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StartseiteKultur heute"Eine Religion des Todes"23.03.2016

Islamistischer Terror"Eine Religion des Todes"

Die Recherchen für sein Stück "The Civil Wars" führten den Theatermacher Milo Rau auch in die Brüsseler Stadtteile Molenbeek und Vilvoorde. Die Islamisten-Szene gehöre dort zur Alltagskultur, erzählt Rau im DLF und beschreibt den Dschihadismus als eine "absolut nihilistische Gegenkultur", eine Sinnsuche ohne ideologische Langzeitperspektive.

Milo Rau im Gespräch mit Mascha Drost

Der Regisseur Milo Rau (dpa / picture alliance / Anton Novoderezhkin)
Menschen, die gescheitert sind, würden den salafistischen Islam als eine unglaubliche Chance begreifen, da er ihnen die Möglichkeit zur Totalkonversion gebe, sagt der Regisseur Milo Rau im Interview mit dem Deutschlandfunk. (dpa / picture alliance / Anton Novoderezhkin)
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Mascha Drost: Was hält uns noch zusammen in einer Zeit, da Radikalismen wuchern von Islamismus bis Nationalismus? Dieser Frage ging der Theatermacher Milo Rau in seinem Stück "The Civil Wars" nach. Das Stück kam 2014 auf die Bühne, eine Geschichte über die Brutalisierung des Alltags, über Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit. Recherchen für das Stück führten Rau auch nach Brüssel in die Stadtviertel Molenbeek und Vilvoorde, Gegenden, in denen die Islamisten-Szene mittlerweile keine Subkultur mehr sei, sondern regelrecht Alltagskultur, sagt Milo Rau. Wie äußert sich das? Wie hat er das bei seinen Recherchen erlebt? Das habe ich ihn vor der Sendung gefragt.

Milo Rau: Ja, das habe ich ähnlich erlebt, wie das jetzt teilweise geschildert wird, dass das Netzwerke sind, die sehr alltäglich funktionieren. Das findet in Bars statt. Vor fünf, sechs Jahren war das noch eher in Hinterräumen, jetzt ist es da auch wieder ein bisschen zurückgekehrt, aber zwischendurch war das ein sehr normales Verhalten. Man hat darüber gesprochen, es gab wenige, aber es gab einige Rückkehrer. Da gibt es jetzt mehr. Da begann dann auch der belgische Staat, mit der Zeit da die aufzufangen, sogenannte Briefing zu machen und so weiter, aber da hat der Staat noch einen ziemlich großen Rückstand, muss man sagen, weil es sehr viele Leute sind dann doch tendenziell.

"Sie finden in der Figur des Kämpfers die einzige Form von Heroismus"

Drost: Der Dschihadist ist für Sie eine allegorische Figur unserer Zeit. Können Sie das ein bisschen näher beschreiben? Eine Allegorie für was?  

Rau: Für mich ist es die Allegorie einer negativen Transzendenz, wie ich das nenne, des Versuchs, Sinn zu finden in einem Umfeld, was komplett sinnlos, auch perspektivenlos erfahren wird vor allem von diesen jungen Männern, die das dann in, sagen wir, dem syrischen Bürgerkrieg, im Nordirak oder eben hier bei Anschlägen suchen, an deren Ende nichts anderes als der eigene Tod steht.

Das ist für mich eine Art der Sinnsuche, die keine ideologische Langzeitperspektive jenseits, sagen wir, des Jenseits mehr hat. Das ist keine soziale Perspektive. Vor einigen Jahren, als die ersten Kämpfer nach Syrien gingen, um gegen Assad zu kämpfen, gab es die Perspektive noch. Da ging es gegen Diktatur, da ging es für diese Menschen und so weiter. Das hat sich verloren unterdessen.

Das ist eine absolut nihilistische Gegenkultur geworden wie eine Religion des Todes gewissermaßen, und das ist für mich sehr symptomatisch für das sehr Allegorische, für eine gewisse Schicht junger Männer, die keine Perspektive haben, auch keine Vorbildfunktion, und die tatsächlich in dieser Figur des Kämpfers, der sich selber und den anderen Tod bringt, dann eigentlich die einzige Form von Heroismus finden, die sie noch leben können.

