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StartseiteEssay und DiskursSchönheitskonkurrenz der Männer24.08.2014

Körperkult Schönheitskonkurrenz der Männer

Sie verwenden Anabolika, Omnadren, Superanabolon, Testosteron und andere nicht ungefährliche Mittel: Männer trimmen sich und ihre Muskeln im Fitnessstudio. Nicht selten endet dieser Versuch, mehr Selbstbewusstsein zu erlangen, in einer Enttäuschung.

Von Joachim Hildebrandt

Bodybilder stehen nebeneinander. (AFP / Alexander Klein)
In allen Gesellschaftsschichten gibt es Anhänger des männlichen Körperkults. (AFP / Alexander Klein)
"Zum ersten Mal in meinem Leben war ich in einer Muckibude und bewegte zwei Stunden lang das Eisen. Alles tut mir weh. Ich bin 44 Jahre und 332 Tage alt und wiege 66 Kilo. Neben den Jungs aus dem Studio sehe ich aus wie ein "Strich in der Landschaft", ein "Klappergestell" oder ein "Hering". Einer dieser Schränke fragte mich an der Langhantel, wo er 120 Kilo riß: "Wieviel hat dein Kabel?" Ich gab vor, nichts gehört zu haben, und wechselte zur Stange. Es stellte sich heraus, daß es um den Bizepsumfang ging. Also: Mein linkes Kabel hat 28 Zentimeter und mein rechtes 29. Ein blödes Gefühl: Die Jungs haben Kabel von vierzig Zentimetern." (Wlodzimierz Nowak, "Muckibude".)

Auf einem stillgelegten Fabrikgelände in Berlin-Charlottenburg trainieren 15 Muskelmänner. Sie stemmen Gewichte, bewegen Hanteln, schwitzen und stöhnen. Die meisten trainieren für sich, mancher hat auch einen Betreuer, der Mut macht, einen Schritt weiter zu gehen, wieder etwas mehr Gewichte zu heben. Der jetzt 21-jährige Dani ist schon mit 14 ins Fitnessstudio gegangen. Er hat verschiedene Techniken ausprobiert und ist dabei geblieben. Mit dem Ziel, an einem Wettkampf teilzunehmen und eine Körpersymmetrie aufzubauen, sodass die Muskeln miteinander harmonieren. Der Körper bietet eine Chance, etwas aus ihm zu entwickeln, das Lust macht, das Spaß macht und uns eine Akzeptanz von anderen Menschen entgegenbringt. Der Körper ist zugleich etwas Begrenztes, dem wir entgehen wollen.

Wann entsteht, in welcher geschichtlichen Situation, die soziale Notwendigkeit, einen Körper zu disziplinieren? Der französische Philosoph Michel Foucault nennt das 1977 "Strategie ohne Strategen". Es geht darum, ein bestimmtes, ein sichtbares Subjekt hervorzubringen. Klassenübergreifend, alterslos. Ob als Fließbandarbeiter oder als Schulkind oder als Militär, mit möglichst gestähltem Körper aufzutreten.

Wespentaille für Männer

Sobald wir uns an den wohlgeformten Oberkörper-Muskeln des Bodybuilders sattgesehen haben, trifft unser Blick auf die schmale Hüfte, als wäre sie für die Präsentation eingeschnürt, ähnlich einer weiblichen Figur aus vergangenen Jahrhunderten, in ein Korsett gezwängt - Wespentaille heißt das. Doch was wir sehen ist reiner Kraftsport im Hardcorestudio, ist das Ergebnis eines Trainings - nach langen Exerzitien, Schwitzen und Stöhnen, im Extremfall mit bis zu 200 Kilogramm beschwert in der Lage zu sein, zwölf Kniebeugen zu machen. Das erfordert eine harte Disziplin. Auch bei der Ernährung. Der Bodybuilder Dani schildert seinen Tagesablauf bis zum Nachmittag:

