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Seit 13:10 Uhr Themen der Woche
StartseiteUmwelt und Verbraucher"Kann Spuren von illegaler Gentechnik enthalten"18.03.2011

"Kann Spuren von illegaler Gentechnik enthalten"

Gentechnik-Reinheitsgebot für Saatgut droht aufzuweichen

Vor ein paar Tagen erst haben die EU-Staaten beschlossen, bei der Gentechnik das Reinheitsgebot für Tierfutter zu kippen. Das heißt: Künftig werden Spuren beispielsweise von Genmais im Futtertrog geduldet, auch wenn die Sorte in Europa nicht zugelassen und damit eigentlich illegal ist. Kaum ist dieser Entschluss gefällt, wird die Forderung laut, eine ähnliche Regelung auch für Gentechnik im Saatgut zu erlassen: Damit würden einige wenige Genpflanzen ohne EU-Zulassung auf den Äckern toleriert. Baden-Württemberg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein machen sich heute im Bundesrat dafür stark.

Von Mirjam Stöckel

Genpflanzen durch die Hintertür (AP)
Genpflanzen durch die Hintertür (AP)

Kampagnen im Internet, Proteste vor Landtagsgebäuden, Unterschriftenlisten und Postkarten an die Politik: Umweltschützer und Imker stemmen sich dagegen, dass der Bundesrat den Weg frei machen will für geringe Spuren von unzulässiger Gentechnik in Saatgut. Dieser Vorstoß sei politisch unverantwortlich, sagt Hartmut Weinrebe vom BUND Karlsruhe. Denn eine gentechnikfreie landwirtschaftliche Produktion werde unmöglich, wenn überall auf den Feldern einzelne Genpflanzen toleriert würden.

"Bedenken wir am Beispiel Mais: Jede Pflanze produziert Millionen Pollen, die fliegen, verdriftet werden vom Wind, von Bienen mitgenommen werden", " sagt Weinrebe" . "Eine Öffnung des strikten Reinheitsgebotes für Saatgut ist eine Öffnung, die zu unumkehrbaren Folgen führen würde."

Überall in den deutschen Anbauregionen stehen die Maisbauern gerade kurz vor der Aussaat. Auch Karl Silberer im badischen Friesenheim. Auf seinen Feldern wird er über sieben Millionen Maiskörner aussäen - gentechnikfreie Körner. Dass sich die eigene Stuttgarter Landesregierung im Bundesrat dafür starkmacht, dass sich spurenweise unerlaubte Gensorten darunter mischen dürfen - davon hält er gar nichts:

"Ich möchte eigentlich hier in der Gegend genfreies Saatgut verwenden. Wir haben hier eine Region, wo wir genfrei produzieren. Der Verbraucher akzeptiert es noch nicht, der Landhandel akzeptiert keine Gentechnik - von daher brauchen wir gentechnikfreie Ware."

Die deutschen Maisbauern brauchen milliardenweise Saatkörner - jedes Jahr wieder. Ein sicheres Geschäft für die Saatgutverkäufer also - wäre da nicht ein Problem: Immer wieder entdecken staatliche Kontrolleure in den Lieferungen kleine Mengen gentechnisch verändertes Saatgut, das für Europas Felder nicht zugelassen ist. Diese verunreinigten Partien müssen nach dem bislang geltenden Reinheitsgebot vom Markt genommen werden. Kürzlich erst wieder in Nordrhein-Westfalen. Auch in Tierfutterimporte geraten beim Transport aus Übersee immer wieder mal Genpflanzen ohne EU-Zulassung. Nach jahrelanger Lobbyarbeit der Futtermittelindustrie haben die EU-Staaten vor wenigen Wochen das strenge Reinheitsgebot durch eine Schwellenwert-Lösung gelockert. Genau das will die Saatgut-Branche jetzt auch: Sonst sei die zuverlässige Versorgung mit Maissaatgut in Gefahr.

"Wir sind enttäuscht, dass wir es im Saatgut immer noch nicht haben", " sagt Christoph Amberger vom Saatgutproduzenten KWS. " "Ich kann verstehen, dass politisch das Thema größer ist bei Futtermitteln, weil es einfach mehr Menge ist. Aber wir leben seit Jahren ohne Schwellenwert, ohne technischen Schwellenwert, und der Effekt ist, dass wir Rechtsunsicherheit haben."

Meist ist nämlich die Verunreinigung so gering, dass sie kaum nachzuweisen ist. Was aber passiert mit einer Lieferung Saatgut, wenn das erste Labor einen winzigen Anteil illegaler Körner findet, das zweite Labor aber nicht? Muss das Saatgut dann vernichtet werden? Darüber streiten sich Behörden, Bauern und Saatgut-Unternehmen - auch vor Gericht. Würde die Nulltoleranz-Regelung gelockert, hieße das: Im Zweifel darf spurenweise verunreinigtes Saatgut ausgesät werden - solange der Gentechnik-Anteil unter einem bestimmten Grenzwert bleibt. Bei der kürzlich beschlossenen Regelung für Futtermittel liegt dieser Wert bei 0,1 Prozent. Christoph Amberger vom Saatgutproduzenten KWS sagt:

"Ich denke, 0,1 ist das Beste, was wir kriegen können. Das ist auf jeden Fall sehr viel besser als das, was wir jetzt haben."

Letztlich werden alle 27 EU-Staaten gemeinsam entscheiden, ob es einen Schwellenwert für Gentechnik im Saatgut geben wird und wie hoch er sein soll. Die aufgebrachten Umweltschützer beruhigt das nicht.

Links zum Thema

Zur Abstimmung stehende Entschließung des Bundesrates zur Änderung des Gentechnikgesetzes (PDF)

Resolution der süddeutschen Imker zum Saatgut-Reinheitsgebot (PDF)

Pressemitteilung des Landtagsabgeordneten Bernd Murschel (Grüne) aus Baden-Württemberg

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