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StartseiteKultur heuteJung und ohne Zukunft11.01.2011

Jung und ohne Zukunft

Zu den kulturellen Hintergründen der Jugendrevolte im Maghreb

Die aktuellen Unruhen im Maghreb drücken die Wut vieler Jugendlicher in Tunesien, Algerien und Marokko aus, ihr Leben nicht nach eigenen Vorstellungen gestalten zu können. Und das hat nicht nur wirtschaftliche Ursachen.

Von Kersten Knipp

Eines haben die Krisen im Maghreb gemeinsam: Der Islamismus ist nicht die Ursache. (picture alliance / dpa)
Eines haben die Krisen im Maghreb gemeinsam: Der Islamismus ist nicht die Ursache. (picture alliance / dpa)

Ende letzten Jahres hatte der in Frankreich lebende Schriftsteller Abdellah Taiah einen Sammelband herausgegeben, in dem junge marokkanische Autoren ihre Sicht der Verhältnisse schildern sollten. Nach Mitstreitern brauchte er nicht lange zu suchen: Knapp 20 Autoren beteiligten sich. Ihr Urteil: größtenteils vernichtend. Eine Elite sei an der Macht, die der Jugend keine Chance gebe. Einiges habe sich unter dem neuen König getan, aber es reiche nicht. Immer noch litten die jungen Menschen an autoritären Machtverhältnissen, erläutert Abdellah Taia:

"In Marokko gibt es immer jemanden, der dich auf deinen angestammten Platz verweist, der verhindert, dass man sich entwickelt, der dir sagt: Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Du bist nichts als ein kleiner, armer, unbedeutender Mensch. Es gibt auch in der Sprache Strukturen, die einen im Gefängnis, in der Position eines Untergebenen halten."

Von allen Maghreb-Ländern ist Marokko das liberalste. Die algerische Regierung fährt einen nach den Bürgerkriegen einen strikt anti-fundamentalistischen Kurs. Der Preis dafür liegt in der relativen Abschottung des Landes. Der Reiseverkehr wird in beide Richtungen relativ streng kontrolliert. Aber auch im Land selbst ist die Mobilität beschränkt, auch und vor allem in sozialer Hinsicht. Berufliche Entwicklungsmöglichkeiten gibt es kaum, neue Ideen bleiben Theorie. Und dabei so der algerische Kulturwissenschaftler Hafid Ghafaiti, sind die Algerier in Ideen und Gedanken verliebt – wenn es auch eine schwierige Liebe ist:

"Ein normales Buch kostete im vergangenen Jahr durchschnittlich 20 Euro – das sind zehn Prozent des Gehaltes, das ein algerischer Normalverdiener im Monat nach Hause bringt. Und wenn man dann bedenkt, dass ein Liter Milch ungefähr zwei Euro kostet – dann begreift man, wie schwierig es für einen Algerier ist, ein Buch zu kaufen. Das ist natürlich auch dem Staat recht, denn er hat wenig Interesse, dass sich die Leute eigene Gedanken machen. Allerdings helfen sich die Leute, indem sie die Bücher tauschen, man leiht sie sich gegenseitig. Allerdings glaube ich, dass sich die Situation jetzt auch dank des Internets verbessert."

Eine solche verhängnisvolle Mischung hat nun auch zu den Unruhen in Tunesien geführt. Präsident Ben Ali regiert das Land seit dem Putsch gegen seinen Vorgänger Habib Bourguiba 1987. Kritiker werfen ihm vor, das Land durch den staatlichen Geheimdienst zu lähmen und Sicherheitsbedenken über die Freiheit zu stellen – eine Freiheit, die von den unterschiedlichsten Gruppen gefordert wird, wie die tunesische Historikerin Sophie Bessis erläutert:

"Man darf sich keine Illusionen machen: Heute stellen die laizistischen Bewegungen politisch und sozial eine Minderheit dar. Das gilt selbst für ein Land wie Tunesien, das in gesellschaftlicher Hinsicht eines der fortschrittlichsten der arabischen Welt ist. Die säkularen Bewegungen sind in der Minderheit. Zugleich durchlaufen die Maghreb-Länder auf je eigene Weise politische, soziale und ökonomische Krisen, und entsprechend viele populistische Regungen gibt es dort. Sie sind also so etwas wie das Ohr dieser Gesellschaften. Natürlich werden sie die Verhältnisse nicht grundlegend ändern können. Aber sie stoßen Debatten an. Und der Umstand, dass es diese Debatten gibt, ist wichtig."

Im Maghreb drückt sich ein lange aufgestauter Unmut aus, die Wut vieler, ihr Leben nicht nach eigenen Vorstellungen gestalten zu können. Und das liegt nicht nur an den wirtschaftlichen Bedingungen, erläutert Abdellah Taia:

"Sobald man in Marokko etwas veröffentlicht, betritt man das Reich der Politik, ob man es will oder nicht. Allein 'Ich' zu sagen oder gar 'Ich bin' hat eine enorme politische Bedeutung. In Marokko herrscht eine große Gewalt dem Einzelnen gegenüber. Dagegen kämpfen die Leute an. Aber mit dieser Gewalt leben sie auch."

Eines haben die Krisen im Maghreb gemeinsam: Der Islamismus ist nicht die Ursache der Probleme, zumindest nicht die Hauptursache. Eher gedeiht er dank der Missstände, er wächst mit ihnen und nährt sich von ihnen. Er übersetzt ein Unbehagen in eine religiöse Sprache, das doch durch und durch weltliche Ursachen hat.

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