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StartseiteForschung aktuellKein "Nein" zur PID29.06.2004

Kein "Nein" zur PID

Umfrage belegt Befürwortung der Präimplantationsdiagnostik

<strong>Medizin. - Gerade für die Reproduktionsmedizin besitzen moderne und sich rasch weiter entwickelnde Verfahren der Gen- und Biotechnologie eine große Bedeutung. Die Gesetzgebung, dies zeigt der Kongress der Europäischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin und Embryologie ESHRE deutlich, kann damit kaum Schritt halten. So berichten viele ausländische Experten über Entwicklungen und Technologien, die hierzulande nicht angewandt werden dürften. Dazu zählt auch die so genannte Präimplantationsdiagnostik - PID. </strong>

Präimplantationsdiagnostik schafft den gläsernen Embryo.  (AP)
Präimplantationsdiagnostik schafft den gläsernen Embryo. (AP)

Bei der Diskussion des Embryonenschutzgesetzes kochten in punkto Präimplantationsdiagnostik schnell die Gemüter auf, kamen Assoziationen zu Orwell und Huxley. Denn die PID ist ein Verfahren, bei der die befruchtete Eizelle oder der Embryo genetisch begutachtet werden kann, bevor er der Mutter eingepflanzt und von ihr ausgetragen wird. Einerseits können so schwere genetische Schäden und Krankheiten sehr früh erkannt werden, andererseits bietet die Methode auch die Möglichkeit, unter mehreren Embryonen einen auszuwählen, der bestimmte gewünschte Eigenschaften trägt. Aus diesem Grunde ist die PID in Deutschland verboten und der Umgang mit der in-vitro-Befruchtung streng geregelt. In anderen Ländern der Europäischen Union sieht das aber ganz anders, wie der noch bis Mittwoch andauernde Kongress der ESHRE in Berlin unter Beweis stellt. Und auch die deutsche Bevölkerung scheint eine etwas andere Meinung zu dem Thema zu haben als ihre Politiker, dies belegt zumindest eine aktuelle Studie der Berliner Charite .

"Wir haben dabei gefragt: Wären Sie für eine Legalisierung der PID?, und haben anschließend gefragt, für welchen Anwendungsbereich solle die PID eingesetzt werden", berichtet die Psychologin Ada Borkenhagen. Rund 200 unfruchtbare Paare sowie mehr als 2000 per Zufall ausgewählte Bundesbürger nahmen an der Untersuchung teil. Sie alle seien vorher über die Möglichkeiten und Grenzen der Präimplantationsdiagnostik informiert worden, unterstreicht Professor Heribert Kentenich, Organisator der ESHRE-Konferenz und Mitautor der Studie. Das Fazit: Die Teilnehmer nahmen eine deutliche Position für eine die Legalisierung der PID ein, allerdings nur, um damit schwere Erbkrankheiten zu selektieren. "So sprachen sich aus der Gesamtbevölkerung 80 Prozent und von den Paaren mit Kinderwunsch 97 Prozent für eine Genehmigung der PID aus. Für die Selektion eines bestimmten Geschlechts bei dem Embryo - also ohne medizinische Indikation - sprachen sich aus der Gesamtbevölkerung drei Prozent, von den Kinderwunschpaaren ein Prozent aus", resümiert Kentenich. Demnach sprachen sich also nur sehr wenige Befragte dafür aus, mittels PID quasi das Traumkind unter den Embryonen zu bestimmen und auszuwählen. Während die Umfrage das Thema der PID in Deutschland offenbar nicht abschließend beantwortet zeigt, wurde auf dem ESHRE-Kongress deutlich, dass die Entwicklung mit großen Schritten voranschreitet.

Beispielsweise demonstrierte die australische Forscherin Chelsea Salvado von der Monash Universität ihre Arbeiten an einem Erbgut-Microchip für die Schnelldiagnose auf Mukoviszidose bei Embryonen. Bei dem Leiden liegt ein Gendefekt vor, der von Mutter und Vater gleichermaßen übertragen werden muss, um sich ganz zu manifestieren. Allerdings kann die Sequenz des Gens an verschiedenen Stellen verändert sein. Dies erschwert die zuverlässige Diagnostik bislang. Salvados Microarray-Chip soll diese Lücke schließen. "Die Methode erbringt derzeit die gleichen Ergebnisse wie mit aktuellen Standardtests bei der PID. Doch noch ist der Test für die PID nicht geeignet, denn um die nötige Zuverlässigkeit zu erreichen, benötigen wir noch zu viel Erbgut von einem jungen Embryo", so Chelsea Salvado. Eine in Berlin umstrittene Lösung des Problems wäre eine längere externe Reifung des Embryos, nach der die benötigte Zellzahl entnommen werden kann, ohne dass er nach heutiger Kenntnis dabei Schaden nimmt. Überdies, so die Australierin könnten gleich hunderte paralleler genetischer Tests auf nur einem einzigen Microarray-Chip durchgeführt werden - und die müssten keineswegs auf die reine Diagnostik schwerer Leiden beschränkt sein. Genau dies wünschen sich deutsche Reproduktionsmediziner eben nicht, wenn sie auf Legalisierung der PID drängen, betont Professor Heribert Kentenich: "Wir wollen keine Microarrays, mit denen vieles gleichzeitig untersucht wird. Die strengen Richtlinien des Bundesärztekammer-Ansatzes dazu sehen vor, immer im Einzelfall zu entscheiden und nur zielgerichtet zu untersuchen." Eine Kommission solle demnach über eine gewünschte Präimplantationsdiagnostik entscheiden. Überdies solle damit nur nach schweren Erbleiden gesucht werden. Doch bislang verschließt sich Bundesjustizministerin Zypries dem Vorschlag mit der Begründung, die Gefahr einer langsamen Aufweichung solcher Standards sei zu hoch.

[Quelle: Grit Kienzlen]

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