, auf welch schreckliche und hässliche Art sie es meist tun müssen? Sie ahnen nicht, wie schwer einem das Sterben gemacht wird. Da hängt sich eine alte Frau an der Türklinke auf, weil ihr Mann gestorben ist und weil sie nun niemand mehr hat, dem sie eine Last wäre. Da schießt sich ein junger Mann den Kopf in Scherben, weil er eine böse Krankheit hat, die kein Arzt mehr heilen kann. In der Apotheke kann man wohl Gift kaufen, aber meistens hat man kein Geld dazu oder kein Rezept. Da springen sie denn aus dem Fenster oder ersticken sich qualvoll und langsam im Wasser oder –"

Mehr will auch der Maikäfer nicht hören, den die Keun in diesem Märchen als Fee auftreten lässt. Veröffentlicht wurde überraschenderweise der satirische Text "Ein Tatzelwurm betrinkt sich nicht", der auf den ersten Blick wie eine harmlose Säufergeschichte daherkommt.

Satire über Vorzeige-Urlaubsort der Nazis

Wenn man aber weiß, dass der Schauplatz, nämlich Cobern an der Mosel, ein Vorzeige-Urlaubsort der Nazis war, die zur mythischen Verschönerung einen Tatzelwurm-Brunnen errichtet hatten, erkennt man auch hier die beißende Ironie.

Die Kommentare der Werkausgabe stammen von Heinrich Detering und Beate Kennedy. Sie bieten nicht nur Textinterpretationen und Begriffserklärungen, sondern auch viel biographisches und zeitgeschichtliches Hintergrundwissen. Zum Beispiel, wie eine Redaktion die Lage von Irmgard Keun in jenen Jahren dreist ausnützen wollte. Die Autorin berichtete davon in einem Brief:

"Vorgestern blättre ich zufällig hier beim Zeitungsmann im Magazin 'Das Leben' – meine Augen werden plötzlich groß und starr, denn ich lese da Sätze, die mir merkwürdig bekannt vorkommen. Ich opfre eine Mark und kaufe das Heft. Und was stellt sich heraus: eine von meinen Geschichten steht da unter anderem Titel mit ganz leichten Abänderungen abgedruckt. Verfasserin Lotte Bond. Der Inhalt ist der gleiche – Pointe, Idee, Aufbau, alles. Dieselben Personen und manche Sätze wörtlich abgeschrieben. Hinzu kommt, dass es sich um eine Geschichte handelt, die ich dem 'Leben' als einzigster Zeitschrift im Februar schickte und nach drei Wochen zurückbekam."

Keun klagte auf Schadenersatz für Bücher-Beschlagnahme

Irmgard Keun wehrte sich. Mit einem Anwalt ging sie gegen diese Redaktion vor und erhielt schließlich 200 Mark Schadensersatz. Noch mutiger erwies sie sich 1935, als sie beim Landgericht Berlin eine Schadensersatzklage einreichte, und zwar wegen Verdienstausfalls durch die Beschlagnahme ihrer Bücher! In jenem Herbst beantragte sie auch die Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer. Erst als diese endgültig abgelehnt wurde, ging sie im Frühjahr 1936 ins Exil.

Nach dem Krieg hat Irmgard Keun ihre Emigration um ein Jahr vorverlegt – so wie sie überhaupt gern Legenden über ihr Leben in Umlauf setzte. Ihrem langen Bleiben in Deutschland verdankt jedoch der Roman "Nach Mitternacht" seine Brisanz.

