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StartseiteUmwelt und VerbraucherKrankheit und Tod durch unhygienische Lebensbedingungen19.11.2008

Krankheit und Tod durch unhygienische Lebensbedingungen

Verbände zum Welt-Toiletten-Tag

Es gibt zwar nur grobe Schätzungen, aber über den Daumen hat nach Angaben der Vereinten Nationen gut ein Drittel der Weltbevölkerung keine Toilette. Das ist nicht nur entwürdigend, sondern führt auch zu katastrophalen hygienischen Bedingungen. Wenn Fäkalien einfach ins Grundwasser versickern oder ungeklärt in Flüsse geleitet werden, dann sind gesundheitliche Probleme vorprogrammiert.

Von Philip Banse

30 - 40 Prozent der Weltbevölkerung haben keine Toilette (AP)
30 - 40 Prozent der Weltbevölkerung haben keine Toilette (AP)

Das liegt vor allem am etwas unappetitlichen Thema selbst, sagt Thilo Panzerbieter, Geschäftsführer der German Toilet Organisation, einem gemeinnützigen Verein, der sich weltweit für bessere Sanitär-Einrichtungen einsetzt. Urin, Fäkalien, Toiletten - die Materie habe einfach ein Image-Problem:

"Politiker lassen sich lieber neben einem Brunnen fotografieren als neben einer Toilette. Deswegen gibt es von der UN auch das internationale Jahr der sanitären Grundversorgung, man hat gesagt, man muss das mehr ins Rampenlicht zerren. Wir freuen uns natürlich, am Toiletten-Tag jetzt diese Aktion zu machen. Man findet auch sehr schwer Sponsoren für so etwas. Andere wollen mit ihrer Cooperate Social Responsibility lieber Bereiche fördern, die ein besseres Image auf die abwerfen. Und deswegen ist es so schwer, dieses weltweite Ziel zu erreichen."

Das weltweite Ziel ist: Halbierung der Menschen ohne sanitäre Grundversorgung. Um auf das Problem aufmerksam zu machen, haben einige Nicht-Regierungsorganisationen heute vor dem Berliner Hauptbahnhof 50 Keramik-Klos aufgestellt. Denn 30 - 40 Prozent der Weltbevölkerung haben keine Toilette, sagt Klo-Aktivist Thilo Panzerbieter, es gäbe Städte etwa in Kenia, dort wohnten eine Million Menschen ohne eine einzige Toilette:

"Und das ist die Situation, die man sich vorstellen muss: Wie wäre es, wenn Hamburg keine Toilette hätte? Wie wäre es, wenn Köln keine Toilette hätte? Darum geht's. Die Folgen sind dramatisch: Erstens geht unheimlich viel Zeit verloren, weil ich mir jedes Mal ein abgelegenes Örtchen suchen muss, wenn ich bei der Arbeit auf Toilette muss. Zweitens tut das jeder, es ist unheimlich schwer, überhaupt einen Ort zu finden. Und drittens liegen überall Fäkalien herum, da spielen Kinder drin und dadurch entstehen dann Statistiken wie: Pro Tag sterben weltweit über 5000 Kinder an leicht vermeidbaren Durchfall-Erkrankungen."

Die hygienischen Probleme sind dramatisch und leuchten sofort ein. Es gibt aber auch den Umweltschutz-Aspekt der sanitären Grundversorgung. So sind menschliche Fäkalien ein sehr guter Dünger, sagt Stefan Reuter, Geschäftsführer der Bremer Arbeitsgemeinschaft für Überseeforschung und Entwicklung, einem Verein, der weltweit jedes Jahr 100.000 Toiletten baut. Aus menschlichen Fäkalien lassen sich mit simpler Technik wichtige Ressourcen gewinnen - etwa Biogas. Das gehe in den Tropen besser als hierzulande, sagt Ingenieur Reuter:

"So wird zum Beispiel in Deutschland Schlamm, der in Kläranlagen anfällt, in Faultürmen auch das Biogas entzogen. Die Türme werden aber beheizt. Das brauche ich in den Tropen nicht. Da kann ich direkt die Umgebungswärme nutzen und die Methan-Bakterien gedeihen prächtig und machen die Arbeit, die wir sonst aufwändig über Strom oder sonst was machen müssten."

Dieses Wissen ist jedoch auch in Industrieländern nicht weit verbreitet. Um also in Schwellen- und Entwicklungsländern die sanitäre Grundversorgung voranzubringen und dabei noch Wasser zu sparen und Ressourcen zu gewinnen, dazu müssten auch deutsche Ingeniere besser ausgebildet werden, fordert Thilo Panzerbieter von der Deutschen Toiletten Organisation:

"Das ist auch eine Forderung an die Bundesregierung, eine Bildungsoffensive zu diesem Thema zu starten und wirklich zu sagen, das muss in allen Universitäten gelehrt werden. Nur so kann der Standort Deutschland auch in diesem Bereich fortschrittlich bleiben und damit dann über Entwicklungszusammenarbeit der Welt helfen."

Zwar seien Wasser-Spar-Klos heute in Deutschland weit verbreitet. Aber Dusch- oder Regenwasser nutzt kaum jemand zur Klospülung, da geht immer noch reines Trinkwasser durch den Abfluss. Zudem gebe es bereits heute Toiletten, die Urin und Fäkalien trennen, um sie dann besser in Dünger oder Methan verwandeln zu können, so Thilo Panzerreiter. Innovative Sanitärtechnik sei auf dem Markt, sie müsse nur auch in Deutschland besser gefördert werden:

"Wenn ich ein neues Häusergebiet erschließe, gibt es keinen Grund, dort nicht nachhaltige Systeme zu nutzen. Deutschland hat in der Vergangenheit sich eine Vorreiterrolle geschaffen bei der Windenergie, in Solarenergie. Warum soll es sich nicht eine Vorreiterrolle verschaffen bei der Sanitärversorgung und einfach exemplarisch an Schulen an bestimmten Modellstandorten zeigen: Es geht."

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