"Wir exportieren Terrorismus aktuell"

Drost: Wie sollte man mit einer solchen Figur umgehen? Rein rhetorisch gesehen befindet man sich ja mittlerweile schon in einem Krieg mit ihnen, wenn man etwa den französischen Präsidenten hört. Was kann man dieser negativen Transzendenz, wie Sie sie nennen, entgegensetzen?

Rau: Ich glaube, das eine ist, dass es nicht zu einer Selbstradikalisierung führen darf. Das war ja damals meines Erachtens auch ein bisschen der Fehler in der Reaktion des französischen Präsidenten beispielsweise, das als Krieg zu sehen der einen Kultur gegen die andere, weil diese negative Figur im Schoße unserer eigenen Kultur groß gezogen wurde.

Diese Leute sind die, die gehen zu Tausenden und Zehntausenden in den Nahen Osten und terrorisieren dort die Bevölkerung. Natürlich gibt es einige Rückkehrer, aber das ist nicht das Problem. Das Problem sind diese Menschen, die dort weggehen. Wir exportieren Terrorismus aktuell und es gibt einen ganz kleinen Re-Import, das stimmt. Und ich glaube, das ist das Problem.

Wir müssen versuchen, innerhalb unserer Gesellschaft damit fertig zu werden, diese Leute - das klingt jetzt ein bisschen old style links - tatsächlich auch zu integrieren auf der einen Seite und auf der anderen Seite aber ganz klar klar zu machen, wo die Grenze ist. Die Sachlage juristisch anzupacken, diese Terrornetzwerke, denen wirklich nachzugehen - es kann ja nicht sein, dass zum Beispiel dieser Abdeslam, dass man da, wie lange hat es gedauert, fünf Monate, vier Monate den suchen und jagen muss. Das sind ja fast Zustände wie damals bei der RAF, wo man zwei Jahre nach jemandem sucht und ihn am Schluss dann in Molenbeek quasi in seiner Stammkneipe findet. Das ist schon sehr, sehr unprofessionell, das muss besser werden.

"Der salafistische Islam gibt einem die Möglichkeit der Totalkonversion"

Drost: Es wird ja jetzt und auch bei den vorherigen Anschlägen von Angriffen auf unsere Werte gesprochen. Gelten diese Angriffe tatsächlich den sogenannten westlichen Werten, oder vielleicht auch der verhinderten Teilhabe an ihnen, der Gewissheit, diese Werte schließen mich aus, ich kann eben nicht daran teilhaben, Stichwort Chancengleichheit? Das haben Sie ja auch schon angesprochen.

Rau: Ja. Natürlich ist es einerseits eine Enttäuschung an einer Kultur. Diese Menschen haben ja oft, wie soll ich sagen, eine gestörte Biografie. Das ist nicht so, dass die mit 17 entscheiden, Glaubenskrieger zu werden. Das sind Vorgänge, die oft erst tatsächlich nach gescheiterten Berufskarrieren, nach anderen Möglichkeiten, die nicht funktioniert haben, eingeschlagen werden, weil der Islam, der salafistische Islam gibt einem ja die Möglichkeit der Totalkonversion.

Was Du bisher getan hast, zählt nicht mehr, nimm einen neuen Namen an, Du bist rein, Dein neues Märtyrerleben beginnt. Und das ist natürlich für Leute, die gerade gescheitert sind, familiär, beruflich, eine unglaubliche Chance, und ich glaube, das ist so eine perfekte Gesellschaft, wo man dieser Subkultur quasi alles Wasser abgräbt, gibt es nicht. Es wird nie eine Gesellschaft geben, wo alle die Möglichkeit haben, sich zu verwirklichen in einem normalen Berufsleben.

"Diese Ghettoisierung ist ein Problem, das in seiner Breite angepackt werden muss"

Was aber Tatsache ist - und das ist ein Problem auch der Wohnungspolitik und der Sozialpolitik und der Einwanderungspolitik in Frankreich und Belgien, viel stärker als in Deutschland übrigens -, ist diese Ghettoisierung, dieses Abschieben von ganzen Generationen, Einwanderergenerationen in eine unmögliche soziale Lage, wo es nichts gibt, was man machen kann, und das ist tatsächlich ein Problem, das in seiner Breite angepackt werden muss.

Drost: … sagt Milo Rau. 2014 kam sein Stück "The Civil Wars" heraus.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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