"Das Gestapo-Zimmer scheint die reinste Wallfahrtsstätte"

Er ist eine bitterböse Beschreibung des Alltags im NS-Staat, der die Menschen veränderte: Die einen wurden zu resignierten Trinkern, die anderen zu geistlosen Mitläufern oder gar zu eifrigen Spitzeln:

"Immer mehr Menschen strömen herbei, das Gestapo-Zimmer scheint die reinste Wallfahrtsstätte. Mütter zeigen ihre Schwiegertöchter an, Töchter ihre Schwiegerväter, Brüder ihre Schwestern, Schwestern ihre Brüder, Freunde ihre Freunde, Stammtischgenossen ihre Stammtischgenossen, Nachbarn ihre Nachbarn. Und die Schreibmaschinen klappern, klappern, klappern, alles wird zu Protokoll genommen, alle Anzeigenden werden gut und freundlich behandelt. Zwischendurch kommen Mütter, deren Söhne verschwunden sind, Frauen, deren Männer verschwunden sind, Schwestern, deren Brüder verschwunden sind, Kinder, deren Eltern verschwunden sind, Freunde, deren Freunde verschwunden sind. Diese Fragenden werden nicht so gut und freundlich behandelt wie die Anzeigenden.

Erster niederländischer Veleger lehnte 1937 ab

"Nach Mitternacht" erschien 1937 im angesehenen Querido Verlag, der Heimat der wichtigsten deutschsprachigen Exilautoren von Alfred Döblin über die Manns bis Anna Seghers und Joseph Roth. Eigentlich hatte der Verlag Allert de Lange den Roman publizieren wollen, der schon Keuns hinreißende, witzig-freche Geschichten "Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften" herausbrachte. Aber dann musste die Autorin die Erfahrung machen, dass der lange Arm der Nationalsozialisten bis in die Niederlande reichte. In einem Brief an Arnold Strauss schilderte sie die Vorgänge:

"Der Verlag Allert De Lange gehört einem Herrn van Alfen. Als ich nach Amsterdam kam, wollte dieser Herr van Alfen einen neuen Jahresvertrag mit mir machen mit 200 Gulden monatlich. Mittlerweile hatte der Roman in der Pariser Tageszeitung ein derartiges Aufsehen erregt, dass Herr van Alfen (er macht immer noch Inseratengeschäfte mit Deutschland – das Inseratengeschäft ist überhaupt sein Hauptgeschäft) einen Wink aus Deutschland bekam, er möchte dieses Buch nicht erscheinen lassen. [...] Van Alfen gab mir mein Manuskript zurück – er wollte so deutliche Bücher gegen Hitler nicht bringen…."

Briefe an Geliebten überlebten Einsturz des Kölner Stadtarchivs

Die wichtigste Quelle zu Irmgard Keuns Leben und Schreiben bis 1940 sind ihre Briefe an ihren Geliebten Arnold Strauss. Der jüdische Arzt hatte 1933 seine Stelle an der Berliner Charité verloren und emigrierte in die Vereinigten Staaten.

Die Briefe, die zum Glück den Einsturz des Kölner Stadtarchivs unbeschadet überstanden haben, sind ausführlich und lebendig, aber mit Vorsicht zu genießen. Oft dramatisierte Irmgard Keun ihre Lage, weil sie Arnold Strauss um finanzielle Hilfe bat. Er schickte das Geld, weil er sie als seine Verlobte betrachtete. Die Autorin scheute jedoch davor zurück, Arztgattin in Virginia zu werden.

Joseph Roth, schrieb sie, drohe an akuter Traurigkeit zu sterben

Vor allem, nachdem sie im Sommer 1936 in Ostende den Schriftsteller Joseph Roth kennen gelernt hatte und für zwei Jahre seine Gefährtin wurde. In ihrem Text "Bilder aus der Emigration" erinnerte sie sich an ihn, zehn Jahre nach seinem Tod:

"Als ich Joseph Roth zum ersten Mal in Ostende sah, da hatte ich das Gefühl, einen Menschen zu sehen, der einfach vor Traurigkeit in den nächsten Stunden stirbt. Seine runden blauen Augen starrten beinahe blicklos vor Verzweiflung, und seine Stimme klang wie verschüttet unter Lasten von Gram. Später verwischte sich dieser Eindruck, denn Roth war damals nicht nur traurig, sondern auch noch der beste und lebendigste Hasser. […]
In seinen Büchern versenkte Roth sich gern in die Welt der alten österreichischen Monarchie – in eine Welt, von der er mit verzweifelter Anstrengung und Inbrunst glauben wollte, dass sie ihm – zumindest früher einmal – Heimat des Denkens und des Fühlens war. Doch er wusste, dass er ewig heimatlos war und sein würde."

