Mittwoch, 13.12.2017
StartseiteUmwelt und Verbraucher"Fossile Energien nicht einfach durch erneuerbare ersetzen"24.03.2017

Klimaschutzziele erreichen"Fossile Energien nicht einfach durch erneuerbare ersetzen"

Natürlich sei Windenergie sehr umstritten, aber er kenne kein Szenario, was ohne den Ausbau der Windkraft zustande komme, sagte der Umweltschützer Olaf Tschimpke im DLF. Bei der Verwirklichung der Klimaschutzziele gehe aber auch um die Reduktion des Stromverbrauchs, die Koppelung mit dem Wärmemarkt und um das Thema Verkehr.

Olaf Tschimpke im Gespräch mit Georg Ehring

Felder mit zahlreichen Windkraftanlagen bei Husum in Schleswig-Holstein (dpa picture-alliance/ Daniel Reinhardt)
Der Naturschutzbund NABU hat jetzt seine Position zur Windkraft geklärt: Olaf Tschimpke erläutert sie im DLF. (dpa picture-alliance/ Daniel Reinhardt)
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Georg Ehring: Nicht nur Kenia setzt auf die Windkraft; Deutschland tut dies schon seit vielen Jahren und richtig gute Standorte an Land werden langsam knapp. Doch weil ein einzelnes Windrad deutlich weniger Strom erzeugt als ein Atom- oder Kohlekraftwerk, sind noch viele Standorte vonnöten, und die Zahl der Windräder wird sich in den nächsten Jahren sicher noch einmal verdoppeln.

Von Wohngebieten sollen Windräder Abstand halten. Also hinaus in die Natur, in den Wald und auf hohe Berge. Dort ist es schließlich besonders windig.

Viele Naturschützer sehen das mit gemischten Gefühlen. Der Naturschutzbund NABU hat jetzt seine Position zur Windkraft geklärt und seinen Präsidenten Olaf Tschimpke habe ich vor dieser Sendung gefragt, ob man beim weiteren Ausbau Naturschutzgebiete und Wälder außen vor lassen kann.

"Eine anständige Regionalplanung"

Olaf Tschimpke: Naturschutzgebiete muss man außen vor lassen. Wir dürfen es nicht zulassen, dass wir Naturschutz gegen den Klimaschutz ausspielen. Wer das tut, macht einen riesen Fehler, denn auch Naturschutzgebiete und die Natur leistet natürlich einen erheblichen Beitrag zum Klimaschutz. Von daher geht es darum, sehr, sehr sorgfältig zu planen, und das vermissen wir manchmal.

Ehring: Ein Drittel Deutschlands ist von Wäldern bedeckt und die sind ja ökologisch auch sensibel. Wie gehen wir denn damit um?

Tschimpke: Die ganz sensiblen Wälder muss man natürlich davon ausnehmen, gerade auch, wo man alte Waldbestände hat, wo man ökologisch wertvolle Waldbestände hat. Es gibt aber auch einige Bereiche, wo das nicht so ist, wo wir noch Fichten-Monokulturen haben. Da kann man im Einzelfall natürlich anders entscheiden. Für mich ist entscheidend, dass man eine anständige Regionalplanung macht, so dass man auch Korridore freilassen kann, dass man Räume komplett freilassen kann, wenn Lebensräume sie zum Beispiel unzerschnitten sind, und dass man in anderen Räumen dann auch tatsächlich Windanlagen planen kann, so dass man auch im Sinne der Bevölkerung vermeidet, dass ganze Orte wirklich von Windparks umzingelt werden.

"Beim Verkehr haben wir noch gar keine Ziele erreicht"

Ehring: Aber der Ausbau der Windenergie, der soll Ihrer Meinung nach schon weitergehen?

Tschimpke: Ja. Ich kenne jetzt noch kein Szenario, was ohne einen weiteren Ausbau der Windenergie zustande kommt. Entscheidend ist für mich aber eine Gesamtplanung. Da wollen wir uns als NABU mal ganz intensiv mit beschäftigen. Denn es geht ja nicht darum, fossile Energien allein durch erneuerbare zu ersetzen. Das ist ja kein Ziel. Sondern wir müssen ganz erheblich in die Reduktion des Stromverbrauchs kommen und wir müssen auch sehen, dass wir das mit dem Wärmemarkt koppeln. Es macht ja keinen Sinn, nur erneuerbaren Strom zu erzeugen, sondern auch der Wärmemarkt muss sich ja verändern, um Klimaschutzziele zu erreichen, und das steht im Mittelpunkt. Und natürlich das Thema Verkehr. Dort haben wir noch gar keine Ziele erreicht. Von daher ist das noch eine Riesenherausforderung.

Ich will auch noch das Thema Repowering ansprechen. Wir haben noch sehr viele Altanlagen. Die sind schon 10, 15 Jahre im Betrieb und die müssen auch verändert werden und erneuert werden. Wir müssen sehen, dass wir möglichst flächensparend arbeiten. Auch hier sehe ich eine Riesenherausforderung. Das bedeutet, dass man das Erneuerbare-Energien-Gesetz nach der Bundestagswahl mit Sicherheit noch mal verändert und neu anpasst.

Die Dichtezentren von Rotmilanen beachten

Ehring: Windräder werden von Kritikern oft als Vogelschredder oder als Fledermauskiller bezeichnet. Da gibt es drastische Formulierungen und auch immer an einzelnen Standorten Ergebnisse, dass zum Beispiel der rote Milan gefährdet wird. Finden Sie das nicht so schlimm?

Tschimpke: Natürlich ist das so. Es gibt ja dazu jede Menge Untersuchungen und das hängt wieder damit zusammen, dass man tatsächlich die Dichtezentren von Rotmilanen – das ist eine Verantwortungsart, wo Deutschland wirklich internationale Verantwortung hat – ausnehmen muss. Das kann man aber durch kluge Planung auch hinbekommen und dann muss man sich die Räume aussuchen, wo tatsächlich auch die Konflikte minimiert sind. Deswegen hat ja auch die Bundesregierung jetzt dieses Kompetenzzentrum erneuerbare Energien und Naturschutz eingerichtet, wo man tatsächlich auch Best-Practice-Beispiele, vorbildliche Beispiele auch zeigt.

"Natürlich ist die Windenergie sehr, sehr umstritten"

Ehring: Wie sieht es denn innerhalb des Naturschutzbundes aus? Ist die Windenergie da auch umstritten? Sie haben ja viele Mitglieder mit unterschiedlichen Interessen auch.

Tschimpke: Natürlich ist die Windenergie sehr, sehr umstritten und natürlich leiden auch viele unserer Mitglieder darunter, dass tatsächlich jetzt auch immer mehr Gebiete unter Druck geraten und auch durch Windanlagen überbaut werden sollen. Das war ja genau der Grund, warum wir jetzt dieses neue Positionspapier herausgegeben haben, wo wir auch mal unsere Anforderungen an den Windenergie-Ausbau und an den Naturschutz formuliert haben. Und wir werden uns in diesem Jahr auch noch mal mit einer Studie damit beschäftigen, dass wir tatsächlich auf Flächenreduktion hinauskommen, dass wir nicht so viel Fläche verbrauchen. Wir sind erst am Anfang.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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