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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWie sich soziale Beziehungen in prekären Situtionen verändern 26.06.2014

LebenskrisenWie sich soziale Beziehungen in prekären Situtionen verändern

Wie belastbar eine Freundschaft oder eine Partnerschaft ist, erweist sich oft erst in einer Krisensituation. Dann sind soziale Beziehungen besonders wichtig. Wie sie sich in Zeiten von Hartz IV. und gesellschaftlichen Umbrüchen verändern, darüber haben kürzlich Teilnehmer einer Tagung in Hamburg diskutiert.

Von Ingeborg Breuer

Eine stilisierte Familie mit Vater, Mutter und einem Kind ist auf einem Familienparkplatz am 03.06.2014 im Parkhaus eines neuen Einkaufszentrums im Zentrum von Leipzig (Sachsen) aufgemalt. Bildunterschrift Geben Sie eine individuelle Bildunterschrift ein  (picture alliance / ZB / Jan Woitas)
In Krisenzeiten wenden sich viele Menschen hilfesuchend an ihre Verwandten. (picture alliance / ZB / Jan Woitas)

"Wir beobachten derzeit einen Wandel in der wohlfahrtsstaatlichen Absicherung. Was wir sehen können ist, dass der Sozialstaat sich zurückzieht, und dass auf soziale Beziehungen, freundschaftliche Netzwerke eine neue Anforderung verstärkt zukommt durch Hartz IV und andere Gesetze. Also soziale Absicherung vermehrt eigenverantwortlich, privat zu organisieren."

"Soziale Beziehungen und soziales Kapital in kritischen Lebensphasen" hieß eine Tagung in der vergangenen Woche an der Universität Hamburg. Wie bewähren sich soziale Beziehungen in Zeiten, in denen Arbeitsverhältnisse unsicherer werden und prekäre Lebenslagen sich ausbreiten? Prof. Petra Böhnke, Soziologin an der Universität Hamburg und Veranstalterin der Tagung:

"Wir gucken, was hat das für Folgen für soziale Netzwerke, wie belastet werden diese sozialen Netzwerke? Wer kann überhaupt zurückgreifen? Soziale Unterstützung ist ja ungleich verteilt, nicht jeder hat ja die Ressourcen zu Verfügung."

Schlüsselbegriff "soziales Kapital"

Ein Schlüsselbegriff der Tagung war der Begriff des "sozialen Kapitals". Der Begriff geht unter anderem auf den französischen Soziologen Pierre Bourdieu zurück. Zum sozialen Kapital gehören soziale Netzwerke, Vereine und Organisationen oder auch ehrenamtliche Aktivitäten. All dies schafft ein soziales Band, das die Gesellschaft jenseits marktwirtschaftlicher Verwertungsinteressen zusammenhält. Isabel Valdés Cifuentes, Volkswirtschaftlerin und Mitveranstalterin der Tagung:

"Unter soziales Kapital fassen wir verschiedene Arten sozialer Beziehungen aus Familie, Freundschaften, aber auch die Unterstützungsressourcen, die mobilisiert werden können über diese Beziehungen. Wir fassen darunter aber auch Engagement in Vereinen als ehrenamtliches Engagement."

Schon Pierre Bourdieu beschrieb in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, dass dieses soziale Kapital ungleich verteilt ist. Ebenso aber ist soziales Kapital nichts Statisches, was man für das Ganze Leben hat oder eben nicht hat. Die Hamburger Tagung ging deshalb der unterschiedlichen Verteilung dieses Kapitals nach, das je nach sozio-ökonomischer Lebenslage tragfähiger oder weniger belastbar sein kann. Zum Beispiel findet sich bürgerschaftliches Engagement eher in den höheren Schichten, auch wenn immer wieder darauf hingewiesen wird, dass ehrenamtliche oder politische Aktivitäten gerade bei Jobverlust neue soziale Anerkennung verschaffen könnten. Janina Zeh über ihr Forschungsprojekt "Engagement in prekären Erwerbsverläufen":

"Das ist die These, die wir verfolgen, dass diejenigen, die dazu angehalten werden, sich ehrenamtlich zu engagieren, die sind die, die das mit einer viel geringeren Wahrscheinlichkeit da reinkommen, weil Ehrenamt auch ungleich verteilt ist."