"Ich stehe circa sieben Uhr morgens auf, fange dann mit meiner ersten Mahlzeit an, dem Frühstück. Das setzt sich zusammen aus fünfzig Gramm Haferflocken, fünf Eiweiß, getrennt vom Eigelb, ein Eigelb und zwanzig Gramm Eiweißprotein. Dann gehe ich in mein Büro, Informatik. Um zehn Uhr trinke ich den nächsten Eiweißshake, mit dreißig Gramm Eiweißprotein, das schnell vom Körper absorbiert wird. Um zwölf Uhr ist die erste warme Mahlzeit. Dann habe ich die erste Mittagspause im Büro. Die Mahlzeit setzt sich zusammen aus 250 Gramm Hähnchen, 250 Gramm Gemüse und zehn Gramm Walnüssen. Um 14 Uhr trinke ich wieder einen Eiweißshake, wieder 30 Gramm Eiweißkonzentrat, um 16 Uhr esse ich 100 Gramm Reis, weil das die Mahlzeit vor dem Training ist. Reis liefert Kohlenhydrate. Kohlenhydrate sind ein Energielieferant."

"Es ist der Geist, der sich den Körper baut"

"Mens sana in corpore sano", spottet der römische Dichter Juvenal. Statt der dummen und eitlen Wünsche, welche die Menschen in ihren Gebeten vortragen, sollten sie lieber von den Göttern "einen gesunden Geist in einem gesunden Körper" erflehen. Mit der Entstehung der Turnbewegung und Körperkultur wurde diese Rede gern aufgegriffen, später auch einseitig interpretiert. Nur in einem gesunden Körper könne ein gesunder Geist wohnen. "Es ist der Geist, der sich den Körper baut", heißt es in Schillers Wallenstein Monolog.

Nico organisiert die Trainingsabläufe in einer Berliner Muckibude und berät die Muskelmänner bei der Auswahl der Geräte. Die Zitate der Dichter treffen sehr wohl auch auf den Bodybuilder zu, findet er. Wenn der Geist nicht bereit sei zu dem, was dem Körper im Training bevorsteht, könne er damit rechnen, dass sich kleine Fehler einschleichen und man sich verletzt.

"Man muss mental immer fit für den Sport sein. Man muss 100 Prozent geben und geben wollen und dann minimiert man das Verletzungsrisiko."

"Es gibt auch einige Bodybuilder, die einfach nur wie Maschinen laufen und nur das machen, was ihnen gesagt wird. Es gibt aber auch zahlreiche, die alles hinterfragen und selbst sich das Wissen aneignen und nicht nur wie eine Uhr funktionieren wollen. Die auch die ganzen Basics, die dahinter stehen, verstehen möchten."

Was vermag ein Körper?

Manchem Bodybuilder reicht es, die Geräte zu bewegen und seiner Leidenschaft nachzugehen. Andere hinterfragen die Übungen: Was macht der Geist dabei, was treibt einen wirklich an, gibt es Ambitionen, die psychisch bedingt sind, um etwas im Leben auszugleichen? Im Körper sind vielfältige Möglichkeiten angelegt, die in einem Prozess eine neue Struktur schaffen, ihn verwandeln wollen oder die gegebenen Möglichkeiten zu ent-grenzen versuchen.

Was vermag ein Körper? Hängt es von der Genetik ab, wie viel ein Mensch verträgt oder entscheidet die Einnahme von Anabolika, wie weit der Bodybuilder kommt? Die Praktizierenden und die Wissenschaftler sind da nicht einer Meinung. Letztlich hängt es wohl immer von der Konstitution des Trainierenden ab. Man muss auch Glück haben, keine gefälschten Steroide angedreht zu bekommen, sogenannten Dreck.

