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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenKonzeptionen der Moderne18.11.2010

Konzeptionen der Moderne

Wissenschaftsgeschichtliche Tagung am KWI Essen

Die Moderne unter der Lupe der Wissenschaftler: Wann hat die Epoche angefangen, was prägt sie und was sind ihre Wesentlichen Kennzeichen? Gerade über Letzteres sind sich Kultur- und Sozialwissenschaftler nicht einig.

Von Peter Leusch

Wissenschaftsgeschichtliche Tagung am KWI Essen (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Wissenschaftsgeschichtliche Tagung am KWI Essen (Deutschlandradio / Bettina Straub)
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Postmodernes Pamphlet
Helden der modernen Welt
Islam und Moderne

"Die Moderne kann und will ihre orientierenden Maßstäbe nicht mehr Vorbildern einer anderen Epoche entlehnen, sie muss ihre Normativität aus sich selber schöpfen", schrieb der Philosoph Jürgen Habermas. Zur Moderne gehört das Paradox, sich selber begründen zu müssen, während ihre Dynamik sie ständig nach vorn treibt, zu Wandel und Veränderung drängt. Die Moderne ist deshalb ein sehr facettenreiches Phänomen, lässt die Kultur- und Sozialwissenschaften darüber streiten, welche Kennzeichen wesentlich sind und welche nicht.

"Konzepte wie Individualisierung, Automatisierung, Industrialisierung - viele andere mehr - wie Urbanisierung, die zielen auf übergreifende Entwicklungstendenzen, die sich in modernen Gesellschaften breit gemacht und ihr Gesicht zunehmend geprägt haben, und es geht darum dieses Ineinander von unterschiedlichen Leitprozessen in den Blick zu bringen, diesem Ziel dient die Tagung, um zu einem Überblick über derartige Entwicklungstendenzen unserer eigenen Gegenwart zu gelangen."

Friedrich Jaeger, Historiker am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen, erklärt, dass schon die Epocheneingrenzung der Moderne bis heute ein Problem darstellt. Zwar ist es nur eine Minderheit unter Wissenschaftlern, die die Moderne geistesgeschichtlich mit der Renaissance beginnen lässt. Die Mehrheit datiert die Geburt der Moderne wesentlich später, allerdings unterschiedlich, je nach favorisiertem Gesichtswinkel: die politische Moderne um 1800 mit der Französischen Revolution, die ökonomische Moderne mit der Industrialisierung im Verlaufe des 19. Jahrhunderts, schließlich die ästhetische Moderne in Literatur und Kunst an dessen Ende, also um 1900. Am auffälligsten präsentiert sich die ökonomisch-technische Seite der Moderne. Wissenschaftler wie der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe von der Universität Frankfurt haben sie genauer analysiert:

"Streng genommen könnte man sagen, das ist kapitalistisch organisierte Massenkonsumgesellschaft, das ist die ökonomische Moderne. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass wir seit Beginn des 19. Jahrhunderts eine sich durchsetzende Massenproduktion von Gütern und Dienstleistungen zu sinkenden Durchschnittspreisen beobachten können, auf der anderen Seite steigende Durchschnittseinkommen und entsprechende Massenkonsumphänomene, das ist kein widerspruchsfreier Prozess, aber er ist im Prinzip schon feststellbar, und insofern enthält der Kapitalismus als wirtschaftliche Moderne ein erhebliches Potenzial an Konsumversprechen, und bisher scheint es so zu sein, dass die Menschen dem, vielleicht nicht so bewusst, aber instinktiv vertrauen."

Der Motor des Kapitalismus heißt Wachstum: Mehr produzieren und mehr konsumieren. Aber dieses Credo stößt seit Jahren auch in der wissenschaftlichen Diskussion auf Unbehagen und Kritik. Müssen wir nicht das moderne Prinzip unbegrenzten Wachstums revidieren angesichts endlicher Ressourcen, angesichts einer Erde, die begrenzt ist. Steigender Energieverbrauch verursacht große Umweltprobleme, so dass Kritiker statt Wachstum Nachhaltigkeit propagieren. Werner Plumpe gibt jedoch zu bedenken, dass der Kapitalismus lernfähig sei:

"Insgesamt muss man sagen, dass der Kapitalismus nicht so Ressourcen vernichtend und Umwelt zerstörend ist, sondern dass er im Laufe seiner Entwicklung jeweils spezifische Antworten hierauf gegeben hat, zu denen man natürlich Alternativen wählen könnte, wenn es sie denn gäbe, aber der Sozialismus, der das versucht hat, hat es nicht erreicht und bisher scheint es so zu sein, dass entwickelte kapitalistische Gesellschaften noch am meisten über die Ressourcen verfügen, um mit den - notwendigerweise mit dem Kapitalismus verbundenen - Problemen umzugehen."

