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Jenseits der Parlamentswahl in der Ukraine

Ziviles Bürgerengagement in Kiew

Von Gesine Dornblüth

Ein Blick auf den Unabhängigkeitsplatz von Kiew
Ein Blick auf den Unabhängigkeitsplatz von Kiew (dpa / picture alliance / Sergey Dolzhenko)

Sonntag wählt die Ukraine ein neues Parlament. Die Wahlbeteiligung dürfte gering ausfallen. Die Menschen sind enttäuscht, doch gleichzeitig entsteht Engagement abseits der Politik: In der Hauptstadt Kiew haben Bürger ein altes Kaufhaus besetzt, weil es verkauft werden soll und damit von der Denkmalliste gestrichen wird.

Es ist schon dunkel. Heftiger Wind hämmert gegen die Türen des Gostinyj Dwor, des historischen Kaufhauses in der Kiewer Altstadt. Drinnen ist eine Versammlung der Besetzer des Gebäudes zu Ende gegangen. Ljubomira bietet Tee an und zeigt auf eine Plastiktüte voller Lebensmittel.

"Gerade kam eine alte Frau vorbei und sagte: Kinder, ich bringe euch Essen. Das sind Lauchzwiebeln, Äpfel, Tee und ein paar Geldscheine."

Ljubomira ist selbst schon Rentnerin. Andrej kommt dazu, gleichfalls im Rentenalter, er übernachtet in dem Gebäude, hält nachts die Stellung. Auf einer Holzbank liegen Wolldecken. Es ist feucht und kalt. Andrej holt eine Tüte mit Geldscheinen aus der Tasche: Spenden, gesammelt in einem Einmachglas.

"Schauen Sie, die meisten Leute geben eine Griwna, andere zwei. Manche fünfhundert. Das sind fünfzig Euro, das müssen Sie sich mal vorstellen. Das zeigt, dass die Menschen uns unterstützen. Und das ist das Wichtigste."

Seit eine kleine Gruppe engagierter Denkmalschützer das historische Kaufhaus Ende Mai besetzte, hat die Bewegung immer mehr Unterstützer bekommen. Gemeinsam haben die Aktivisten den Innenhof entrümpelt, ein Freilichtkino aufgebaut, Ausstellungen, Konzerte, Vorträge organisiert. Tausende Besucher kamen zu den Veranstaltungen. Am liebsten würden sie erreichen, dass die Stadt den Verkauf des Gebäudes an einen privaten Investor rückgängig macht, erläutert Wladislawa Osmak. Die Fremdenführerin ist vom ersten Tag an dabei.

"Wir sind keine Partei, wir sind keine NGO, wir sind horizontal organisiert. Das ist ein kultureller Widerstand. Wir möchten, dass das Gebäude so erhalten wird, wie es ist: die Wände, die Bibliothek, der Hof mit seinen Bäumen. Das ist ein idealer Ort für Konzerte. Und wir möchten, dass dieses Gebäude ein Ort der Kultur und Bildung bleibt. Wir wollen hier keine Läden und Büros."

Die Rentnerin Ljubomira nickt. Sie ist mit einem Deutschen verheiratet und lebt zeitweise in Thüringen.

"Ich möchte, dass wir in der Ukraine so eine aktive Zivilgesellschaft wie in Deutschland bekommen, die ihre Rechte verteidigt. Hier her kommen ganz unterschiedliche Leute mit ganz verschiedenen politischen Ansichten. Der Gostinyj Dwor ist ein Miniaturmodell der Ukraine. Und wir lernen hier, zusammenzuleben und Konflikte auszudiskutieren. Das funktioniert, denn wir haben ein gemeinsames Ziel: Dieses Gebäude und die Idee, die dahinter steht."

Viele der Hausbesetzer haben sich schon einmal engagiert, 2004, bei der Orangenrevolution. Sie wurden enttäuscht. Denn die Helden der Revolution rieben sich in politischen Intrigen auf und wurden schließlich abgewählt. Die Fremdenführerin Wladislawa Osmak hat viel darüber nachgedacht und ihre Schlüsse gezogen.

"Der aktive Teil der ukrainischen Gesellschaft hat damals einen strategischen Fehler gemacht. Die Leute haben geglaubt, dass diejenigen, die dank der Orangen Revolution an die Macht kommen, ihre Versprechen einlösen werden. Wir hätten sie vom ersten Tag an hart kontrollieren müssen. Das haben wir nicht getan, sondern wir haben abgewartet und auf einen guten Zaren gehofft. Das war eine schmerzhafte, aber eine sinnvolle Lektion."

Zur Parlamentswahl am kommenden Sonntag wird sie auf jeden Fall gehen. Doch große Hoffnungen verbindet sie damit nicht - ganz egal, ob, wie erwartet, die Regierung an der Macht bleibt, oder die Opposition gewinnt.

"Wir müssen lernen, selbst für unser Leben Verantwortung zu übernehmen. Und unser Engagement für dieses Gebäude ist eine Art Training."



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