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Kreuzzug gegen Fette

Sozialwissenschaftliche Aspekte des Übergewichts

In den USA wird Übergewicht als Todesursache Nummer 1 noch vor dem Risikofaktor Rauchen geführt. Das Problem beschäftigt auch immer mehr Sozialwissenschaftler. Sie interessiert vor allem, warum wohlmeinende Gesundheitsprogramme so wenig fruchten. Sie gehen aber auch der Frage nach, inwiefern der Staat überhaupt in den Lebensstil betroffener Menschen eingreifen darf oder soll.

Von Barbara Weber

Übergewicht  (AP)
Übergewicht (AP)

" Das hat eigentlich in der Schule angefangen, dass ich also immens auch gehänselt worden bin, dass ich natürlich auch kleidungsmäßig ein Handicap hatte, dass ich sehr früh als Kind schon in die Umstandsabteilung gegangen bin, um mich dort einzukleiden. Und man lernt mit der Zeit Strategien zu entwickeln, um darüber hinwegzugehen, einen Abwehrmechanismus zu entwickeln. Mein höchstes Gewicht hab' ich eigentlich gehabt, wie ich jetzt mit dem Abnehmen angefangen habe, das waren 177,3 Kilo. "

" Ich hatte früher immer 'ne Fressattacke, Fresssucht, ich hab' immer so viel gegessen. Ich hatte auch zu hohen Blutdruck, und ich hab's in den Knien gemerkt, bisschen schwer Luft gekriegt, viel Kopfschmerzen, schlapp, Kopfschmerzen, Beine schon mal gebrochen wegen Übergewicht, Arm gebrochen, Kreislaufprobleme, einmal schon zusammengebrochen wegen Überfettung. "

Adipositas kann jeden treffen: Erwachsene und Kinder. Der Weg dahin beginnt mit Übergewicht. Manche bleiben auch nur einfach mollig, andere werden richtig dick. Fett kann krank machen: Diabetes, Hoher Blutdruck, Probleme mit Knochen und Gelenken. Für die Gesellschaft ist das teuer. Die Krankenkassen werden belastet, die individuelle Leistungsfähigkeit sinkt. Deshalb versucht die Politik gegenzusteuern: Immer neue Programme, ausgeklügelte Diäten, Gesundheitserziehung schon in der Schule. Leider erreichen solche Maßnahmen die Betroffenen nur selten. Andererseits ist nicht jeder Füllige gleich behandlungsbedürftig, so dass Erklärungsmodelle und Problembewältigungsstrategien oft über das Ziel hinausschießen. Dazu kommt: Die Datenlage ist unübersichtlich.

Eine Studie vom März 2004 über die häufigsten Todesursachen im Jahr 2000 in den USA ermittelte 400.000 Todesfälle, die auf "schlechte Ernährung und Bewegungsmangel" zurückzuführen seien. Die Zahl kursierte nicht nur in den Medien, sondern wurde auch vom staatlichen Center for Disease Control and Prevention, deren Mitarbeiter an der Studie beteiligt waren, vertreten. Ihre Schlussfolgerung: Schon bald würden Adipositas verursachende Verhaltensweisen das Rauchen als Todesursache Nummer eins verdrängen. Doch schon im April 2005 mussten dieselben Wissenschaftler in einer neuen Studie ihre alten Zahlen und Prognosen nach unten korrigieren. Jetzt gaben sie die Zahl der Adipositastoten in den USA pro Jahr mit 112.000 an. Zudem kamen sie zu dem Ergebnis, dass Übergewicht - also nicht Adipositas - die Lebenserwartung nicht senkt sondern erhöht. Diese Widersprüche geben zu denken, meint der Soziologie Friedrich Schorb von der Universität Bremen. Er kritisiert die verschiedenen Erklärungsmodelle, die zur Zeit weltweit kursieren:

" Die dominanteste Wahrnehmung und sicher auch die wichtigste Wahrnehmung ist die von Adipositas als einer Epidemie, dieser Begriff ist ganz stark durch die Weltgesundheitsorganisation WHO geprägt. "

Die WHO sagt nämlich:

" Dass sich Adipositas in epidemischen Maße, also wie eine Seuche, ausbreitet und auch verheerende Schäden anrichtet, und man da auch ganz massiv und ganz schnell vor allen Dingen mit Tast Force und ähnlichem vorgehen muss dagegen. Die Analyse der WHO, denke ich, ist nicht ganz falsch, das trifft sicher zu, dass das ein gesamtgesellschaftliches Problem ist oder ein systemisches Problem ist. "

Die dann gezogenen Schlussfolgerungen sind seiner Meinung nach aber anzuzweifeln, denn:

