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StartseiteForschung aktuellKernfusion im Pinienwald21.11.2006

Kernfusion im Pinienwald

Weg frei für Testreaktor ITER

Atomforschung. Mit einem milliardenschweren Kraftakt wollen die Europäische Union (EU) und sechs weitere Partner die Atomfusion bis zur Mitte des Jahrhunderts für die Energiegewinnung nutzbar machen. In Paris unterzeichneten sie ein Abkommen zur Finanzierung des internationalen Forschungsreaktors ITER, der ab 2008 im südfranzösischen Cadarache gebaut werden soll. Mit dem Iter wird erstmals im großen Maßstab die Gewinnung von Energie aus der Verschmelzung von Atomkernen nach dem Vorbild der Sonne getestet. Teilnehmer des zehn Milliarden Euro teuren Projektes sind neben der EU die USA, Japan, China, Russland, Indien und Südkorea.

Von Frank Grotelüschen

Im Pariser Elysee-Palast wurde der Vertrag zum Bau des internationalen Forschungreaktors ITER unterzeichnet. (AP)
Im Pariser Elysee-Palast wurde der Vertrag zum Bau des internationalen Forschungreaktors ITER unterzeichnet. (AP)

Jean Marc Ané stapft durch den Wald, vorbei an Pinien und Lorbeerbäumen. Es duftet nach Rosmarin und Thymian - den Kräutern der Provence. Dann bleibt Ané stehen. Mitten im südfranzösischen Wald ragt ein Fahnenmast in die Höhe. Im Wind flattert die Europaflagge.

"So, wir sind da. Hier wird einmal ITER stehen. Da vorne, beim Fahnenmast, wird der Mittelpunkt des Reaktors sein. Und wir stehen genau da, wo später einmal das Plasma brennen wird."

ITER, das ist der Internationale Thermonukleare Experimentalreaktor. Mit ITER wollen Ané und seine Leute das Sonnenfeuer auf die Erde holen. Der Reaktor soll ein Gasgemisch aus schwerem und überschwerem Wasserstoff zünden, Plasma genannt. Im Plasma soll dasselbe passieren wie im Inneren der Sonne: Der Wasserstoff verschmilzt zu Helium, Unmengen an Energie werden frei. ITER hat eine klare Mission: Er soll beweisen, dass die Kernfusion als künftige Energiequelle taugt. Eine Energiequelle, die sicher sein soll, unerschöpflich und umweltfreundlich, sagt ITER-Physiker Bill Spears.

"ITER soll eine Fusionsleistung von 500 Megawatt schaffen, dieselbe Größenordnung wie bei einem Kraftwerk. Damit soll ITER zehnmal soviel Energie erzeugen, als man in ihn hineinsteckt. Das Plasma wird über 150 Millionen Grad heiß sein und soll mindestens sieben Minuten lang brennen. Später wollen wir versuchen, es über Stunden oder sogar Tage aufrecht zu erhalten."

Ziemlich ehrgeizige Ziele. Denn die technischen Herausforderungen sind enorm. Aber wenn sie funktioniert, hätte die Fusion als Energiequelle gewichtige Vorteile.

"Die Brennstoffe sind frei verfügbar, und es gibt sie überall. Den schweren Wasserstoff kann man aus Wasser extrahieren. Und Lithium, der Ausgangsstoff für den überschweren Wasserstoff, lässt sich aus Steinen gewinnen. Und das sind Brennstoffe, die praktisch unerschöpflich sind."

Der Inhalt von drei Flaschen Mineralwasser und zwei Steinen würde reichen, um eine vierköpfige Familie für ein Jahr mit Energie zu versorgen. Und: Ein Fusionsreaktor stößt kein Treibhausgas aus und erzeugt auch keinen langlebigen Atommüll. Für die Industriestaaten ist das alles verlockend genug, in den nächsten drei bis vier Jahrzehnten rund zehn Milliarden Euro in das ITER-Projekt zu stecken: Die Europäische Union zahlt als Gastgeber 45,46 Prozent. Japan, Südkorea, Russland, China, Indien und die USA sind mit jeweils 9,09 Prozent dabei. Im Wesentlichen werden die Partner ihre Beiträge in Form von Bauteilen für die Maschine leisten. Und das bedeutet: Das meiste Geld, das die EU in das Projekt steckt, fließt in europäische Unternehmen und Institute, die dem ITER-Projekt zuliefern werden.

Mit dem heute in Paris unterzeichneten Vertrag können die Experten nun loslegen: Für ITER werden insgesamt 600 Stellen für Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker geschaffen. Anfang nächsten Jahres wird der Pinienwald gefällt, dessen Platz ITER einnehmen soll. Bis 2008 soll das Planfeststellungsverfahren abgeschlossen sein, danach kann der erste Beton gegossen werden. Läuft alles nach Plan, wird ITER im Jahre 2016 sein erstes Plasma zünden und danach 15 bis 20 Jahre lang laufen, sagt Bill Spears.

"Der nächste Schritt wäre ein Demonstrationsreaktor, wir nennen ihn DEMO. Er soll ähnlich wie ein echtes Kraftwerk aussehen und zeigen, dass man mit der Kernfusion zuverlässig Energie erzeugen kann. Mit Glück könnte DEMO sogar als Prototyp für ein kommerzielles Fusionskraftwerk dienen."

Ein kommerzielles Kraftwerk könnte frühestens um das Jahr 2050 ans Netz gehen. Aber soweit sind die Forscher noch nicht. Erst müssen sie ihre Nagelprobe bestehen. Denn ITER ist ein Wagnis - ein Experiment mit offenem Ausgang. Schlägt es fehl, dürfte das das Ende der künstlichen Kernfusion sein.

"ITER könnte der Durchbruch für die Kernfusion sein, sicher. Aber die Sache könnte sich auch als Sackgasse erweisen – zu schwierig, zu kompliziert, zu teuer. Wir haben schlicht noch keine Erfahrung mit einem brennenden Plasma. ITER wird zeigen, ob die Sache funktioniert oder nicht."

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