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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenKrise, Cash und Kommunikation01.12.2011

Krise, Cash und Kommunikation

Analysen zur Darstellung der Finanzkrise in den Medien

Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Schuldenkrise: Die Suche nach einem Schuldigen gestaltet sich schwierig - auch in den Medien. Das zeigte sich bei einer interdisziplinären Tagung von Nachwuchswissenschaftlern an der Universität Mannheim, die ein zentrales Berichterstattungsdefizit ausmachte.

Von Christiane Abelein

Angst vor dem Kollaps: eine irische Zeitung (AP)
Angst vor dem Kollaps: eine irische Zeitung (AP)
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Auch die Medien wissen nicht wirklich weiter. Auch sie irren durch die Finanzkrise, hetzen den Geschehnissen hinterher, scheitern bei der Suche nach Schuldigen und möglichen Auswegen. Diesen Eindruck hat zumindest Angela Keppler, Professorin für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Mannheim:

"Die Medien in der Finanzkrise haben ja immer eine doppelte Rolle. Das primäre Geschäft der Medien ist es, Aufmerksamkeit zu generieren, Aufmerksamkeit zu lenken, auf Dinge, die in der Welt passieren. Die Aufgabe der Medien, auch nach den Ursachen zu fragen, nach den Akteuren, nach der Verantwortung, das wäre sozusagen eine zweite wichtige Aufgabe der Medien. In diesem Punkt denke ich, waren die Medien zu schnell oder hätten etwas mehr thematisieren können den Zusammenhang von politischem System, politischer Verantwortlichkeit und ökonomischen Akteuren oder Verursachern der Krise."

Was Angela Keppler ganz allgemein beobachtet, haben die Teilnehmer der Konferenz "Krise, Cash und Kommunikation" am Lehrstuhl der Professorin konkret untersucht. Anna Mollen zum Beispiel. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Medienkommunikations- und Informationsforschung an der Universität Bremen und hat die Berichterstattung über die Pleite der US-Bank Lehman Brothers im September 2008 in den Blick genommen. Dazu verglich sie zusammen mit ihren Kollegen die Artikel zu dem Thema aus drei europäischen Zeitungen - und zwar über einen Zeitraum von zwei Wochen hinweg. Dabei stellte Mollen fest: Alle schieben sie den Schwarzen Peter zunächst einmal den USA zu:

"Die Gemeinsamkeiten, die sich eigentlich durch alle drei Zeitungen gezogen haben, die Zeitungen waren Le Figaro aus Frankreich, The Guardian aus Großbritannien und die Süddeutsche Zeitung aus Deutschland, die Gemeinsamkeiten waren eigentlich, dass die Krise in einer gewissen Weise als eine amerikanische Krise konstruiert wurde. Das heißt also, die amerikanischen Akteure wurden vorwiegend genannt, das waren Henry Paulsen als US-Finanzminister oder Ben Bernanke als Notenbankchef, während die Schuld eigentlich der Wall Street und dem amerikanischen Finanzmarkt zugesprochen wurde."

Das ändert sich, als die Krise in den jeweiligen Ländern ankommt. Der Guardian zum Beispiel konzentriert sich recht schnell auf die britische Bank HBOS, die durch die Lehman-Pleite in Schwierigkeiten gerät. In Deutschland gerät die Kreditanstalt für Wiederaufbau in den Fokus, die Lehman Brothers kurz vor der Pleite noch 300 Millionen Euro überwiesen hat. Nur in Frankreich bleibt der Diskurs vorerst auf amerikanischer Ebene, einfach, weil es im untersuchten Zeitraum noch keine nationalen Folgen der Krise gibt. Klingt eigentlich ganz logisch, schließlich ist der Faktor "Nähe" ganz zentral bei der Auswahl und Bewertung von Nachrichten. Das sehen Mollen und ihre Kollegen zwar genauso, sie sehen aber durch ihre Analyse eine zentrale These widerlegt: Die These, dass internationale Krisenereignisse über Grenzen hinweg behandelt werden – oder, wie die Forscher sagen, transnational:

"Aber die transnationale Dimension wird dann vernachlässigt und die nationale Dimension wird verstärkt herausgestrichen, obwohl es sich ja immer noch um eine transnationale Krise handelt und nur diese transnationale Dimension wird eigentlich degradiert."