Keun wollte nicht auf historische Stoffe ausweichen

Während sich Joseph Roth wie viele seiner Kollegen auf historische Stoffe verlegt hatte, wollte Irmgard Keun nicht vor der aktuellen Realität ausweichen. Ihr Thema wurde das Exil selbst. Sie schrieb zunächst einen eher verhalten aufgenommenen Roman "D-Zug Dritter Klasse", in dem sie Menschen in einem Zugabteil zusammenführt, die aus unterschiedlichsten Gründen Deutschland verlassen.

Ihr rastloses Leben an der Seite von Joseph Roth fand dann seinen Niederschlag in Keuns letztem Exilroman "Kind aller Länder". Aus der Perspektive der zehnjährigen Kully erzählt sie vom Leben in Hotels. Dort lässt der trinkfreudige und stets mittellose Vater Frau und Kind oft als Pfand zurück, bis er irgendwann wieder auftaucht und die Hotelrechnung bezahlen kann. Obwohl das Kind grenzenloses Vertrauen in seinen Vater hat und mit Vergnügen zu neuen Reisen aufbricht, vermittelt sich den Lesern die nackte Existenzangst von unbemittelten Emigranten.

Schreiben gegen Faschismus im Anblick der nahenden Katastrophe

Irmgard Keun gehörte zu den aktiven antifaschistischen Exilautoren, aber sie war sich sehr bewusst, wie begrenzt ihr Einfluss war. Nach dem Krieg schilderte sie die Situation lakonisch und illusionslos:

"Man kämpfte noch, aber man wusste sehr klar, dass die kommende Katastrophe nicht mehr abzuwenden war. Und mehr und mehr kam man sich vor wie eine Maus, die durch Piepsen eine Lawine aufhalten möchte. Man schrieb noch, aber man wusste nicht mehr recht, wie ein kämpferisches Buch der Sache gegen Hitler noch dienen konnte. Die Deutschen im Ausland waren ja sowieso der gleichen Meinung und die Menschen in Deutschland konnten uns nicht lesen – weder die, die man vielleicht noch hätte aufklären können, noch die, denen eine Bestärkung ihrer antinationalsozialistischen Empfindungen gut getan hätte."

Keun überlebte Krieg im Rheinland

1940 überfiel die Deutsche Wehrmacht Belgien und die Niederlande. Irmgard Keun tauchte unter. Wie es ihr gelang, nach Deutschland zurückzukehren, weiß man nicht genau, jedenfalls überlebte sie den Krieg mit ihren Eltern im Rheinland.

Mitten in den Ruinen begann sie wieder zu schreiben, zeitsatirische Texte, wie sie selbst es nannte. Zunächst lieferte sie bissige Kabarettszenen für den Nordwestdeutschen Rundfunk. Obwohl sie darin das Fortleben des deutschen Ungeistes hart geißelte, waren ihre Sketche bei den Hörern so beliebt, dass sie misstrauisch wurde. In einem Brief an den Schriftsteller Hermann Kesten, den sie aus ihren Exiljahren kannte, schrieb sie:

"Es kamen viele begeisterte Zuschriften, ich war plötzlich so eine Art 'Sonnenstrählchen' für die Hörer geworden. Jetzt macht mir die ganze Arbeit keinen Spaß mehr, weil mich der Gedanke quält, zur Aufheiterung von Nazis und Schiebern zu dienen. Ganz abgesehen davon, dass die Sonnenstrählchen-Rolle schon an und für sich Gänsehaut macht."