Der Körper kann mit seinen festen und flüssigen Bestandteilen sich eine weitere Verfestigung oder Verflüssigung wünschen, um sich neu zu erschaffen. In den westlichen Gesellschaften ist zu beobachten, wie sich deren Subjekte positionieren, wie sie sich selbst definieren und wahrnehmen beim Arbeiten, beim Essen, beim Sich-Darstellen, beim Sport treiben. Überschreitungsprozesse spielen eine Rolle. Die Gestaltung der Ausübung von Macht wird neu durchdacht und in den Körper von neuem eingeschrieben. Beim Bodybuilding besteht die Gefahr, den Körper durch Training zu "verbauen" oder ihn durch Medikamente kaputt zu machen. Gefährliche Stoffe gibt es jede Menge.

"Von den Steroiden wächst jeder Muskel"

Der Essay "Muckibude" von Wlodzimierz Nowak, erschienen im Lettre 104 /2014, thematisiert ein in Polen gebräuchliches Steroid Metanabol, das bei Darmerkrankungen, Leberzirrhose, Osteoporose und Auszehrung durch schwere Krankheiten wie AIDS Muskelschwund bekämpfen soll. Es bewirkt einen starken Zuwachs an Muskelmasse, speichert in den Zellen große Mengen von Wasser. Eine längere Anwendung kann Gelbsucht verursachen. Solange man es einnimmt, nimmt man schnell zu. Sobald man es absetzt, nimmt man jedoch schnell wieder ab. Von den Steroiden wächst jeder Muskel, auch das Herz.

"Alle nehmen es. Dem einen schadet es, dem anderen nicht, wie Zigaretten. Du willst ein stämmiger Typ sein, also nimmst du es. Dann hast du Angst, wieder abzubauen, hast Angst, die anderen könnten sagen: Er war mal echt massig, jetzt ist er nur mickrig! Also schluckst du immer mehr, immer stärkeren Stoff. Vielleicht würde ich es lassen, wenn ich Herzschmerzen hätte oder mir die Leber oder die Niere wehtun würden. Oder wenn ich Probleme im Bett hätte. Doch alles ist okay. Also denke ich mir: andere rauchen, saufen, ich aber trinke nur an Sylvester. Das Rauchen habe ich aufgegeben, und ich ernähre mich gesund, fettarm ..." (Wlodzimierz Nowak: "Muckibude")

Bildhauerei am eigenen Körper

In den 70er-Jahren tauchten häufig Stimmen auf, die Bodybuilding als Kunstform betrachteten. "Pumpin Iron", ein Doku-Drama, das nach einer Buchvorlage 1977 entstand und ein Kultfilm des Bodybuildings wurde, heißt im Untertitel: "The art and sport of bodybuilding." Geschildert wurde die Vorbereitung verschiedener Bodybuilder für die Wettbewerbe Mr. Olympia und Mr. Universum.

Danach könnte man Bodybuilding als Bildhauerei am eigenen Körper verstehen. Der Mensch formt künstlerisch seinen Körper in der athletischen Disziplin. Mit aller Konsequenz. Das Ergebnis ist eine Botschaft an uns. Die Botschaft lautet: Ich habe meinen Körper selbst geformt nach meinem Bilde. Der Bodybuilder meißelt und geißelt seinen Körper, senza pietá, erbarmungslos, bis er aussieht, als sei er ein geformter Stein, hart genug, allen äußeren Einflüssen zu widerstehen, von solcher Festigkeit, dass Regen, Sturm, Kälte, Hagel ihm nichts mehr anhaben können, an ihm abprallen. Im Ergebnis wirkt der Körper dann mitunter so künstlich wie eine Figur aus einem Computerspiel, ein Cyborg, an dem wir das Menschliche erst einmal suchen müssen.

