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John Cages Zertrümmerung von Opernmaterial

Reihe Werkstattporträt: Heiner Goebbels inszeniert "Europeras"

Von Christiane Enkeler

John Cage, amerikanischer Komponist, Schrifsteller und Philosoph, 1979 (AP)
John Cage, amerikanischer Komponist, Schrifsteller und Philosoph, 1979 (AP)

Der Leiter der Ruhrtriennale Heiner Goebbels probt in der Bochumer Jahrhunderthalle "Europeras". In dem Musiktheaterstück hat John Cage Opernfetzen nach dem Zufallsprinzip neu zusammengesetzt.

"'Europeras' ist schon so etwas wie eine zeitgenössische Bilanz einer Kunstform, die relativ stabil geblieben ist."

Heiner Goebbels nutzt die große Jahrhunderthalle in Bochum, um der Bühne für das Musiktheater von John Cage eine Tiefe von 90 Metern zu geben.

Wie der ein oder andere Gesangspart wird die Musik der Orchestermusiker in diesem Probendurchlauf noch zugespielt. Die meisten Instrumentalisten sollen später oben auf den Galerien und Brücken sitzen, also im Raum über der Bühne. Sie spielen Opernfetzen, die John Cage nach dem Zufallsprinzip neu zusammengesetzt hat. Die Stimmen sollen sich für den Hörer wieder zusammenfügen "wie Vögel im Walde", durch den räumlichen Abstand zwischen den Musikern und wenn sie die Opernfragmente "wie ein kostbares Kleinod von einer Kammermusik" spielen, wie Heiner Goebbels sagt.

Ein paar Statisten in schwarzen Arbeitsanzügen schieben eine halbe Sonne auf die Bühne, heben sie vom Wagen und stecken ihr Strahlen an, sachlich-routiniert. Vorn ziehen drei Reihen von Statisten gestaffelte Ebenen eines Dschungelbühnenbildes hoch. Ein Statist seilt sich an einer Liane ab, anschließend wird wieder alles eingepackt, erst die Sonne, dann der Dschungel, in konzertierter, choreografierter Aktion. Vier tragen eine Sänfte hinein, neben eine Sängerdarstellerin in goldenem Kostüm. Aber die nimmt keinen Bezug darauf. Im hintersten Hintergrund brennt der Giebel eines Tempels. Die Sänfte wird wieder rausgetragen, leer.

So geht das die ganze Zeit: Wer oder was arbeitet, spielt, repräsentiert, das lässt sich nicht mehr trennen. Alles fließt zusammen. Alles fällt auseinander.

"Es ist kein Opernquiz, was hier veranstaltet wird, sondern es geht ja darum, eigentlich in dieser Landschaft aus Bildern und Tönen sozusagen ein eigenes Verhältnis dazu zu finden und sich vielleicht auch Gedanken zu machen: Was ist das eigentlich für eine Kulturgeschichte, die die Oper in den letzten 300 Jahren so zusammengefügt hat","

erklärt Heiner Goebbels:

"""Das ist eine sehr spannende Beobachtung, die Cage selbst damals schon gemacht hat, dass das Material, obwohl es aus dem 17., 18., 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts ist, gar nicht so divergiert, wie man erwartet, und von daher verbindet sich dieses Unzusammenhängende auch."

Auf einer Fläche von Planquadraten bewegen sich die Sänger. Sie haben ihr je eigenes Repertoire mitgebracht, ein anderes als in der Uraufführung. Sie kommen aus unterschiedlichen europäischen Ländern und sollen so verschiedene Sprachen und Kulturräume einbringen. Sind das dann nicht doch Verweise? Muss man als Zuschauer dann nicht doch schon eine Menge wissen?

"Wir versuchen gerade sozusagen den Korb der Sprachen, Kulturen und Musiken und Kompositionen und Opern, die man hört, möglichst groß zu machen. Deswegen haben wir die Sänger so ausgewählt, damit (die) eben nicht nur Verdi und Mozart und Händel hören. Man kann vielleicht als alter Opernhase hier das eine oder andere Mal erkennen, aber Cage war in seiner Zertrümmerung des Materials so sorgfältig, dass das wirklich, auch das reiner Zufall ist."

Gestik, Choreografien, etwa 32 Kostüme, 32 Bühnenbilder gehen auf musikwissenschaftliche Archive zurück.

"Man erfährt was über den Fundus, mit dem auch wir unsere Bildung aufbauen."

In diesem "Fundus" haben die einzelnen Bühnengewerke – Bühne, Kostüm, Choreografie – unabhängig voneinander recherchiert, erzählt Heiner Goebbels.
Vor eineinhalb Jahren hat das Team die Arbeit an "Europeras 1&2" begonnen, letztes Jahr im November zum ersten Mal geprobt.

"Das ist auch das eigentlich Spannende daran, dass ich wahrscheinlich am wenigsten weiß, was da auf uns zugekommen ist, weil es tatsächlich eine unabhängige Arbeit ist vom Raum, vom Licht, vom Kostüm, eben teilweise auch Choreografie, an der ich natürlich beteiligt bin, aber – von den Arien, die ausgewählt werden und die dann wiederum in eine Reihenfolge gebracht werden, die aber keine Dramaturgie ist, sondern die wirklich auch nur formale, zeitliche Gründe hat."

