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StartseiteForschung aktuellKombinierte Gefahr08.02.2007

Kombinierte Gefahr

Erhöhtes Alzheimerrisiko durch Diabetes

Medizin. – Diabetes, die Zuckerkrankheit, ist ein großes Problem für die Patienten und das Gesundheitssystem. In die lange Liste der Folgen muss wohl ein weiteres Leiden aufgenommen werden, die Alzheimer Krankheit. Ein Diabetes führt nicht direkt zum Untergang der Nervenzellen, aber die Veränderungen im Stoffwechsel schaden auch dem Gehirn.

Von Volkart Wildermuth

Diabetes erhöht offenbar das Risiko für Alzheimer. (Deutsche Diabetes-Stiftung)
Diabetes erhöht offenbar das Risiko für Alzheimer. (Deutsche Diabetes-Stiftung)

Ommoord ist ein Vorort von Rotterdam. Nicht die erste Adresse für Touristen, wohl aber für Gesundheitsforscher. Seit 1990 werden hier regelmäßig fast 11.000 Männer und Frauen umfassend medizinisch untersucht. Zu Beginn der Studie waren sie 55 Jahre oder älter, heute sind sie weit in den Siebzigern. Viele von ihnen leiden inzwischen an der einen oder anderen Krankheit, knapp dreihundert auch an Alzheimer. Schon Ende der Neunziger konnten die Ärzte anhand dieser Daten einen Risikofaktor für den Gedächtnisverlust dingfest machen, erläutert Dr. Jochen Ennen von der Medizinischen Hochschule Hannover.

"Wer einen Diabetes mellitus des Typs II hat, der hat ein höheres Risiko an einer sporadischen Alzheimer-Demenz zu erkranken."

Zuckerkranke entwickeln doppelt so häufig Alzheimer, wie Menschen, die keine Probleme mit dem Insulin haben. Die Forscher der Rotterdam Studie schätzen, dass fast neun Prozent aller Alzheimerfälle auf eine Zuckerkrankheit zurückgehen. Wie genau die Verbindung zwischen Insulin und Gehirn verläuft, wird derzeit heiß diskutiert. Auch Jochen Ennen forscht auf diesem Gebiet. Ein wichtiges Element ist sicher die Energieversorgung der Nerven. Das Gehirn benötigt einen ständigen Nachschub an Zucker, um effektiv arbeiten zu können, der aber kann beim Diabetes gestört sein. Entscheidend ist, dass die Bauchspeicheldrüse in der Frühphase einer Zuckerkrankheit immer mehr Insulin produziert. Ennen:

"Insulin sorgt normalerweise dafür, dass der Zucker in die Zellen kommt. Haben sie zuviel Insulin, dann sind die entsprechenden Rezeptoren, also das Schlüsselloch für das Enzym, blockiert und dann kann kein Zucker mehr in die Zelle eintreten, was zu einer intrazellulären Energieverarmung führt. Und damit dann höchstwahrscheinlich muss man sagen zu Zelluntergang führen könnte."

Schon auf der Ebene des Stoffwechsels bedeutet die Zuckerkrankheit Stress fürs Gehirn. Insulin hat aber zusätzlich auch ganz spezifische Effekte auf die Nerven. Letztlich beeinflusst das Hormon sie auch die beiden Kennzeichen der Alzheimerschen Krankheit die Ablagerungen zwischen und in den Nervenzellen, deren Entstehung Professor Jens Wiltfang, an der Universität Erlangen-Nürnberg untersucht. Wiltfang:

"Die toxischen Eiweißkörperchen, die sogenannten Beta-Amyloid-Peptide, die bei Alzheimer eine wesentliche Rolle spielen, werden durchaus auch mit Hilfe des Insulins aus den Neuronen freigesetzt. Und wenn es dort eine Störung gibt und jetzt eben diese Beta-Amyloid vermindert aus der Nervenzelle herauskommt, dann kann es sich schon in der Nervenzelle zu sehr gefährlichen Aggregaten zusammenballen."

Insulin fördert auf Umwegen auch die Ablagerung eines zweiten giftigen Eiweißstoffes. Normalerweise kann die körpereigene Müllabfuhr solche defekten Proteine schnell beseitigen, aber auch hier wirkt ein Insulinüberschuss störend. Wiltfang:

"Ein Enzym, was sowohl das Insulin abräumt und wegschafft, ist gleichzeitig auch bedeutsam für das Abräumen der A-beta-Peptide, das sogenannte IDE. Wenn mehr Insulin zur Verfügung steht würde erst einmal das IDE das Insulin abbauen, insofern gibt es da Zusammenhänge."

Es ist aber nicht so, dass nun jeder Zuckerkranke fürchten muss, später sein Gedächtnis zu verlieren. Die große Mehrheit der Diabetespatienten war bei der ersten Auswertung der Rotterdam Studie geistig gesund. Was also bringt die Erkenntnis zu dem Zusammenhang zwischen Diabetes und Alzheimer? Für Jochen Ennen ist der entscheidende Punkt, dass sich hier neue Wege für die Behandlung der Demenz eröffnen. Ennen:

"Man versucht die Sensibilität der Insulinrezeptoren zu erhöhen damit das Insulin besser an die Rezeptoren andocken kann, Das ist ein Ansatzpunkt der sehr, sehr interessant ist und es gibt da gerade aktuelle Studien, die wahrscheinlich auch erfolgversprechend sind."

Es werden mehrere Wirkstoffe erprobt. Die Studien sind noch nicht abgeschlossen, aber es ist durchaus möglich, dass Medikamente zur Behandlung der Zuckerkrankheit in Zukunft auch Alzheimerpatienten zugute kommen.

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