Oder: das Kunstwerk ist tatsächlich gelungen. Dieser geformte Körper ist dem Bodybuilder schützenswert, bewahrenswert. Er sollte nicht eingesetzt werden im Fußballspiel oder im Boxsport, sondern nur zum Dasein, Selbstzweck: wenn der Muskelmann von Bühne zu Bühne reist, von Wettkampf zu Wettkampf und dort eine Schau des Körpers aufführt. Im schmalen Slip auf der dünnen Taille. Der Kraftathlet muss nicht mehr mit seiner voluminösen Brust Ketten sprengen wie einst Anthony Quinn in "La Strada", muss nicht Eisenstangen biegen oder Pferde stemmen, wie der preußische Athlet Eugen Sandow.

Erster Bodybuilding-Wettbewerb 1901

Der Pferdestemmer Sandow lebte von 1867 bis 1926 und veranstaltete den ersten Bodybuilding-Wettbewerb - am 14. September 1901 in London unter dem Namen "The Great Competition". Sandow hat darauf sein Unternehmen aufgebaut, Sportgeräte und eine spezielle Nahrung vertrieben.

Bodybuilder und Fitness-Sportler tun nicht ein und dasselbe. Fitness ist eine Modeerscheinung, die dazugehört, wenn man mitreden will. "Was hast du am Wochenende gemacht?", fragt uns ein Kollege oder eine Kollegin. Wenn die Antwort lautet: "Ich war im Fitnessstudio", könnte noch die Feststellung kommen, "du siehst gar nicht danach aus"; aber der Kollege könnte auch dazu angeregt sein, über eine ähnliche Freizeitbeschäftigung zu sprechen.

Beim Bodybuilding denken wir an Arnold Schwarzenegger und seine Filme, wie "Conan, der Barbar". Mit dem er 1984 als bewunderter Muskelprotz zum internationalen Filmhelden wurde. Entspricht die athletische Erscheinung eines Muskelmannes noch dem Schönheitsideal vieler Menschen?

Vorbild Herkules

Die griechischen Heldensagen kreisen um Heroen, um Helden aus der Vorzeit, Halbgötter, die sich um das allgemeine Wohl der Menschen verdient gemacht haben. Sie waren ortsgebunden und galten als Helfer in allen öffentlichen und privaten Angelegenheiten. Im Glauben des Volkes waren sie so verwurzelt, dass man sich eher an sie hielt als an die hohen Götter. Das griechische Wort heros, besonders das davon abgeleitete Adjektiv heroisch, steht für heldenhaft. Herakles ist der griechische Held, von den Römern als Herkules verehrt. Heute noch bezeichnet man einen athletischen kräftigen Mann als Herkules.

"Von Kontinent zu Kontinent gibt es ein anderes Ansehen für den Kraftsport, für das Aussehen wie Herkules", sagt Nico Bodybuilder-Trainer aus Berlin.

"In Europa gibt es eine große Neidgesellschaft. Da ist das nicht so sehr angesehen. Kommt man nach Amerika als trainierter Typ, da ist man einfach ein cooler Typ, bist halt ein body und wirst halt freundlich von den Leuten aufgenommen. Und in Deutschland wirst du halt schräg angeguckt, weil die Leute mitunter selber nicht den Ehrgeiz haben, sich so zu quälen und dahinzukommen. Sie schätzen das aber auch nicht dementsprechend und gucken einen an, als sei man ein Außerirdischer. In Amerika sagen die Leute: Cool, dass du so aussiehst, hart trainiert, wie lange bist du dabei, wie lange machst du das schon? Bist in dem Sinne eine coole Socke, weil du das durchziehst, worauf du Bock hast."

Der Körper als "lebende Skulptur"

Erst in den 60er und 70er Jahren hat die Öffentlichkeit Interesse an Bodybuilding gezeigt. Zugleich wurden Kunstströmungen wie Body Art, Happening und Performance Art populär. Der Körper als "lebende Skulptur". Während es sonst um die Auslotung körperlicher Grenzen ging, war es für den Bodybuilder wichtig, dass der Körper unbeschädigt erhalten bleibt. Dafür stand schon die teflon-artige Glätte der Oberfläche der Haut. Eines verlieren Bodybuilder nicht aus den Augen, das Ideal einer Übereinstimmung mit sich selbst, einer Unabhängigkeit, einer Purität, einer fast unschuldigen Reinheit. In dem Bestreben, das Kunstwerk entstehen zu lassen ohne stilfremde Elemente, um die künstlerische Perfektion zu erreichen - so wie aus einer gotischen Kirche barocke Zutaten entfernt werden.