Rundfunkarbeiten und Glossen aus Nachkriegszeit

Irmgard Keuns Rundfunkarbeiten sowie die Geschichten und Glossen aus der Nachkriegszeit sind voll bissigem Witz und abgrundtiefem Sarkasmus. Auch sie war also – wie Joseph Roth - eine sehr lebendige Hasserin! In der Zeitschrift "Die Frau" war etwa unter dem harmlosen Titel "Was ich so erlebte" neben eher anekdotischen Texten auch folgende Passage zu lesen:

"Wohl ist so manches Mal von der Not des deutschen Volkes die Rede gewesen, wer aber hat jemals der himmelschreienden Not der deutschen Antisemiten gedacht! Sie haben keine Juden mehr. Und dabei hätte noch nie eine Zeit so überirdisch glanzvoll für Antisemiten sein können, wie die heutige. Wenn Juden da wären. Korruption in tropischer Pracht! Saftigstes Schiebertum! Geschäftemacher von imponierendem Raffinement! Leuchtender Schwindel! Und die Korrupten sind die Arier. Und die Schieber sind Arier. Die listigen Geschäftemacher sind Arier. Und die ruhmumflossenen Schwindler sind arische Arier."

Abrechnungen bis zum letzten Roman

Auch in Irmgard Keuns letztem Roman "Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen" finden sich Abrechnungen mit den ewigen Nazis und den Opportunisten sowie den neuen Frömmlern in Deutschland. Hier veränderte Keun die Perspektive und lässt zum ersten Mal einen Mann erzählen. Es ist beeindruckend, wie sie sich in die Sorgen und Nöte eines Mannes einfühlt, zum Beispiel wenn er von seinem Dasein als Soldat erzählt:

"Als ich eingezogen wurde, hatte ich mir ruhig und männlich vorgenommen, mich nicht kleinkriegen zu lassen, inneren Widerstand zu leisten und Würde und Eigenleben zu wahren. Umbringen können sie dich, dachte ich männlich und gefasst, aber an deine Gedanken und Gefühle können sie nicht ran. Sie konnten ran. Nach vierzehn Tagen bereits besaß mein Hirn nicht mehr Denkkraft als ein alter zertretener Kuhfladen. Das einzige, was ich noch wusste, war, dass ich alles falsch machte. Das einzige Gefühl, das ich noch hatte, war Angst."

In den 50ern verfiel sie dem Alkohol und verlor den Witz

Das Buch erschien 1950, allerdings ohne große Resonanz. Irmgard Keun veröffentlichte weiterhin amüsante Geschichten, denen aber zunehmend der politische Biss fehlte. Das gilt auch für den parodistischen "Briefwechsel für die Nachwelt", den sie gemeinsam mit Heinrich Böll verfasste, der jedoch keinen Verlag fand. Keun litt an Alkoholismus und geriet beinahe in Vergessenheit.

Erst in den 70er-Jahren entdeckte sie eine junge Generation, ihre Romane wurden wieder aufgelegt, Journalisten baten um Interviews. Eine davon war Ursula Krechel, die mit einem sehr schönen Essay die Werkausgabe einleitet. Sie berichtet darin auch von ihren hilflosen und vergeblichen Versuchen, der misstrauischen Autorin ihre feministische Sichtweise unterzujubeln und zitiert Auszüge aus dem Interview.

Ein Interview, das nicht gesendet wurde

Das liest sich sehr komisch, zumal Irmgard Keun zum Ende fragte: "Woher haben Sie denn meine Bücher? Ich habe keines mehr davon." Und als Ursula Krechel berichtete, dass sich in Bibliotheken und Antiquariaten noch einzelne Exemplare finden ließen, fragte die Keun:

"Kann man sie da klauen?"

Das Interview wurde nicht gesendet – so gehören auch die Zitate daraus zu den bislang unveröffentlichten oder unzugänglichen Kostbarkeiten, die diese Werkausgabe versammelt.

Irmgard Keun: "Das Werk"
Herausgegeben. von Heinrich Detering und Beate Kennedy
Wallstein, Göttingen 2017. 2044 Seiten, 39 Euro

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