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Kontrolle 3.0

Wie sieht das Internet der Zukunft aus?

Von Mariann Unterluggauer

Internet für alle? Nö! Die großen Player wie Facebook und Google entwickeln heute keine Anwendungen mehr für das offene Netz, meint Internetpionier Louis Pouzin.
Internet für alle? Nö! Die großen Player wie Facebook und Google entwickeln heute keine Anwendungen mehr für das offene Netz, meint Internetpionier Louis Pouzin. (picture alliance / dpa)

Internet.- Vor 20 Jahren wurde die Internet Society ins Leben gerufen. Auch um diesen Anlass zu würdigen, fand nun in Genf die Konferenz Global INet 2012 statt. Im thematischen Mittelpunkt stand aber keinesfalls die Feierlichkeit, sondern die Frage, wie in der Zukunft noch ein Internet garantiert werden kann, das für alle offen ist.

Manfred Kloiber: Anfang der Woche fand in Genf die Konferenz Global INet 2012 statt. Ausrichter war die Internet Society, kurz ISOC, die ihre internationale Tagung gleich auch dazu nutzte um an ihre Gründung vor 20 Jahren zu erinnern. Internetpioniere, die alles andere als leise sind, trafen dort auf ihre Nachfolger. Politiker auf Wissenschaftler und die Medienindustrie auf die Vertreter der WIPO, der Weltorganisation für geistiges Eigentum. Diskutiert wurde an den drei Tagen über die Zukunft des Internet. Vor allem über seine Perspektive als offenes und globales System. Diese Offenheit stellte der französische Computerwissenschafter und Internetpionier Louis Pouzin infrage.

"Das Internet wurde als Experiment konzipiert. Offen und für jeden zugänglich. Aber diese Idee entspricht nicht den Erwartungen der Unternehmen. Die Automobilbranche, Banken, Versicherungen, Facebook oder Apple entwickeln heute keine Anwendungen mehr für das Internet. Sondern sie schreiben Applikationen für ihre eigenen, abgeschotteten Systeme."

Kloiber: Louis Pouzin ist kein unbeschriebenes Blatt unter den Computerwissenschaftler. Er hat in den 1970er-Jahren die Datagrams, die verbindungslose Datenpaketübertragung definiert, die heute Dienste wie Skype erst ermöglichen. Heute engagiert er sich für mehr Multilingualität und für ein stärkeres Mandat der Zivilgesellschaft im Netz. Warum sieht er eigentlich keine Zukunft für das Internet? Schließlich hat er doch selbst an diesem System mitgearbeitet, Mariann Unterluggauer?

Mariann Unterluggauer: Louis Pouzin gibt dem Internet durchaus eine Chance, allerdings nicht mehr diesem einen Internet, das 1967 als Experiment bei der Advanced Research Agency initiiert wurde. Die digitale Welt eigne sich heute nicht mehr für Experimente, meint Louis Pouzin eigentlich. Er glaubt, wie übrigens so manch anderer Teilnehmer an der Konferenz Global INET, dass die Zukunft nicht mehr dem einen Internet gehört, sondern das viele Netzwerke parallel existieren werden. Er brachte ja bereits das Beispiel Apple und Facebook. Das Internet wird also schon aufgeteilt, und jeder will ein Stück davon abbekommen.

Kloiber: Die Balance zu finden zwischen Kontrolle und Macht im Internet, das war eines der beherrschenden Themen auf diesem dreitägigen Kongress der Internet Society diese Woche am Genfer See.

Was man zur Machtausübung im Internet braucht, das fasst Louis Pouzin in drei Punkten kurz zusammen.

"Erstens, die Kontrolle über die Standards. Diese Aufgabe hat die IETF übernommen, die Internet Engineering Task Force. Zweitens, die Kontrolle der Infrastruktur, allen voran das Domainname System. Und drittens, ist eine Art "Kooperationismus" nötig; eine bestimmte Klasse an Menschen, die dazu erzogen wird, alles, was aus den USA kommt, gut zu finden. Egal ob es um Entscheidungsprozesse oder die Entwicklung von Standards geht."

Geht es um die Zukunft des Internet, dann habe Europa, nach Ansicht von Louis Pouzin, recht wenig mitzureden. Die Organisation, die weltweit über das Herzstück des Internets, das Domainname System, und damit die Verwaltung und Vergabe der Adressen und Internetnamen überwacht, ist die "Internet Corporation for Assigned Names and Numbers". Vorstandsvorsitzender bei ICANN ist Steve Crocker; einer der amerikanischen Internetpioniere und Erfinder der "Request for Comments". In den RFCs kann man nachlesen, wie das System Internet aufgebaut ist.

"Was ist die Zukunft von ICANN? Ich denke, solange es Bedarf gibt, wird ICANN seinen Job erledigen. Die Zukunft von ICANN sehe ich darin, zu Diensten zu sein, die Community zu unterstützen und auf ihre Bedürfnisse einzugehen. Ich weiß aber, dass viele das Gefühl haben, ICANN kontrolliere die Internetgemeinde. Ich meine, es ist genau umgekehrt."

In die Kritik gerät ICANN regelmäßig, weil sie sich formal nur den Vorgaben der amerikanischen Rechtssprechung verpflichtet sieht. Und mit ihrem Vorstoß, neue Toplevel-Domains zum Preis von 185.000 Dollar pro Stück anzubieten, muss sie sich aktuell den Vorwurf gefallen lassen, sich ihre eigene Gelddruckmaschine erschaffen zu haben.

"Nein, es ist nicht teuer, es ist extrem teuer. Wir reden hier nicht nur von 185.000 Dollar sondern, von ein, zwei Millionen. Das ist kein Abenteuer für Bürger die sagen: Ah, das ist nett, das will ich ausprobieren."

Jimmy Wales, Gründer von Wikipedia, verkündete auf der INET, dass er sich jetzt um Videos kümmern möchte, und schickte gleich ganz Hollywood zum Teufel. Urheberrechte seien tot. Diese Meinung wurde aus dem Publikum gleich mehrmals geäußert. Als legitime Organisation, neue Regeln zur Kontrolle des Daten- und Informationsflusses in einer global agierenden digitalen Welt zu formulieren, ist die WIPO. Davon gibt sich Francis Gurry, Chef der Weltorganisation für geistiges Eigentum, überzeugt. Schließlich handele es sich dabei um ein Problem, das nur multilateral gelöst werden könne. Bei all diesen Begehrlichkeiten ist es kein Wunder, dass am Ende der Veranstaltung Vint Cerf mehr Verantwortungsbewusstsein von seinen Mitstreitern einforderte. Vint Cerf ist Internet-Evangelist der ersten Stunde und derzeit - unter eben dieser Bezeichnung - bei Google tätig.

"Es ist wichtig, dass wir das Potenzial von Missbrauch wahrnehmen. Wir müssen beginnen an Regeln, Techniken und Praktiken zu denken, mit denen wir die Risiken im Internet reduzieren können. Nur so können wir das Vertrauen in das globale Internet stärken und verhindern, dass sich die Menschen vom Internet abwenden."

Zum Themenportal "Risiko Internet"

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