Nur fragt sich, ob das dem Bodybuilder tatsächlich so bewusst ist. Gewiss gibt es ebenso Mischformen, die nicht in dieser reinen und strengen Form das Ziel sehen. Selbst wenn der Körper hypertrophiert, ein Übermaß aufweisend wirkt, ist er doch auch das Ergebnis einer Entsagung, bestimmte Stoffe zu sich zu nehmen, die das Zellenwachstum einer Körperpartie verringern würden. Der Lebensstil wird der angestrebten ästhetischen Gestalt angepasst und lässt das Zufällige nicht mehr zu, solange der Bodybuilder die sich auferlegte Arbeit an sich selber konsequent weiterführt. Er sperrt sich gegen unbewusste Einflüsse und wendet bestimmte Techniken und Prozeduren an, wie die Einnahme von Supplementen, das Abwiegen der Nahrung, Enthaarung der Haut. Um das Leben zu perfektionieren, sein Verständnis von Freiheit zu verwirklichen, bezogen auf den Körper, der nicht derselbe bleiben und eines Tages altern wird.

Der Sportler will sich hervortun

Millionen von Menschen in Deutschland trainieren im Fitnessstudio, um abzunehmen, sich körperlich fit zu halten, mit Freunden zusammen zu sein und um das Gefühl zu haben, dazuzugehören. Anders läuft es in der Muckibude. Dort ist Bodybuilding und Gewichtheben angesagt. Je mehr jemand stemmt, desto besser ist er angesehen. Anhänger männlicher Körperkultur, eines männlichen Körperkults, findet man in allen gesellschaftlichen Schichten. Manchmal kommt auch ein Arzt ins Studio, um seine Erfahrungen mit dem Bodybuilding zu machen.

Der Umgangston der scheinbar harten Jungs, schweißbedeckt, ist ein anderer. Ehrlichkeit und Fleiß sind hoch angesehen. Man findet eine männliche Herzlichkeit, hilft sich sogar beim Training. Eine Art Clique, eine Kumpelschaft, weg von der Straße, trifft sich hier. Viele Eisen liegen herum. Verschiedene Hanteln, ein Gerät zum intensiven Treppensteigen für die Beinmuskulatur. Geräte zum Heben von Gewichten, 40 Kilogramm, 80 Kilogramm oder noch viel mehr.

Der Sportler will sich hervortun. Der Leistungssportler will auch noch Geld verdienen. Wenn man den Fitnesssportler mit dem Bodybuilder vergleicht, könnte man sagen: Der Fitnesssportler will gefallen. Sich selbst. Aber er will mit seinem Körper auch gut in der Gesellschaft zur Geltung kommen. Der Bodybuilder hingegen will vielleicht eher auffallen, sich abheben von der Norm, von der Masse, und zugleich dazugehören zu seiner Peer Group, in der es weniger um Altersgleichheit als um Interessengleichheit geht.

Unproportioniert und übertrieben?

Im Philosophieren über die Ästhetik stoßen wir auf einen Gegensatz. Das Schöne, das Harmonische und Gefällige, wie beim Fitness, steht gegenüber dem bis zum Exzess gehenden Bodybuilding. Gewaltig soll es sein. Unbezwingbar, uneinnehmbar. Der Fitnessmensch strahlt ein Einverständnis mit gesunden, aktivierenden gesellschaftlichen Normen und Idealen aus. Er verkörpert eine Mainstream-Flexibilität, die Schlankheit des Körpers. Er wirkt anziehend auf uns und ansprechbar. Der Bodybuilder flößt uns eher Respekt ein oder bekommt unsere Ablehnung indirekt zu spüren. Wir fühlen uns von dem Körper mitunter abgestoßen. Wir finden ihn unproportioniert und übertrieben. Zugleich sehen wir das Durchmachte, Durchlittene darin. Die Ernsthaftigkeit, mit der das erreicht wurde, bringt uns durchaus auch zum Lächeln.

