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StartseiteForschung aktuellKampf an zwei Fronten15.08.2006

Kampf an zwei Fronten

Doppelinfektionen mit HIV sind häufiger als angenommen

<strong>Medizin. - Aids ist weltweit weiter auf dem Vormarsch. Zwar waren bisher bereits unterschiedliche Subtypen des Virus bekannt, dennoch galten gleichzeitige Infektionen mit unterschiedlichen Unterarten als selten. Dies könnte eine Fehleinschätzung sein, meinen US-Forscher. Der Wissenschaftsjournalist Martin Winkelheide erläutert ihre These im Gespräch mit Gerd Pasch.</strong>

Infektionen mit verschiedenen Aids-Erregern sind oft nur schwer zu behandeln. (amnh.org)
Infektionen mit verschiedenen Aids-Erregern sind oft nur schwer zu behandeln. (amnh.org)

Gerd Pasch: Wie kann es geschehen, sich zweimal mit HIV zu infizieren?

Martin Winkelheide: Das kann zum Beispiel durch ungeschützten Geschlechtsverkehr oder über unsaubere Nadeln beim Drogenmissbrauch geschehen. Das heißt, dass man nicht mit einem Virustyp infiziert ist, sondern dann mit zwei unterschiedlichen Typen. Bislang hat man gedacht, das seien spektakuläre Einzelfälle, die berichtet worden sind beispielsweise aus Kalifornien oder auch aus Deutschland. Wissenschaftler vom Fred Hutchinson Krebsforschungszentrum in Seattle wollten es genauer wissen und untersuchten in Mombasa/Kenia, wie häufig solche Doppelinfektionen tatsächlich vorkommen. Dazu untersuchten sie die alte Blutproben von 57 Frauen. Bei acht Frauen entwickelte sich zumindest der Verdacht, dass sie sich zweimal infiziert hatten mit HIV, denn genetische Analysen der gefundenen Viren legten das nahe.

Pasch: Wie groß ist denn das Risiko hierfür?

Winkelheide: Das ist ja eine mehr oder weniger zufällige Auswahl gewesen unter den Blutproben, die eingefroren waren. Zwar geben sich die Forscher vorsichtig, doch sie gehen davon aus, dass doppelte Infektionen häufiger sind als man bislang geglaubt hatte. Vielleicht sei es sogar so, dass das Risiko, sich einmal mit HIV zu infizieren, genauso hoch ist wie sich dann zweimal anzustecken. Es sei in jedem Fall kein Risiko, das zu vernachlässigen sei. Nun muss man sagen, man muss einen Unterschied machen zwischen Ländern, wo HIV sehr häufig vorkommt, und Ländern, wo es weniger häufig auftritt, wie beispielsweise in Westeuropa, wo viele ja auch Medikamente bekommen und mit Medikamenten behandelt werden, die das Virus unterdrücken. Viele glaubten bislang, wenn sie Medikamente bekommen, dann ist das Risiko, dass sie sich noch einmal anstecken oder dass sie andere anstecken, relativ gering. Hier muss man ein dickes Fragezeichen machen.

Pasch: Welche Konsequenzen kann es haben, mit zwei verschiedenen Virusstimmen infiziert zu sein?

Winkelheide: Wenn man keine Medikamente bekommt, die das Virus unterdrücken, dann wird sich das aggressivere Virus durchsetzen. Aber wenn man Medikamente bekommt, dann stehen die Viren sozusagen unter hohem Druck und dann kann es passieren, dass sie genetisches Material untereinander austauschen, dass ein neues Virus entsteht, das dann möglicherweise die unangenehmen Eigenschaften von jeweils beiden Viren hat. Und das kann dann zumindest die Therapie sehr kompliziert machen.

Pasch: Was wollen denn die Forscher jetzt aus den neuen Superinfektionen lernen?

Winkelheide: Die Wissenschaftler aus Seattle wollten wissen, was für Eigenschaften muss ein Virus denn eigentlich mitbringen, damit es besser übertragen werden kann. Sie sind dabei auf eine Reihe interessanter Fragen gestoßen, zum Beispiel wie wird denn das Virus überhaupt übertragen. Forscher gehen ja immer davon aus, es seien einzelne Viruspartikel, die entweder im Blut oder in der Samenflüssigkeit herum schwimmen. Die Experten fanden allerdings auch etwa in der Muttermilch Virusformen, wo das Virus in der Zelle drinnen ist. Das Virus ist eigentlich so etwas wie ein Zellpirat, vermehrt sich in den Zellen, braucht die Zellen auch, um sich zu vermehren. Es könne eben sein, dass dieser Übertragungsweg - eben dass nicht einzelne Viren übertragen werden, sondern infizierte Zellen - sehr wahrscheinlich sei. Es sei eben nur sehr schwer zu untersuchen, das sei das Problem. Das hätte jedoch eine ganze Menge Konsequenzen, gerade wenn es darum geht, neue Vorbeugungsstrategien zu entwickeln.

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