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StartseiteKultur heuteIronischer Blick auf das Judentum20.03.2013

Ironischer Blick auf das Judentum

Mutige Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin

Die Ausstellung "Die ganze Wahrheit … was Sie schon immer über Juden wissen wollten" befasst sich mit Fragen rund um das Judentum. Dabei werden keine Antworten geboten, sondern Perspektiven, Ansichten und die Diskussion von Stereotypen ironisch dargestellt.

Von Jürgen König

Die Ausstellung schreckt nicht davor zurück, große Fragen um das Judentum zu stellen. (picture alliance / dpa)
Die Ausstellung schreckt nicht davor zurück, große Fragen um das Judentum zu stellen. (picture alliance / dpa)
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Jüdisches Museum Berlin

"Alle Juden sind beschnitten ..." heißt es auf einem der Ausstellungsplakate vor dem Jüdischen Museum: Dazu zeigt es vor blauem Himmel eine akkurate Hecke, die offenkundig gerade von einem Mann, der eine Heckenschere schwingt – beschnitten wird. Ein ironischer Auftakt zu einer durch und durch ironischen Ausstellung, die viele Frage stellt: Fragen nach dem "... was Sie schon immer über Juden wissen wollten" – wie es im Ausstellungstitel heißt. Kuratorin Miriam Goldmann:

"Wer ist ein Jude? Was essen Juden? Was ist mit diesen merkwürdigen kleinen Steinen auf dem Friedhof? Darf man eigentlich Israel kritisieren? Was ist eigentlich mit den Juden, warum mag man die nicht? Also all diese Dinge, die viele auch gar nicht wissen, wie sie sie formulieren sollen, haben wir versucht, in eine Form zu binden und haben versucht auch, jeweils eine, wie wir finden, angemessene Antwort zu finden."

Die "ganze Wahrheit" – die der Ausstellungstitel auch ankündigt, erfährt man natürlich nicht, denn: Es gibt sie nicht. Was es gibt, sind Perspektiven, Ansichten, zur Diskussion gestellte Stereotypen und Vorurteile, Gegenfragen. Diese Fragen liest man auf großen magentafarbenen Blöcken, als Trichter geformt weisen sie den Besucher jeweils auf ein Objekt und ein Zitat hin. Zur Frage etwa: "Sind die Juden auserwählt?" ist eine reich geschmückte Tora-Rolle zu bewundern, geschrieben steht dort, dass die Juden von Gott auserwählt wurden, daneben ein Gedicht von Leonard Fein.

"Und als Text gewählt haben wir ein englisches Gedicht, was die ganze Ambivalenz ausdrückt, die auch Juden haben mit diesem Auserwähltsein – was ja nicht nur ein Vergnügen ist, es ist auch eine Last. Dieses Gedicht fängt eben an mit der Zeile 'How odd of God to choose the Jews?', also 'Wie seltsam, dass Gott die Juden gewählt hat ...' Also manche Sachen haben auch eine nicht nur eine ernste, sondern auch eine leichtere Seite."

"Gibt es noch Juden in Deutschland?" steht an einer anderen Vitrine, darin sitzt - ein junger Mann, Leeah Engländer, "Herkunftsort: Deutschland, Sprachkenntnisse: deutsch, englisch, hebräisch, französisch", steht auf einem Schild.

"Deutsches Museum stellt Juden aus! Jetzt denken Sie, das ist irgendein Skandal, nicht? Das machen die hier schon, seit es das Museum gibt. Jedes jüdische Museum auf der Welt stellt Juden aus. Müssen wir uns bewusst werden. Und das ist keine Kritik, und das ist auch kein Lob oder irgendwas, das ist eine Feststellung. Der Tatsache sollte man sich bewusst sein, und dann versteht man vielleicht mehr über das deutsch-jüdische Verhältnis, wenn man sich bewusst ist, dass Juden so wenige sind. Vielleicht nach sehr positiven Schätzungen 200.000, wenn es überhaupt soweit kommt in Deutschland, dass man die ausstellen muss, damit man überhaupt mal mit denen in Berührung kommt."

Darf man über den Holocaust Witze machen? "Warum ist es so schwer, sich in Konzentrationslagern mit Mädchen zu verabreden? Weil auf den Armen der Häftlinge wegen der tätowierten KZ-Nummer kein Platz ist, um sich dort eine andere Nummer aufzuschreiben." So die Pointe eines Comics des Iren Dave McElfatrick, vor dem viele Besucher sich nicht trauen zu lachen, obwohl sie die Zeichnung schon komisch finden. Darf man das? fragte man sich auch im Jüdischen Museum. Kuratorin Michal Friedlander.

"Also es gibt ganz viel Protest.'das geht gar nicht. Das darf man nicht machen!' Also nicht jeder ist derselben Meinung wie die Kuratorinnen. Auch im Haus: 'So kann man es nicht machen, man kann nicht über den Holocaust Witze machen.' Aber ich denke, gerade dann, wenn Leute sagen, das ist problematisch, dann sollen sie darüber reden. Und das ist, was wir versuchen, dass die Leute ins Gespräch kommen und ganz offen darüber reden."

"Kann man einen Schlussstrich unter den Holocaust ziehen?" Die "Antwort" auf diese Frage gibt ein Foto, von Reli Avrahami 2010 aufgenommen in Netanya, in Israel: ein Ehepaar: Rina, 78 und Herbert, 86 Jahre alt. Das Paar sitzt am Küchentisch, ernst sieht es den Betrachter an; hinter ihnen an der Wand ein Foto, in Holz gerahmt: das Eingangstor von Auschwitz. Daneben ein Zertifikat der Holocaustgedenk- und Dokumentationsstätte Yad Vashem: die Anerkennung des Ehemannes als Holocaust-Überlebender. Kann man einen Schlussstrich unter den Holocaust ziehen?

Vor keiner der großen Fragen schreckt die Ausstellung zurück und sie gibt mit viel Mut, auch mit viel Witz und: einer geradezu atemberaubenden Gelassenheit, den nötigen Raum, sich Gedanken zu machen - über die vielen möglichen Antworten und über die Fragen, die sich stellen.

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