Der polnische Autor Leszek Kolakowski äußerte einmal in einer Reihe von philosophischen Fernsehvorträgen, die auf Deutsch als "Mini-Traktate über Maxi-Themen" erschienen sind:

"Manchmal amüsieren wir uns über die sportlichen Rekorde; uns scheint, als müsste jemand, der unter ungeheuerlicher Anstrengung trainiert, damit es ihm vielleicht gelingt, im Hundertmeterlauf zwei hundertstel Sekunden schneller zu sein oder im Hochsprung zwei Zentimeter mehr zu schaffen, den Verstand verloren oder nie besessen haben; ähnliches gilt für den, der mitfiebert und, wenn ein Rekord gelingt, dies als ein außerordentliches historisches Ereignis ansieht. Ist es aber klug, sich darüber lustig zu machen?"

Der Bodybuilder simuliert das Vorhandensein einer Kraft

Die Lust am Rekord ist eine menschliche Vorliebe, ähnlich wie das Interesse an Extremen. Zum Phänomen des Bodybuilders kann man sagen, sein Körper ist nicht dafür da, gut zu funktionieren in einem Ablauf, sondern er will sich selbst repräsentieren, in Szene setzen. Im Bodybuilding zählt zuerst die Möglichkeit einer Kraftausstrahlung, ohne dass diese Kraft wirklich vorhanden sein muss. Der Bodybuilder simuliert das Vorhandensein einer Kraft. Der Profi Bob Cicherillo sagt: "It´s not how much weight you can lift. It´s how much you look like you can lift."

Entweder behauptet man sich im Leben oder man geht unter. Der Sport- und Fitnesskaufmann Nico meint, das treffe auch auf den Bodybuilder zu. Entscheiden würde sich im Wettbewerb, wenn man auf die Bühne geht und seinen Körper präsentiert, ob sich der Ehrgeiz und die Willenskraft, die kräftezehrenden Übungen durchzustehen, gelohnt haben. Ausschlaggebend sei nicht, "schön wie Apoll" auszusehen, der für die Neuhumanisten und Klassizisten zum Symbol männlicher Schönheit wurde. Bei Ovid in den Metamorphosen wird dann Adonis, der jugendlich-schöne Geliebte von Aphrodite, zum Schönheitsideal. Adonis ist athletisch gebaut. Beim Bodybuilding-Lifestyle hingegen geht es vor allem darum, der Mächtigste zu sein, sich behaupten zu können gegenüber dem Rest der Welt. Die entsprechende Körperfülle verdeutlicht das und zugleich den Willen des Mannes, sein eigenes Schönheitsideal darzustellen.

Die Aufführung oder das sich zur Schaustellen haben eine kulturelle Bedeutung. Es geschieht vor einer dritten Instanz, dem Publikum. Es weckt Emotionen. Der Körper wird das Medium des Ausdrucks, ermöglicht dem Betrachter, sich ein Bild von der Welt und von sich selbst zu machen. Wenn der Fußballfan den brasilianischen Fußballstar Neymar bewundert, dann vergleicht er ihn mit sich selber. Hier sieht er in einem Fußballspieler Spielfreude, unerschrockenes Draufgängertum und Schönheit des Ausdrucks verkörpert. Von solch einem Menschen erwartet man ein Wunder. Dass er ein Tor schießt. Wenn Neymar in Aktion tritt, ruft der Fernsehmoderator nur Neymar!, als würde jetzt alles passieren, was sich Millionen von Zuschauern wünschen. Fast eine übertriebene Heilserwartung an einen einzelnen Rekordsportler.

