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StartseiteEuropa heuteErster internationaler Flüchtlingsfriedhof geplant25.07.2016

KalabrienErster internationaler Flüchtlingsfriedhof geplant

Den Flüchtlingen die Würde zurückgeben, die ihnen im Leben verwehrt geblieben ist und einen Ort des Nachdenkens und der Trauer schaffen: Die kleine Gemeinde Tarsia im Norden Kalabriens will ein Zeichen setzen und plant den ersten internationalen Flüchtlingsfriedhof für Menschen, die auf ihrer Flucht über das Mittelmeer ertrunken sind.

Von Jan-Christoph Kitzler

Vor der Insel Lampedusa warten Flüchtlinge in einem Schlauchboot darauf, in Sicherheit gebracht zu werden. (dpa / picture alliance / Darrin Zammit Lupi)
Rund 2800 Flüchtlinge sind 2016 nach Schätzungen des UNHCR bereits im Mittelmeer ums Leben gekommen. (dpa / picture alliance / Darrin Zammit Lupi)
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In Augusta, der sizilianischen Hafenstadt, zum Beispiel versuchen Experten gerade die Überreste von 458 Menschen zu identifizieren, die auf einem untergegangenen Schiff am Grund des Meeres lagen. Danach müssen Gräber für sie gesucht werden, auf kleinen Friedhöfen der Insel, die oft schon jetzt aus allen Nähten platzen.

In Tarsia gibt es Menschen, die das nicht hinnehmen wollen. Tarsia liegt nicht am Meer, sondern im Norden von Kalabrien. Berühmt ist der Ort, weil in der Nähe im Zweiten Weltkrieg das größte Internierungslager der Faschisten war. Franco Corbelli kämpft hier schon seit Langem für die Menschenrechte – und dazu gehört seiner Meinung nach auch ein würdiges Begräbnis für einen toten Flüchtling:

"Wenn dieser Mensch, der schon mal ein Unbekannter ist dann auch noch für immer in alle Winde verstreut wird, dann löscht man die Würde aus, nicht nur die Erinnerung an diesen Menschen. Ich will, dass die Rechte dieses Menschen wenn schon nicht zu Lebzeiten dann wenigstens nach dem Tod respektiert werden.

Mit dem Friedhof geben wir ihnen die Würde zurück, gedenken ihrer – und ihre Angehörigen könnten, genau wie wir, eines Tages an das Grab gehen und ein Gebet sprechen."

Gräber für Tausende statt Olivenbäume

Den Platz dafür gibt es schon. Auf 10.000 Quadratmeter Land wollen sie hier einen Friedhof für die toten Flüchtlinge schaffen. Wo jetzt noch Olivenbäume stehen, sollen schon bald Gräber für Tausende sein. Ein Gedenkort, den Franco Corbelli am liebsten Aylan Kurdi widmen würde. Dem dreijährigen Jungen aus Syrien, der vor knapp einem Jahr tot an einem griechischen Strand lag und dessen Bild zum Symbol für die Katastrophe geworden ist, die sich an den Grenzen Europas abspielt. Auch Tarsias Bürgermeister Roberto Ameruso gehört zu denen, die sich für den Friedhof einsetzen:

"Heutzutage müssen wir uns entscheiden, man darf nicht träge sein. Ich sage, wir müssen raus aus dieser Logik des dauernden Notstandes, und solidarisch sein. Und wir übernehmen diese Verantwortung. Von dieser Idee, von dieser Gemeinde geht ein Licht aus in diesem für die Menschheit sehr dunklen Moment."

Vier Millionen für einen neuen Friedhof

Rund vier Millionen Euro soll das kosten. Gerade versuchen sie, das Geld zusammenzubekommen. Die Region hat Unterstützung zugesagt und auch die Regierung in Rom will den Friedhof. Und wenn es nach den Bürgern von Tarsia geht, könnten die Bauarbeiten in wenigen Wochen beginnen. Und Franco Corbelli hat einen Wunsch: den Friedhof am 3. Oktober einzuweihen, am Jahrestag der Katastrophe von Lampedusa:

"Ich wünsche mir, dass dieser Ort, diese Gedenkstädte ein Ort des Nachdenkens wird, der Auseinandersetzung, der Begegnung, auch für die Regierungschefs, die hierher kommen werden. Nicht nur Schulen, auch die Institutionen sollen nach Tarsia kommen, um Zeugnis abzulegen und dieses Drama nie zu vergessen, das wir erleben und das weiter andauert."

Hoffen auf bessere Zeiten

Ob es mit der Einweihung des internationalen und multireligiösen Flüchtlingsfriedhofs in etwas mehr als zwei Monaten klappt, steht in den Sternen – aber in Tarsia kann sie niemand mehr aufhalten. Auch wenn Franco Corbelli und der Bürgermeister wissen, dass der Platz schon bald nicht mehr reichen könnte, wenn das Sterben auf dem Mittelmeer so weitergeht. Platz für immer mehr Gräber gäbe es hier mehr als genug. Sie hoffen, dass sie ihn nicht brauchen werden.

 

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