Und so sieht sich Heiner Goebbels mehr als ein Komponist der Inszenierung, der die Fäden zusammenführt. Für die Ruhrtriennale bringt er auch ein Musiktheater mit eigener Musik zur Uraufführung, Ende September mit einem 40-köpfigen Chor junger Mädchen aus Maribor. Sie bringen aber auch ihr eigenes Repertoire mit. Und dazu kommen noch Texte.

Auch beim Komponieren entwickelt Goebbels am liebsten mit Musikern, die nicht im Graben verschwinden, etwas Gemeinsames, im Wechsel zwischen Notieren und Improvisieren, wie zum Beispiel mit dem Ensemble Modern.

"Wenn man aber ein Orchesterstück schreibt für, sagen wir, die Berliner Philharmoniker oder so, dann geht das natürlich nicht, dann muss man eine fertige Partitur fristgerecht abliefern, und das ist sicher der Teil des Komponierens, der am einsamsten ist und der mich vielleicht am wenigsten reizt. Weil ich eigentlich auch die Tatsache sehr bereichernd finde, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die einen ständig über das, was man selbst im Kopf hat, hinaus inspirieren."

Dabei geht es um ein Wechselspiel zwischen Inspiration und Beschränkung: Er arbeitet auch deswegen gern mit anderen zusammen, weil die ihm Grenzen setzen. Um dann im gemeinsamen Prozess diese Grenzen wieder zu überschreiten.

Heiner Goebbels hat auch Soziologie studiert. Soziologische Fragen liegen für ihn im Arbeitsprozess, hier mit geschätzten 100 Beteiligten in den verschiedensten Bereichen. Deren Entfaltungsmöglichkeit sich später im Ergebnis ablesen lasse.

Weil jeder seinen Anteil, seine Stimme einspeist. An die klassische Trennung der Vorgänge hinter und auf der Bühne glaubt er nicht. Das Ergebnis, wie es ihn "interessiert", wie er sagt, ist nicht die Umsetzung der "Vision" eines Regisseurs, sondern das vielstimmige Resultat zur Erforschung einer Fragestellung.

Goebbels sagt, er bestelle kein "Haus mit vier Fenstern" bei seinem Bühnenbildner. Sondern er zeige ihm Musik und Text. Dann stoßen die Theatermittel aufeinander.
Das Team für die Cage-Aufführung besteht aus Menschen, mit denen er zum Teil schon seit 10, 20 Jahren zusammenarbeitet.

Das Schema der Planquadrate auf dem Boden der Jahrhunderthalle leuchtet noch einmal, als Abbild, auf einem großen, hellen Plan-Tableau zwischen den Sitzreihen. Mit einer Legende für die bunten Punkte, die für die Sänger stehen und die sich während des Probendurchlaufs – parallel zu den Darstellern auf der Bühne – über die Planquadrate bewegen: eine einprogrammierte Übersicht. Verschiedene Produktionsbeteiligte laufen während der Probe am Bühnenrand entlang, um Positionen zu fotografieren oder zu filmen.

"Ich glaube, wenn ein Stück so vielstimmig auch in seinem Resultat ist, dass es auch sozusagen für die vielen Blicke der Zuschauer ganz unterschiedliche Anknüpfungspunkte anbietet, dann interessiert es mich glaub ich am meisten. Mich interessiert es nicht, wenn zum Beispiel ein Text, ein Theatertext, reduziert wird auf eine Interpretation, mich interessiert es, wenn man einen Text aufschließt und man ihn auf sehr viele unterschiedliche Arten und Weisen lesen und begreifen und interpretieren kann. Ich finde, Interpretation ist Sache des Publikums und nicht des Regisseurs."

Keine Botschaft. Sondern Einladung.

"Ich denke, dass ein Künstler auf jeden Fall sein Publikum nicht unterschätzen sollte und nicht glauben sollte, ihm etwas beibringen zu müssen. Das wäre die Grundvoraussetzung für gute Kunst."

Damit liegt, für Heiner Goebbels, die Verantwortung für die Interpretation beim Zuschauer. Wer liest wie welches Bild, welche Konstruktion, welche Vorgabe?

Seitlich, an den Säulen in der Jahrhunderthalle, verrinnt für Beteiligte und Publikum in großen Digitalziffern die von John Cage unterteilte Zeitspanne für "Europeras1": Orientierung? Verweis auf Vergänglichkeit? Auf Wiederholbarkeit? Welche Funktion hätte hier Kritik? Und welche Regie? Am vorderen Bühnenrand brennen neun goldfarbene, muschelförmige Souffleusenkästen.

"Ich glaube, man kann sich gerade dann verständigen, wenn man es nicht als Einbahnstraße versteht. Also wenn man nicht denkt: Ich habe dem Publikum etwas zu sagen und hoffentlich kapieren sie’s, sondern wenn man darauf besteht, was man für eine starke künstlerische Arbeit baut - und dem Publikum die Freiheit lässt, diese zu entdecken."

Jede Beschreibung ist schon Beschränkung. Je größer die Freiheit, Zusammenhänge herzustellen, desto eher kann das Theatererlebnis mehrdimensional werden, und bei "Europeras 1&2" ist die Freiheit sicher riesig.

"Also, das ist sowohl für die Macher als auch für das Publikum sehr stark eine Oper der ständigen Wandlungen, verändert sich permanent, die Bilder, die Musik, ist in einem ständigen Strom von Bewegung, aber auch Überraschungen, weil immer wieder Zusammenhänge plötzlich deutlich werden, die man vorher nicht gesehen hat. Eigentlich ist das, glaub ich, eine Oper, die man gerne mehrmals sehen würde. Schade, dass sie schon ausverkauft ist."

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