Eine Möglichkeit zur Identifikation

Durch das Einsetzen des Körpers, durch seine Performance, schafft sich der Akteur einen Raum, den er selbst gestaltet und sich aneignet. Durch Einsatz des Selbst nimmt er Besitz von einem Teil der Welt, wie der Tänzer sich seine Tanzfläche selbst schafft oder der Schauspieler auf der Bühne seinen Platz einnimmt. Es ist ein wechselseitiges Sich-Darstellen, sich selbst einem Betrachter gegenüber und vom Betrachter wieder auf sich selbst zurück. Diese Darbietung hat eine kulturstiftende Wirkung, kulturelle Bedeutung, wenn es ihr gelingt, im Einzelkörper einen Kollektivkörper wiederzufinden oder zumindest sich selbst damit in Beziehung zu setzen. Kann ich mich mit dem Körper identifizieren, kann ich etwas daran studieren, das ich selbst versuchen kann nachzuahmen? Oder wirkt der Körper fremd, abstoßend auf mich und zeigt er mir etwas, das ich so nicht erreichen will? Vielleicht lässt er mich dann spüren, wie ich mir eine bestimmte Ästhetik vorstelle, wie ich den Ausdruck meines Körpers als wahr empfinde. Es entsteht ein Identifikationskonzept, eine Möglichkeit zur Identifikation.
Der polnische Philosoph Leszek Kolakowski sagte in seinen Fernsehvorträgen:

"Möglicherweise verbirgt sich in dieser Leidenschaft nach Rekorden und dem Interesse an Extremen irgendeine metaphysische Wurzel: ein Verlangen, über das hinauszugehen was ist, eine sonderbar ausgedrückte, nicht selten ins Groteske und Absurde abgleitende - wie alles, was menschlich ist, sei es gut oder böse - Hoffnung auf Unendlichkeit."

Der preußische Pferdestemmer Eugen Sandow trieb es soweit, dass er auf Varieté-Bühnen als männliches Pin-up auftrat und seine Fotos schließlich in Schwulenkreisen verbreitet wurden. Er rasierte seinen Körper, puderte die Haut und ließ von weiblichen Fans seinen Bizeps befühlen. Seine übertriebene Männlichkeit wurde ins Lächerliche gezogen, parodiert, ohne dass er das beabsichtigt hatte. Als wollte er ein Schönheitskönig werden, sendete er Signale aus wie: Seht mich an! Lasst euch davon imponieren! Der Philosoph Michel Foucault spricht von Schönheit als Macht, Schönheit als komplexes Wissen.

"Der Körper steht unmittelbar im Feld des Politischen, die Machtverhältnisse legen ihre Hand auf ihn, umkleiden ihn, markieren ihn, zwingen ihn zu arbeiten, martern ihn, verpflichten ihn zu Zeremonien, verlangen von ihm Zeichen."

Von Muskelschönheit zur politischen Macht

Dieser 1977 von Foucault geäußerte Gedanke über den zu disziplinierenden Körper trifft wohl heute auch noch zu. Muskelschönheit zum Beispiel kann zu politischer Macht führen. Wir sahen das in Kalifornien, als Arnold Schwarzenegger zum Gouverneur wurde. Und in Venezuela finden wir unzählige Schönheitsköniginnen, nachdem sie, von der Industrie gesponsert, durch plastische Chirurgie ihren Körper verändern ließen. Viermal gewannen sie den Titel Miss Universum. Nach dem gewonnenen Titel gingen sie meistens in die Politik.

Das Begehren nach Anerkennung, Schönheit und "Normalität" treibt die Menschen an, mit dieser Disziplin den Körper als Subjekt zu konstituieren, um zu zeigen, so ist er und nicht anders. Und noch etwas: diese Momente der Intensität verschaffen eine Präsenz, das Gefühl, Teil der materiellen Welt zu sein und die Möglichkeiten des Körpers auszuschöpfen, möglichst sogar eine übermenschliche Form zu produzieren.

