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StartseiteCampus & KarriereItalienische Sparwut08.11.2010

Italienische Sparwut

Regierung Berlusconi will Stipendiengelder kürzen

Nach den Hochschulen müssen nun die Studierenden dran glauben: Das italienische Bildungsministerium kürzt die Stipendiengelder von 99 Millionen auf 25 Millionen Euro - dabei wird die Zahl der Empfangsberechtigten der "borse di studio" immer größer.

Von Thomas Migge

Proteste vor dem italienischen Bildungsministerium in Rom (AP)
Proteste vor dem italienischen Bildungsministerium in Rom (AP)

"Es handelt sich um eine eher kleine gesetzgeberische Intervention, die nötig geworden ist, weil wir einfach immer weniger Finanzmittel haben. Wir müssen unsere Ausgaben anders als bisher gewichten."

Italiens Bildungsministerin Mariastella Gelmini hat erneut den Rotstift angesetzt – dieses Mal nicht bei den Universitäten. Mal geht es um die staatlichen Ausgaben für Studierende, um die sogenannten "borse di studio". Dabei handelt es sich vor alle um Stipendien für Studierende aus sozial schwachen Familien. Für junge Leute, die nur mit staatlicher Hilfe studieren können. Wie zum Beispiel Filippo Tullisi aus Rom. Er studiert im dritten akademischen Jahr Biologie an der römischen Hochschule La Sapienza:

"So ein Stipendium erhält, wer einen guten Schulabschluss vorweisen und wer nachweisen kann, dass die Eltern wenig Geld haben. Mein Vater ist arbeitslos, meine Mutter geht putzen. Meine Eltern können kein Geld für Studiengebühren aufbringen. Ich wohne bei ihnen, aber das Geld für die Uni: Wo soll das herkommen? Viele Studierende in ganz Italien sind auf diese Hilfe vom Staat angewiesen."

184.000 Studierende haben derzeit das Recht auf ein solches Stipendium. Der Staat stellte für sie im vergangenen Jahr 246 Millionen Euro zur Verfügung. Je nach Region hat ein Stipendium eine Höhe von 1000 bis 2000 Euro im Monat; je nachdem, in welcher teuren oder weniger teuren Stadt sich eine Universität befindet. Mit diesem Geld kommen die betroffenen Studierenden für Studiengebühren, eine Unterkunft und Studienmaterialen auf.

In den Genuss eines solches Stipendiums kommen Studierende, die ein ausgezeichnetes Abitur und später hohe Punktewerte bei den einzelnen Prüfungen ihrer Fakultäten vorweisen können. Würde Filippo nicht aus Rom kommen und könnte folglich nicht bei seinen Eltern wohnen, dann würde sein Stipendium höher ausfallen, weil zu seinen monatlichen Ausgaben eine Unterkunft hinzukommt.

In diesem Jahr sind die staatlichen Ausgaben für Stipendien um 147 auf nur noch 99 Millionen Euro zusammengestrichen worden. Für das kommende Jahr sind lediglich 26 Millionen Euro vorgesehen. Studierende und ihre Eltern gehen jetzt auf die Barrikaden. Es wird demonstriert. Auch Mara Venturini aus dem sizilianischen Messina kam in diesen Tagen nach Rom, um dafür zu protestieren, dass ihre Tochter Claudia auch weiterhin eine "borsa di studio" erhält. Als alleinerziehende Mutter mit nur 600 Euro im Monat kann sie für ein Studium nicht aufkommen:

"Jetzt ist das Fass voll. Jetzt nimmt man auch Studierenden aus sozial schwachen Familien, die Möglichkeit zu studieren. Hinzu kommt, dass im Vergleich zu 2009 im kommenden Jahr fast 40.000 Schulabhänger mehr das Recht auf diese staatliche Finanzhilfe haben. Mehr Berechtigte im kommenden Jahr aber immer weniger Geld. Diese unsoziale Reform ist ein Schandfleck."

Jetzt könnte man einwenden, dass die betroffenen Studierenden doch Jobs annehmen könnten, um sich ihr Studium selbst zu finanzieren. Leicht gesagt in einem Land, in dem die Jugendarbeitslosigkeit im Norden 15 und im Süden sage und schreibe 50 Prozent erreicht, und wo fast jeder Arbeitgeber lieber illegal Einwanderer einstellt als junge Italiener.

Und so geht es weiter mit den Demos und Sit-ins aufgebrachter Studierender. Doch mit einer anderen Qualität. Immer öfter kommt es zu Aggressionen auf beiden Seiten. Verständliche Aggressionen, meinte am vergangenen Wochenende Literaturnobelpreisträger Dario Fo, denn was sich Italiens Regierung gegenüber staatlichen Hochschulen und ihren Studierenden erlaubt, sei ein offener Kampfaufruf, auf den man, so Dario Fo, reagieren müsse - und zwar mit allen Mitteln.

Eine Alternative zum Stipendiendilemma all'italiana ist eine Bewerbung um ein Erasmus-Stipendium. Seit die Ministerin weitere Kürzungen im Bereich "borsa di studio" ankündigte hat der große Run auf Erasmus begonnen.

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