" Problematisch an dieser Wahrnehmung ist insbesondere, dass daraus wirklich dann geschlossen wird, dass das ein ganz fürchterlich schreckliches Problem wäre. Es wird auch immer mal gerne behauptet, die Lebenserwartung würde sinken, es entstünden gigantische Kosten im Gesundheitswesen. Ich denke, das trifft eben eher nicht zu, die Lebenserwartung steigt. Überspitzt könnte man formulieren, dass die Dicken von heute gesünder sind als die Dünnen von gestern. Das liegt einmal, denke ich, an der besseren medizinischen Versorgung. Es liegt aber auch daran, dass es gerade eben ein Gesundheitsvorteil ist, dass die körperlichen Tätigkeiten weniger geworden sind. .... gerade diese körperlichen Tätigkeiten haben ganz oft massive gesundheitliche Schäden nach sich gezogen. Ich denke, dass die Analyse nicht ganz falsch ist, aber das, was man glaubt, was das für Probleme verursacht, völlig überzogen ist und man meiner Ansicht nach da etwas entspannteren Umgang pflegen sollte. "

Ein weiteres Erklärungsmodell kommt aus den USA und Großbritannien: Demnach sollen bestimmte Lebensmittel süchtig machen.

" Da ist wirklich dann - unmittelbare Parallele ... gezogen zu Opiaten, zu Nikotin usw. Man spricht dann bei einfachen Kohlehydraten, bestimmten Fetten und Zucker von suchtmachenden Substanzen, kann das auch mit Rattenversuchen ganz gut belegen, da lässt sich viel belegen. "

Die Verfechter dieser Theorie gehen noch weiter.

" Dann gibt es da eben noch eine Besonderheit, die auch typisch ist für diesen angloamerikanischen Diskurs, das ist in Deutschland nicht so verbreitet, dass Verhalten, das ist auch parallel zum Drogendiskurs, das Verhaltensweisen ganz stark in Zusammenhang gebracht werden mit dem Konsum bestimmter Lebensmittel. Ich denke, das ist eine Reduktion von sozialen Problemen ...auf einzelne Substanzen, wie wir es aus dem Drogenbereich kennen. Letztlich eine Biologisierung einer sozialen Frage. "

So wird der Konsum bestimmter Lebensmittel in Zusammenhang gebracht mit dem Mangel an Konzentrationsfähigkeit im Schulunterricht.

" In den USA und Großbritannien geht es eben sehr viel weiter, da wird auch wirklich kriminelles Verhalten oder Neigung zu Gewalt und ähnliches wird mit dem Konsum bestimmter Lebensmittel in Verbindung gebracht. Da gibt's die Diskussion darum, dass bestimmte Fettsäuren, wenn man die zuwenig konsumiert, die vor allem Fisch enthält, dass dann die Neigung zum Verbrechen, die Neigung zu Gewaltverbrechen ansteigt, und das ist da keine Außenseiterposition, sondern eine Position, die dort ernsthaft in seriösen Tageszeitungen und auch auf ministerieller Ebene diskutiert werden. "

Ein weitere, in den USA stark, aber auch bei uns, verbreitete Position ist die konservativ/liberale:

" Die sagt, letztlich ist es kein Problem, was alle gleichermaßen betrifft, es ist letztlich jedem selbst überlassen, es liegt in der Selbstverantwortung jedes Einzelnen. Es wird niemand gezwungen, sich massenhaft Burger reinzuziehen, das kann jeder selbst entscheiden, was er konsumiert und was er isst ...und deswegen brauchen wir keine Reglementierung, also wir brauchen weder Fettsteuern oder ähnliches aber was wir wohl brauchen ist dann eben Selbstverantwortung in der Krankenversicherung. Und da müssen die Leute eben selber für die Risiken, die sie freiwillig auf sich genommen haben, gerade stehen. "

Im Kulturkampf um das Körpergewicht hat sich in den USA eine Bewegung etabliert, die sich Seize-Acceptance nennt oder auch Fat-Acceptance. Deren Protagonisten fordern von der Gesellschaft, ihre Körpermaße zu akzeptieren.