Zugleich ist festzustellen, dass sich das soziale Kontakt- und Beziehungsverhalten verändert, wenn Lebensverhältnisse prekärer werden. Manche suchen offen finanzielle und emotionale Unterstützung bei Familie und Freunden, andere ziehen sich aus Scham zurück, beschrieb Andreas Gefken, Soziologe an der Uni Hamburg in seinem Vortrag. Zunehmend verlagern sich soziale Kontakte auf Personen in ähnlichen Lebenslagen.

"Also, dass da vielleicht andere Kontakte bevorzugt werden, bestimmte Freundschaften verstärkt werden, vielleicht zu Personen die auch in einer prekären Situation sind, weil man da mehr Gemeinsamkeiten hat. Das heißt Netzwerke verändern sich, sie schrumpfen nicht unbedingt, aber sie verändern sich von der Zusammensetzung her."

Vor allem, wenn prekäre Lebensverhältnisse sich verstetigen, wird die Familie zum sozialen Rückzugsort, nicht zuletzt deshalb, weil vermehrt finanzielle Unterstützung nachgefragt wird.

"Meistens sieht es so aus, dass zunächst eine Hinwendung zu Verwandtschaft und Familie stattfindet, weil man da davon ausgeht, dass man Hilfeleistungen, die man in Anspruch nimmt, nicht sofort zurückgeben muss. Aber wenn diese prekäre Lebenslage sich dann verstetigt, also dauerhaft strapaziert werden muss, dann gibt es da Belastungen Konflikte, dann kann es da auch zu Abwendungen kommen."

Soziale Netzwerke brechen also in prekären Lebenslagen nicht einfach zusammen. Aber sie verändern sich.
"Dann ist die nächste Frage, wie ressourcenstark sind diese Netzwerke dann weiterhin?"

Soziales Kapital ist ungleich verteilt

Erwiesen ist: Je weiter ein soziales Netzwerk geknüpft wird, desto wahrscheinlicher werden Informationen und Kontakte, die das Verlassen einer prekären Lebenslage erleichtern. Wenn aber, pointiert gesagt, Arbeitslose zunehmend mehr Arbeitslose kennen, dann, so Petra Böhnke, ist das zwar verständlich, aber zugleich gibt es ein Problem.

"Um Vereinsamung zu verhindern, ist das sehr hilfreich. Um Jobkontakte oder finanzielle Hilfen generieren zu können, ist es vielleicht weniger hilfreich."

Soziales Kapital, so bestätigte sich auch auf der Hamburger Tagung, ist ungleich verteilt. Und wenn Menschen in Not geraten, werde es noch einmal schwächer. Die Forderungen von Arbeitsmarkt- und Sozialpolitikern nach mehr Eigenverantwortung und der damit verbundene Rückgriff auf Sozialkapital und private Unterstützungsnetzwerke könnten deshalb kaum eingelöst werden. Und insofern sei der Rückzug des Sozialstaats bei der Absicherung von Lebensrisiken wie Arbeitslosigkeit und Armut ein Schritt in die falsche Richtung. Ungleichheiten, so Isabel Valdés Cifuentes, würden damit noch einmal festgeschrieben.

"Also wenn das Ergebnis rauskommt, das sich auch momentan andeutet, dass Personen in prekären Lebenslagen ein geringeres Sozialkapital haben, dieses Sozialkapital aber eigentlich notwendig ist, und zwar gerade für diese Personen, dann ist das problematisch. Da wäre die Schlussfolgerung schon, da muss sozialstaatlich anders gedacht werden, weil sonst die Schwächsten weiter geschwächt werden."

Linktipp:

Mehr zum Thema soziale Beziehungen, Familie und Freundschaft finden Sie auch in unserer Sendung Lebenszeit.

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