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StartseiteForschung aktuellKrach im Krankenhaus09.10.2006

Krach im Krankenhaus

US-Akustiker suchen und beheben Lärmquellen in Kliniken

<strong>Umwelt. - Das Leben und Arbeiten im Krankenhaus ist nicht einfach, oft herrschen Stress und Hektik. Dazu kommt ein Problem, das bislang niemand systematisch angegangen ist: Lärm. US-amerikanische Akustik-Experten haben jetzt damit angefangen, etwas gegen den Krach im Krankenhaus zu unternehmen.</strong>

Von Jan Lublinski

Wenig erholsam: Moderne Kliniken werden immer lauter. (AP)
Wenig erholsam: Moderne Kliniken werden immer lauter. (AP)

Auf der Intensivstation der Kinderklinik des Johns Hopkins Hospitals in Baltimore häuften sich die Beschwerden. Nicht über die medizinische Behandlung der kleinen Patienten, die hier zwischen den Apparaten liegen, sondern über den Geräuschpegel, der ihren Aufenthalt begleitet. Immer mehr technische Geräte, die ständig auf sich aufmerksam machen müssen, eine schrille Lautsprecher-Rufanlage, über die einzelne Mitarbeiter angesprochen werden. Außerdem: Schwestern, Pfleger, Ärzte, Patienten, Besucher - die alle sehr laut und immer lauter sprechen müssen, um sich überhaupt noch verständlich machen zu können. Die Krankenhausleitung rief James West zu Hilfe. Er ist Akustik-Ingenieur von der Johns Hopkins Universität in Baltimore.

"Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt für Krankenhäuser 40 Dezibel, wir haben aber durchgängig etwa 65 Dezibel gemessen. Das ist etwa so laut, wie wenn Sie mit ihrem Auto 120 Stundenkilometer fahren und ein Fenster offen haben. Das ist in etwa der Geräuschpegel, den man heute in Krankenhäusern antrifft."

James West stellte überall auf der Station seine Lautstärkemessgeräte auf. Besonders extrem war der Lärm in den Operationsälen: Hier kam es zu Geräuschspitzen von 110 Dezibel, ein kaum erträglicher Krach. Kein Wunder, dass operierende Orthopäden relativ früh taub werden. Ihnen geht es ganz ähnlich wie Musikern, die im Orchestergraben arbeiten. Die Dröhnung im Krankenhaus ist ein altes Problem: Schon Florence Nightingale, die Mutter der modernen Krankenpflege, beschwerte sich Mitte des 19. Jahrhunderts über "unnötige Geräusche" in den Lazaretten. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts sind die Pegel um etwa 20 Dezibel angestiegen, was eine Vervierfachung der Lärmintensität bedeutet. Und das obwohl der Klinik-Krach die Heilung der Patienten nachweislich verzögert und verhindert, und dazu Pflegepersonal und Ärzte stresst und sie selbst krank machen kann. Längst ist der Lärm zu einem Sicherheitsproblem geworden, denn er kann Fehler bei der Behandlung auslösen. Die oft ohnehin übermüdeten Ärzte können sich nicht richtig konzentrieren. Und sie verstehen einander womöglich falsch, etwa bei einer Anweisung während einer Operation, oder bei der Empfehlung eines Medikamentes.

"In meinem Büro hier habe ich einen Teppich auf dem Boden und eine Decke, die den Schall schluckt. Die Wände sind ganz glatt. Wenn ich den Teppich und die Decke wegnehmen würde, würde es hier klingen wie in einem Badezimmer. Und genau so ist auch die Akustik in den Krankenhäusern. Sie können keine Teppiche auf die Böden legen, und sie können auch kein poröses Material an der Decke anbringen, weil dort Bakterien hinein gelangen können und dann hätte man ein großes hygienisches Problem."

James West durchforstete die wissenschaftliche Fachliteratur. Er musste feststellen, dass sich niemand konsequent mit diesem Problem der Badezimmer-Akustik befasst hat, obwohl es überall auf der Welt existiert. Zwar gibt es viele Messungen des Krankenhauslärms, Vorschläge aber wie man ihn reduzieren kann sind Mangelware. James West schaffte als erstes die Lautsprecher-Rufanlage ab und ersetzte es durch ein modernes Paging-System, also kleine Empfangsgeräte, die die Krankenhausmitarbeiter bei sich tragen können. Außerdem hängte er große Bahnen aus schallschluckendem Material unter die Decken des Krankenhauses.

"Wir haben als Schallisolierung einen glasfaserverstärkten Kunststoff genommen, den man sonst als Wärmedämmung benutzt. Die kann man natürlich nicht waschen, aber wir haben wir sie in eine Art Mülltüte verpackt. Wir haben dafür ein spezielles Material gefunden, das für eine keimfreie Umgebung geeignet ist. Man kann es herunternehmen und reinigen. Außerdem beeinträchtigt diese Hülle die schalldämmende Wirkung nur sehr geringfügig. Insgesamt funktioniert das sehr gut."

Akustiker messen die Qualität eines Raumes mit der so genannten Nachhallzeit, also die Zeit die verstreicht, bis ein Geräusch verhallt ist. West konnte die Nahhallzeit in der Kinderklinik halbieren - von einer Sekunde auf eine halbe. Kaum hatten seine Studenten die Schallschlucker unter die Decke gehängt, konnten sie alle wieder leise unterhalten.

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