Einfacher gesagt: Der Guardian und die Süddeutsche Zeitung beschäftigen sich nur noch mit den Problemen im eigenen Land und weisen nicht auf größere Zusammenhänge hin. Bei allen drei Zeitungen – also auch beim französischen "Figaro"- vermissen die Bremer die Suche nach möglichen Ursachen der Finanzkrise:

"Es ist relativ auffällig, dass sich in der Krisenrhetorik der Rückbezug auf weitere Krisenereignisse als Schuldige darstellt, und zwar, also dieses ganz große Beispiel ist, dass die Immobilienkrise schuld ist an der Finanzkrise, die Finanzkrise an der Wirtschaftskrise. Was auch noch neben diesen Krisenereignissen deutlich wurde: dass oft Emotionen verantwortlich gemacht werden, also die Panik, die Angst, kein Vertrauen, Vertrauensverlust – auch ein ganz, ganz großes Thema. Aber: Dahinter wird nie ein Akteur schuldig gesprochen, das heißt an der Krise ist im Prinzip niemand schuld."

Fast könnte man folgern, die Medien machten es sich zu einfach – und scheiterten damit an der Aufarbeitung der Geschehnisse seit 2008. Alle Medien? Ein Forscherteam der Freien Universität Berlin hat die Berichterstattung des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" unter die Lupe genommen. Auch hier werden kaum konkrete Verantwortliche benannt - zumindest in der untersuchten Zeit von August 2008 bis August 2009. Die wenigen Ausnahmen zählt Veronika Zink auf, wissenschaftliche Mitarbeiterin am FU-Cluster "Languages of Emotion":

"Das ist einmal der Weltwirtschaftsgipfel der G-20, da werden vor allem kollektive Akteure attribuiert als verantwortlich, also die Banker - und das andere ist während der Lehman-Pleite, da werden es auf einmal individuelle Akteure. Aber sonst ist es doch auf einem sehr diffusen Attributionsfeld, also was kaum Greifbares, was man nicht bewältigen kann."

Ist es aber nicht sogar eine Stärke der Medien, wenn sie ein kompliziertes Phänomen wie die Finanzkrise nicht mit einfachen Schuldzuweisungen beantworten? Mag sein. Die Forscher der FU vermuten aber, dass der Leser unterschiedlich reagiert, je nachdem, ob ein konkreter Schuldiger genannt wird oder nicht. Zinks Kollege Sven Ismer nennt vor allem verschiedene Emotionen, die hervorgerufen werden könnten:

"Desto konkreter Verantwortlichkeiten oder Ursachen für die Krise benannt werden, desto eher könnte man vielleicht annehmen, dass die Reaktionen auf den Diskurs eher von so was wie Wut und Zorn und Ärger, vielleicht sogar Hass, wenn man ganz persönlich betroffen ist, sein könnte, während ganz abstrakte Ursachenkonstruktionen, zum Beispiel wenn gesagt wird, naja so ist das halt mit der Wirtschaft, die geht mal hoch und mal runter, dann ist natürlich bei den Betroffenen – wenn ich mir jetzt vorstelle, mein Erspartes geht den Bach runter - eher so was wie Verunsicherung und Angst zu erwarten."

Und Verunsicherung und Angst – das zeigen die Finanzmärkte mittlerweile beinahe täglich – verschlimmern die Krise nur. Dennoch haben viele Medien – egal ob deutsch, französisch oder britisch – die Krise bisher nicht tiefgehend genug behandelt, glaubt Angela Keppler. Sie findet:

" ... dass wir primär in der Diskussion, wie sie in den Medien stattgefunden hat, dann über Fragen diskutiert haben die Regulierung betreffend: Was sollen Politiker machen, was können Politiker jetzt machen, kann man Griechenland retten, kann man die Banken retten. Und dass ein Teil dessen, was zur Erklärung der Krise, wie es dazu kommen konnte, wie Verantwortlichkeiten in unserer Gesellschaft verteilt sind, dass man diesen Part häufig nur am Rande diskutiert hat."

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