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Keine Hochschule für alle

Studie zum Studieren mit Beeinträchtigung

Von Wolf-Sören Treusch

Viele beeinträchtigte Studenten verstehen sich selbst nicht als behindert.
Viele beeinträchtigte Studenten verstehen sich selbst nicht als behindert. (picture alliance / dpa)

16.000 Studierende mit Beeinträchtigung haben an einer Online-Umfrage im Auftrag des Deutschen Studentenwerks teilgenommen. Wichtigstes Ergebnis: acht Prozent der Studierenden in Deutschland haben eine Behinderung oder chronische Krankheit, aber bei den wenigsten ist das auf Anhieb erkennbar.

"Im Moment belege ich keine Veranstaltungen, weil ich nicht weiß, wie."

Katrin Dinges, 26, studiert Deutsche Literatur und Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität in Berlin. Sie hat das Alström-Syndrom, das ist eine Mehrfachbehinderung in Form von Blindheit, Schwerhörigkeit sowie weiteren körperlichen Einschränkungen. Ohne Mikroportanlage, mit der die Aussagen der Mitstudierenden akustisch verstärkt werden, ist eine Teilnahme an Seminarveranstaltungen für Katrin Dinges nicht möglich.

"Der Dozent sagt in der Regel: ‚Das hält ja den Unterricht total auf, ich kann das nehmen, das ist kein Problem, aber rumreichen, nee, das kann ich mir jetzt nicht vorstellen’. Oder dass mir halt freundlich vom Besuch des Kurses abgeraten wird."

Sie benötigt inzwischen eine neue Mikroportanlage, dafür fehlt ihr das Geld. Katrin Dinges ist eine von 16.000 Studierenden mit Beeinträchtigung, die an einer Online-Umfrage im Auftrag des Deutschen Studentenwerks teilnahmen. Wichtigstes Ergebnis dieser Studie: acht Prozent der Studierenden in Deutschland, das sind etwa 180.000 junge Menschen, haben eine Behinderung oder chronische Krankheit, aber bei den wenigsten ist das auf Anhieb erkennbar. Martin Unger vom Institut für Höhere Studien in Wien, der die Umfrage geleitet hat.

"Na, ich finde, das Wichtigste ist: Studium und Behinderung wird immer assoziiert mit Rollstuhl, mit blind, vielleicht mit Gehörlosigkeit, solche sichtbaren Beeinträchtigungen weisen sechs Prozent der Studierenden nur auf, die große Mehrheit hat nicht sichtbare, auch nach längerer Zeit nicht wahrnehmbare Beeinträchtigungen, eine große Gruppe psychische Erkrankungen, hier ist auch der Knackpunkt: es bräuchte einfach wesentlich mehr Verständnis, das Feld ist viel breiter als allgemein wahrgenommen wird von allen Verantwortlichen."

Und Dieter Timmermann, Präsident des Deutschen Studentenwerks, ergänzt.

"Viele Studierende verstehen sich gar nicht als behindert, obwohl sie nach der offiziellen Definition behindert sind, viele outen sich auch ungern. Und das ist auch ein Problem, sowohl im Hinblick auf die Beratungsangebote, die dann nicht angenommen werden, dann auch nicht genutzt werden."

Fast jeder zweite Studierende mit Behinderung oder chronischer Krankheit, das hat die Studie ergeben, will seine Beeinträchtigung nicht preisgeben und verzichtet deshalb auf die notwendige Beratung. Christine Fromme, beim Deutschen Studentenwerk für das Thema Studium und Behinderung zuständig.

"Uns hat auch überrascht, wie wenig dann doch relativ gesehen die Beratungsangebote genutzt werden, und auch, wie schlecht die Nachteilsausgleiche genutzt werden, das ist ja das wichtige Kompensationsinstrument, und das obwohl, das haben wir ja auch festgestellt, Nachteilsausgleiche durchaus sehr wirksam sind. Da müssen wir dringend etwas tun, damit sich das ändert."

Nachteilsausgleiche, das sind zum Beispiel auch technische Hilfsmittel, wie im Fall der Humboldt-Uni-Studentin eine neue, 600 Euro teure Mikroportanlage. Ihr Antrag läuft. Eine weiteres Ergebnis der Studie: Viele Studierende haben aufgrund ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigungen mit den zeitlichen und formalen Vorgaben für Hausarbeiten und Prüfungen ein Problem, ihre individuellen Belange werden in der Lehre zu wenig berücksichtigt. Dieter Timmermann vom Deutschen Studentenwerk:

"Forderung an die Lehrenden, aber auch Verwaltungsbeschäftigten, ein deutlich höheres Maß an Sensibilität zu entwickeln, um den Bedürfnissen dieser Studentengruppe, das sind ja bundesweit 180.000, wenn man das mal hoch rechnet, also deren Bedürfnissen gerecht zu werden."

Auf dem Weg zu einer "Hochschule für alle", das ist klar, ist noch viel zu tun.
Katrin Dinges wird nicht aufgeben. Vorerst.

"Ich werde schon irgendwie weitermachen, aber das geht halt nicht, bevor ich nicht diese technische Hilfe habe. Ich habe es versucht, aber das Ding ist halt: Ich kann mich nicht mehr beteiligen. Und bisher hatte ich Dozenten, die gesagt haben: ‚Ja, ist okay, ich gebe Ihnen jetzt trotzdem Dateien oder so’, aber das ist halt kein Studieren. Das ist wie im Theater zugucken. Und das fühlt sich richtig fies an."

Ob sie die Kraft haben wird, zu Ende zu studieren, weiß sie noch nicht. Immerhin ist sie schon im 14. Semester des Bachelor-Studiengangs.



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