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StartseiteForschung aktuellKeine Arbeit, schlechtes Essen05.04.2013

Keine Arbeit, schlechtes Essen

Die Folgen der Finanzkrise in Spanien machen sich besonders bei der Ernährung bemerkbar

Ernährungswissenschaft.- Südeuropa gilt als eine Region, in der sich die Bevölkerung traditionell gesund ernährt. Doch durch die Finanzkrise scheint sich das offenbar zu ändern. Auf einem Kongress an der Universität Hohenheim wurde jetzt die Ernährungssituation in Spanien beleuchtet.

Von Volker Mrasek

Unter den spanischen Haushalten mit hohen Einkommensverlusten sparen 63 Prozent zuerst am Essen. (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)
Unter den spanischen Haushalten mit hohen Einkommensverlusten sparen 63 Prozent zuerst am Essen. (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)

Auch in Spanien gibt es Möbelhäuser der schwedischen Kette IKEA. In Zeiten der Finanzkrise üben sie eine besonders große Anziehungskraft auf Teile der Bevölkerung aus. Doch nicht wegen der angebotenen Möbel, wie Maria del Pilar Valledor von der Universität Rey Juan Carlos in Madrid erzählt:

"Die Leute gehen zu IKEA, weil dort ein Frühstück für einen Euro zu kriegen ist. Ganze Familien machen das. Sie essen dann zum Beispiel Hot Dogs. So können sie für einen Euro ihren Hunger stillen. Eine vernünftige Ernährung ist das aber sicher nicht."

Maria del Pilar Valledor ist zwar Juristin, doch in ihrer Doktorarbeit beschäftigt sie sich derzeit mit dem Thema Ernährung. So kommt es auch, dass die spanische Forscherin kürzlich einen Ernährungskongress in Stuttgart-Hohenheim besuchte.

"Spanien hat die höchste Arbeitslosenquote in ganz Europa. Wenn die Leute ihr Einkommen verlieren, bleibt ihnen irgendwann nur noch eine staatliche Minimalversorgung. Ich untersuche, was das für Auswirkungen auf die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse hat. Dazu gehört vor allem das Essen."

Auf der Konferenz in Hohenheim stellte die Juristin jetzt aktuelle Daten aus ihrem Heimatland vor. Demnach lag die Arbeitslosenquote in Spanien vor sechs Jahren noch bei acht Prozent; heute beträgt sie 26. Und es wird erwartet, dass der Anteil der Menschen ohne Beschäftigung sogar noch weiter steigt.

Für meine Studien habe ich unter anderem den neuesten Report des Kinderhilfswerks Unicef für 2012/2013 ausgewertet. Er geht detailliert auf die sozialen und gesundheitlichen Folgen der Finanzkrise in Spanien ein. Nach dem Bericht haben 41 Prozent der Haushalte ihre Ernährung umgestellt. Die Leute kaufen jetzt billigere Fertiglebensmittel, die in der Regel einen hohen Fett- und Zuckergehalt haben. Denn frische Produkte, Fleisch und Gemüse können sie sich nicht mehr leisten.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt die spanische Sozialstiftung Foessa. Unter den Haushalten mit hohen Einkommensverlusten sparen demnach 63 Prozent zuallererst am Essen, um ihre finanziellen Belastungen zu verringern. Und das in einem Land, das für seine gesunde, mediterrane Kost mit viel Obst, Gemüse und wertvollen Pflanzenölen bekannt ist. Und in dem Verbraucher im Verhältnis eigentlich viel mehr Geld für Lebensmittel ausgeben als etwa der Durchschnittsdeutsche.

"Es sind auch Untersuchungen darüber veröffentlicht worden, dass Probleme mit Übergewicht in Spanien zunehmen. Das ist eine Folge von Fehlernährung und passiert, wenn man gesunde Essensgewohnheiten umstellt. Und wie gesagt: 40 Prozent der spanischen Haushalte haben genau das getan wegen der Finanzkrise."

Die spanischen Befunde bestätigen, was Ernährungswissenschaftler auch in Deutschland beklagen: Mit minimalen finanziellen Mitteln wie dem Hartz-IV-Satz ist es kaum möglich, sich ausgewogen und gesund zu ernähren. Und schon gar nicht eine ganze Familie. Also … mit vielen frischen und selbst zubereiteten Produkten anstelle von kalorienreicher Fertigkost.

Maria del Pilar Valledor kann sich vorstellen, dass sich die Ernährungsgewohnheiten durch die Finanzkrise nicht nur in Spanien verschlechtert haben:

"Ich denke, die Situation in anderen südeuropäischen Ländern wie Griechenland und Italien ist nicht anders."

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