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Kicken gegen das Virus

Wie sich ein Fußballprojekt in südafrikanischen Townships um Aufklärung gegen Aids engagiert

Von Ronny Blaschke

Das Fußballspiel ist bei Kindern in Soweto sehr beliebt - und soll auch bei der Aufklärung gegen die Verbreitung von AIDs helfen.
Das Fußballspiel ist bei Kindern in Soweto sehr beliebt - und soll auch bei der Aufklärung gegen die Verbreitung von AIDs helfen. (AP)

Kein Land leidet so sehr unter HIV und Aids wie Südafrika. 5,2 Millionen Menschen sollen infiziert sein, fast elf Prozent der Bevölkerung. Auch im Fußball bleibt Aids ein Tabu. Infizierte werden ausgegrenzt oder vergessen. Das Präventionsprojekt Grassroutsoccer in Kapstadt will die Mauer des Schweigens brechen und Jugendliche mit Hilfe des Sports aufklären.

Ein Versammlungsraum in Khayelitsha, dem größten Township Kapstadts, dreißig Autominuten von der Stadtmitte entfernt. Achtzig Kinder und Jugendliche hocken auf Stühlen und Tischen, sie sind zwischen zehn und sechzehn Jahre alt. An den Wänden hängen bunte Zeichnungen und Plakate. Zwei Jungen aus der Nachbarschaft klopfen von draußen an die Scheibe. Xolani Magqwaka lässt sich nicht ablenken. Er steht an der Tafel, gestikuliert mit beiden Händen und spricht immer weiter. Er warnt, gibt Tipps und predigt. Sein Ziel: die Aufklärung gegen Aids.

"Was wir erreichen wollen, ist, die Kinder zu erziehen, so lange sie jung sind. Wir wollen ihnen wichtige Werte des Lebens vermitteln und ihnen beibringen, wie sie frei von HIV bleiben. Diese Kids lieben Fußball, und der Fußball ist für uns ein Medium, um Kinder und Jugendliche zu erreichen und sie über HIV und Aids aufzuklären."

Xolani Magqwaka blickt aus freundlichen Augen und spricht mit seinem ganzen Körper. Er ist Manager von Grassroutsoccer: Graswurzel Fußball. Seit acht Jahren knüpft das Projekt ein Netzwerk für Prävention. Vor allem in Khayelitsha. Magqwaka kennt das Gefühl, wenn Freunde oder Bekannte plötzlich nicht mehr zum Training erscheinen. Jeden Tag verteilt er Kondome und Gesundheitsbroschüren, regelmäßig organisiert er HIV-Tests, manchmal gleich nach dem Spiel.
Zwanzig Jungen rasen über den Bolzplatz vor dem Versammlungsraum. Auf einem Kunstrasen, kleiner als ein Handballfeld. Davor warten zehn Kicker auf ihren Einsatz. Der Platz wird gesäumt von Bretterbuden und einem klapprigen Zaun. Fast alle Fußballer haben jemanden in ihrem Umfeld durch Aids verloren, Familienmitglieder oder Freunde. Xolani Magqwaka klatscht in die Hände. Der 29-Jährige will den Fußball mit einer wichtigen Lektion verbinden:

"”Dafür brauchst du Kegel. Diese Kegel sind mit Aufklebern versehen, jeder Aufkleber bildet ein Risiko ab, wodurch man sich infizieren könnte. Risiken wie Drogen, ungeschützter Sex oder Sex mit vielen Partnern. Die Kids dribbeln an den Kegeln vorbei und zeigen damit, wie sie den Risiken aus dem Weg gehen können. Und wenn sie einen Kegel berühren, machen sie eben Liegestütze. Damit wollen wir ihnen zeigen: Wenn sie auch nur eines der Risiken eingehen, kann das schlimme Konsequenzen haben.""

Vor allem in Townships wie Khayelitsha herrschen Leichtsinn und Unwissenheit. Eltern klären ihre Kinder spät auf. Es kursieren Mythen, wonach Infizierte sich heilen können. Durch Geschlechtsverkehr mit Säuglingen, Jungfrauen oder Ziegen. Die Politiker Südafrikas haben lange versagt. Die ehemalige Gesundheitsministerin hatte einst Rote Beete und Knoblauch gegen HIV empfohlen. Staatspräsident Jacob Zuma bevorzugte eine ausgedehnte Dusche. Aids bleibt ein Tabu, obwohl Aids alle betrifft, direkt oder indirekt. Auch im Fußball. Xolani Magqwaka von Grassroutsoccer schüttelt den Kopf.

"”Ich kenne keinen Spieler in Südafrika, der sich als HIV-infiziert geoutet hat. Aber ein großartiges Beispiel lieferte unser Nationalspieler Teko Modise, der öffentlich über seinen infizierten Onkel gesprochen hat. Er hat die Auswirkungen auf seine Familie beschrieben. Er gab sich sehr offen und hat gezeigt, wie Vorbilder aussehen können. Er ist ein weltweit respektierter Spieler, wenn eine solche Botschaft von ihm kommt, werden Menschen zu ihm aufschauen und eine differenzierte Meinung zum Thema HIV haben.""

In den Medien prahlen Spieler mit ihrem exzessiven Lebensstil, dazu gehören Kinder von verschiedenen Frauen. Ephraim Nematswerani, der Teamarzt des Erstligaklubs Moroka Swallows sagte, er habe mehrere HIV-infizierte Profis betreut. Seinen Schätzungen nach trage jeder sechste Kicker das Virus in sich. Zugleich warnte er vor den Konsequenzen, Hochleistungssport könne das Immunsystem schneller schwächen. Die Spielergewerkschaft hat sich mit einer Informationskampagne angeschlossen.

Zum Ende der Fußballlektion gegen Aids beschwören die Jugendlichen ihren Gemeinschaftssinn. Xolani Magqwaka sagt, das sei besonders wichtig. Denn in Südafrika werden HIV-Infizierte oft ausgegrenzt. Von Verwandten, Freunden und Kollegen. Sie leben und sterben allein. In der Leistungsgesellschaft Fußball sei das besonders hart. Doch in Khayelitsha wird an diesem Nachmittag niemand nach seiner Leistung gefragt.

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