" Wir sind eben anders, körperlich anders, aber deswegen sind wir jetzt auch nicht krank oder sind jetzt auch nicht ungesund unbedingt, sondern das ist unabhängig davon. Man kann sich eben ganz unabhängig von seinem Körpergewicht gesund oder ungesund ernähren, man kann ganz unabhängig von seinem Körpergewicht Sport treiben, körperlich aktiv sein. Dieser Blick auf die überflüssigen Pfunde, wo man sagt, das ist krank, das ist ungesund, das ist schädlich, den wollen die eben aufheben und wollen dem was positives entgegensetzen und sind damit auch relativ erfolgreich. "


Den verschiedenen Erklärungsmodellen und gesellschaftlichen Bewegungen, die das Phänomen Übergewicht hervorruft, stehen auf der anderen Seite zahlreiche Diätvorschläge und Ratschläge zu Lebensstiländerungen. Doch diese Programme fruchten wenig, meint Privatdozent Dr. Henning Schmidt-Semisch vom Studiengang Gesundheitswissenschaften an der Universität Bremen. Das Problem sei:

" Dass Ernährung sehr viel zu tun hat mit Identität, mit Subjektivität aber auch möglicherweise mit Schichtzugehörigkeit, mit Milieu, mit solchen Dingen, die ... einfach so tief in einem selbst verankert sind, dass man die auf keinen Fall von heute auf morgen verändern kann, das ist das eine, und wo zum anderen Expertenratschläge, die ja immer aus der Mittelschicht eher kommen, möglicherweise auch auf erbitterten Widerstand stoßen, weil man sich einfach auch das so gar nicht sagen lassen will. "

Das illustriert ein Beispiel aus Großbritannien. Dort hat das mittägliche Schulessen Tradition. Unter der rigiden Sparpolitik von Margret Thatcher wurden viele Schulküchen geschlossen. In diese Lücke preschten Catering-Unternehmen, die zum Teil Essen für 37 Pence pro Mahlzeit anboten. Als Adipositas zum zunehmenden Problem der Kinder wurde, startete der Starkoch Jamie Oliver die Initiative "Feed me better!", die sich zum Ziel gesetzt hatte, die Schulversorgung zu verbessern. Tony Blair unterstützte das Vorhaben, ebenso wie Channel 4, der zur besten Sendezeit darüber berichtete. Doch das Projekt stieß auf Schwierigkeiten: zum einen mussten die chronisch unterbezahlten Servicekräfte, die bislang das Essen nur aufwärmten, unbezahlten Mehraufwand leisten. Zum anderen wurde das Essen teurer, und die Kinder mussten sich erst an den Geschmack gesunden Essens gewöhnen.

In einer nordenglischen Schule eskalierte die Situation dann:

" Das hat dazu geführt, das Mütter gesagt haben, wir wollen uns das auch nicht bieten lassen von einem Snob aus London uns vorzuschreiben, wie wir unsere Kinder zu ernähren haben. Die Schule hat sehr restriktiv reagiert. Sie hat die Kinder gezwungen, in der Mittagspause, was vorher nicht der Fall war, in der Schule zu bleiben. ...Und das hat dann dazu geführt, dass diese Mütter gesagt haben, okay, also wenn ihr unsere Kinder da einsperrt und sie sozusagen diesem Koch aussetzt, dann bringen wir den Kindern das Essen, was sie haben möchten, an den Zaun. Ich denke, das ist ein gutes Beispiel, wo man zeigen kann, dass eine moralische Herangehensweise, ... dann auch tatsächlich das Gegenteil von dem bewirkt, was es bewirken soll. "

In Deutschland lässt sich inzwischen beobachten, dass das Ernährungsverhalten der Bürger sich sehr wohl verändert hat, wie man an der Zunahme des Verzehrs von Obst- und Gemüse und der Abnahme des Konsums von Butter und Fleisch sehen kann. Aber das betrifft die Mittelschicht, während Adipositas überwiegend ein Problem bildungsferner Schichten ist.

Prof. Ilona Kickbusch von der Universität Genf hat lange bei der WHO und an der amerikanischen Yale Universität zum Thema Gesundheitspolitik gearbeitet. Sie kommt zu dem Schluss, dass bildungsferne Schichten kaum die an sie gestellten Anforderungen nachvollziehen können:


" Die Gesundheitsanforderungen an den Bürger werden eigentlich immer größer. Da hat nun auch die Politik meines Erachtens nach nicht genug reagiert. Wir erwarten vom Bürger eine immense Gesundheitskompetenz. Zum einen wird es immer schwieriger das Gesundheitssystem selbst zu navigieren, also wo muss ich wann hingehen, wenn ich irgendeine Krankheitserscheinung habe. Es wird immer schwieriger, die Prävention zu navigieren, welche Produkte sind wirklich gesund, welches Verhalten ist wirklich gesund. Schlussendlich gibt es noch eine ganze Reihe von Informationen, die über die Medien vermittelt werden, wo neue Produkte auch angepriesen werden... Also für den Einzelnen wird die Entscheidungsfindung immer schwieriger und die Kompetenzen auch, zum Beispiel, gesunde Malzeiten herzustellen ist auch eine Sache, die man nicht mehr automatisch in unserer Gesellschaft lernt. "

Wenn Kinder aber nicht mehr zuhause lernen, wie sie eine gesunde Malzeit herstellen können, ergeben sich neue Herausforderungen für die Schule. Eine moderne Form des Hauswirtschaftsunterrichts ist gefordert, Kinder müssen lernen, wie man einkauft, wie man kocht, wie man sich gesund verhalten kann.