Einig sind sich die Wissenschaftler darin, dass die Moderne - also Aufklärung und Industrialisierung, Kapitalismus und Demokratie - ihren Ursprung in Europa hatte, sich ebenfalls in Nordamerika formierte. Aber ist die europäische Moderne ein Modell, das alle anderen Kontinente für ihre Entwicklung übernehmen müssen, ein Richtmaß, an dem sie beurteilt werden? Der Heidelberger Soziologe Thomas Schwinn findet diese universalistische Auffassung von Moderne problematisch:

"Zumindest in den klassischen Theorien war es so, dass man so ein einliniges Modell an Europa abgelesen hat, aber in den letzten beiden Jahrzehnten sich doch zumindest beeindrucken lässt von der Vielfalt an Entwicklungsvarianten: die ostasiatischen Gesellschaften, aber auch: wie gehen wir mit Ländern wie den OPEC-Staaten um, die auf einem unglaublich hohen Wohlstandsniveau leben, aber ohne Demokratie? Die alte Theorie hat uns immer die Auskunft gegeben, in der Zukunft werden die sich angleichen, - nun funktioniert es aber nicht so richtig."

Andere Wissenschaftler, wie der Soziologe Sergio Costa, Leiter des Lateinamerika-Instituts der FU Berlin, erheben Einwände gegen das europäische Patent auf Moderne, die noch viel weiter reichen. Denn schon von Anfang an, so Costa, seien die Länder Lateinamerikas an der Moderne beteiligt gewesen, wenn auch als Leidtragende.

"Wann sind andere Regionen wie Lateinamerika modern geworden? Ist die Moderne ein europäisches Phänomen, das sich ausgebreitet hat und in unterschiedlichen Zeiten die anderen Regionen erreicht hat? Oder waren diese Regionen schon seit den Anfängen an der Moderne beteiligt, vielleicht nicht an den positiven Seiten der Moderne mit Menschenrechten, Rechtstaatlichkeit, aber doch durch Interdependenzen mit Kolonialismus, Sklaverei, Lieferung von Ressourcen an der europäischen Moderne, das ist eine Ansicht, die sich immer mehr verbreitet, und damit wir haben ein ganz anderes Bild."

Für eine andere Korrektur im Bild der Moderne sorgt die Frage nach der Religion. Bisher war die Moderne fest verbunden mit der Vorstellung einer fortschreitenden Säkularisierung. Aber heute erleben wir eine Renaissance der Religion, nicht nur wegen der Diskussion um den Islam, sondern auch in ethischen Streitfragen. Ute Schneider, Historikerin an der Universität Duisburg-Essen:

"Wenn wir uns in langfristigen Entwicklungen das anschauen, dann sehen wir dass es Wellen von Religion und Bedeutung von Religionen gibt. Die Epochen, die als Beispiel für die Säkularisierung angeführt wurden, etwa das 19. Jahrhundert in Europa, ist eine Epoche, in der Religion ganz virulent an verschiedenen Punkten verhandelt wird, und wenn wir in europäische Städte gucken, haben wir die Mehrzahl der Kirchenbauten am Ende des 19. Jahrhunderts, wir haben hier Religion als einen bedeutenden und lebensbestimmenden Faktor neben anderen. Und jener Blick, der Religion herausdefiniert, was im 20. Jahrhundert passiert ist, der wird gegenwärtig durch die historische Forschung deutlich in Frage gestellt."

Die Tagung zur Moderne am Essener Kulturwissenschaftlichen Institut unternimmt eine interdisziplinäre Bestandsaufnahme der Diskussion; sie liefert keine neuen Antworten, aber sie schärft den Blick für jene Punkte, die weiterer Klärung bedürfen.

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