Michel Foucault sprach davon, dass der Körper den Regulierungsbestrebungen der Mächtigen stets ein eigenes Potenzial entgegensetzt, immer mehr und anders sein wolle als nur eine Fläche, in die passiv etwas hineingeschrieben wird, dass er auch danach dränge, eine multiple Persönlichkeit zu werden, wie wir das heute verstärkt sehen können.

Der Körper der Menschen in den Industriegesellschaften (oder: im Kapitalismus) will zunehmend nach eigenen Gesetzen funktionieren, sich so disziplinieren, wie er sein eigenes Modell darstellen oder als Handlungssubjekt sich zeigen will. Vielleicht will er Ziggi Stardust sein, wie David Bowie in der gleichnamigen Kunstfigur, oder ähnlich wie Arnold Schwarzenegger aussehen oder die Show des Posierens beherrschen lernen und öffentlich aufführen. Pose-up und pose-down. Die prallen Muskeln und den Bizeps bewundern lassen. Oder zu einer Skulptur erstarren und aussehen wie Herkules oder ein griechischer Held von Olympia und so bleiben wollen bis an sein Lebensende.

Übergewicht durch Muskeln

Der 21-jährige Bodybuilder Dani berichtet, wohin die erhöhte Einnahme von bestimmten Substanzen führen kann. Er nahm sogenannten Dreck, auch Fake, Anabolika-Fake. Er fühlte sich wie Superman. Vor einem halben Jahr hatte er aufgrund seines Übergewichts, das nicht aus Fett bestand, sondern durch den Aufbau von Muskeln entstanden ist, mit erhöhtem Blutdruck zu kämpfen. Er hatte eine Grenze erreicht und musste zugleich immer dasselbe Körpergewicht mit sich herumtragen. Da er aber in kurzer Zeit enorm an Muskelmasse zunahm, bekam er Schwierigkeiten mit dem Blutdruck. Er hat inzwischen die regelmäßig eingenommenen Substanzen, mit denen er sich auf einen Wettkampf vorbereitete, abgesetzt.

Wie weit werden wir gehen? Welches Risiko nehmen wir in Kauf, um mitzuhalten beim Leistungsdruck? Wir setzen den Körper in Bewegung und in Beziehung zu der Welt, in die wir hineingekommen sind. Der Körper übernimmt Aufgaben. Er dreht sich, er gerät in Spannung, oder er ruht einfach. Er will seine Muskeln anspannen, seine Kräfte entfalten, einem anderen Körper gegenübertreten, sich mit ihm messen, oder er will sich verkriechen. Und so findet er seinen Platz im gesellschaftlichen Leben, wo er sich behaupten oder einfach wohlfühlen kann.

"Zwischen zwei Trainingseinheiten geht man zum großen Spiegel und begutachtet seinen Körper. Ob er wächst? Gleichmäßig an allen Seiten? Also lässt man die Muskeln spielen und erzählt einander dabei kleine Geschichten. Zum Beispiel über einen Hund, der zu viel Bol abgekriegt hat. Der Boxer hatte einen Besitzer, der gerne Steroide nahm. Das Herrchen spritzte sie sich in den Hintern. Mit derselben Spritze und dem gleichen Stoff – man weiß nicht mehr, ob für Tiere oder für Menschen – behandelte er auch den Hund. Das Herrchen schwoll wunderschön, der Hund auch. Dem Herrchen gefiel, dass sein Boxer wie ein riesiger Rottweiler aussah. Bis der Hund nichts mehr ausscheiden konnte. Als ihn der Tierarzt aufschnitt, war es sinnlos, das Tier wieder zuzunähen: nur Sch... Sein Herrchen spritzt nun alleine weiter." (Wlodzimierz Nowak: "Muckibude")

 

Joachim Hildebrandt ist Hörfunkautor, Schriftsteller und Literaturkritiker. 

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