" Auch hier kommt die Schichtfrage natürlich wieder ganz deutlich herein, weil viele der bildungsfernen Schichten oder auch Schichten mit Migrationshintergrund ja auch aus einer ganz anderen Gesundheitskultur kommen, die Kompetenz in dieser neuen komplizierten Gesundheitswelt sich auszukennen, nicht mehr haben. Und hier muss man auch gegensteuern gegen das, was ich die doppelte Ungleichheit nenne, man ist schon aufgrund der sozialen Determinanten von Gesundheit benachteiligt, aber dann kommt eben diese Benachteiligung durch die mangelnde Kompetenz und die Unfähigkeit auch des Gesundheitssystems selber, mit bildungsfernen Schichten umzugehen und zu kommunizieren. "

Da wiederum sind die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften gefragt. Ernährungsmodelle, von Medizinern und Diätspezialisten entworfen, müssen für die Adressaten aufbereitet werden. Beispielsweise ist es inzwischen üblich, Psychologen in die Behandlung von Typ 2 Diabetikern einzubeziehen, um bei den Betroffenen eine Lebensstiländerung zu erreichen. Nach wie vor aber gilt: Wer arm ist, stirbt früher - das war schon im 19.Jahrhundert so. Zwar hat sich die Lebenserwartung seither verdoppelt, doch oft erwartet Gutsituierte immer noch ein längeres Leben als Angehörige des Prekariats.

" Das Problem ist sehr diffizil, und sie können einerseits natürlich sagen, ja, es hängt mit vielen der anderen Faktoren zusammen, die zur Zeit in Deutschland diskutiert werden, also die Ungleichheitsdiskussion ist natürlich auch eine Gesundheitsdiskussion. Die Bildungsdiskussion ist eine Gesundheitsdiskussion. ... Es ist auch ein Problem, dass wir heutzutage sehr schnell auch in der Gesundheitsforschung und bei Programmen, Ergebnisse vorzeigen müssen, und die Arbeit mit bildungsfernen Schichten, mit benachteiligten Schichten ist eine sehr mühsame. Sie dauert sehr lang. Sie immer nur kompensatorische Wirkung. Ich kann durch Gesundheitserziehung nicht dreißig Jahre Ungleichheit ausgleichen. Ich kann nur versuchen, über sehr alltagsnahe Maßnahmen mit diesen Gruppen zusammen zu arbeiten. "

Gesundheitspolitik birgt auch ethische Probleme: Wie weit darf der Staat in die persönliche Freiheit des Individuums eingreifen? Sollen adipöse Kranke, die nicht bereit sind, ihren Lebensstil zu ändern, einen höheren Beitrag in die Krankenversicherung zahlen? Wird sich die Gesellschaft in Zukunft wirklich so dramatisch verändern, wenn es immer mehr Dicke gibt? Soll der Staat womöglich eingreifen, damit gesunde Produkte nicht teurer sind als hochkalorische?

Einfacher wird Gesundheitspolitik in Zukunft bestimmt nicht.

" Das Adipositas-Problem ist in gewisser Weise sehr viel komplizierter als das Rauchen, wo es um ein Produkt geht, einen Glimmstängel, den ich rauche oder nicht rauche. Aber im ganzen Problem Adipositas geht es um mein Ernährungsverhalten, mein Schlafverhalten ...meinen Arbeitsplatz, all das wirkt zusammen und bedeutet eine sehr langfristige Strategie. Zugleich hat es auch beim Tabak über 50 Jahre gebraucht, bis wir wirklich wussten, in welchen Bereichen der Gesellschaft wir am besten eingreifen müssen, und ich glaube, auch bei Adipositas werden wir teilweise diese Erfahrungen erst machen, obwohl ich glaube, hier können wir uns keine 50 Jahre mehr leisten, hier müssen wir sehr viel schneller handeln als wir es beim Rauchen getan haben. "


Buchtipps zum Thema:

"Kreuzzug gegen die Fette - Sozialwissenschaftliche Aspekte des gesellschaftlichen Umgangs mit Übergewicht und Adipositas", herausgegeben von Henning Schmidt-Semisch und Friedrich Schorb, VS Verlag, Wiesbaden 2008

"Die Gesundheitsgesellschaft - Megatrends der Gesundheit und deren Konsequenzen für Politik und Gesellschaft" von Ilona Kickbusch, erschienen im Verlag für Gesundheitsförderung, Gamberg, 2006. Für den Herbst ist eine überarbeitete Neuauflage geplant.

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