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Lernen aus der Geschichte

Mit "Lincoln" legt Spielberg einen hochpolitischen Film vor

Von Hartwig Tegeler

Präsident Barack Obama hat auf derselben Bibel wie Abraham Lincoln den Amtseid geleistet.
Präsident Barack Obama hat auf derselben Bibel wie Abraham Lincoln den Amtseid geleistet. (picture alliance / dpa / Landov)

Als Barack Obama den Eid für seine zweite Amtszeit sprach, legte er die Hand auf zwei Bibeln: Eine gehörte seinem Vorbild Abraham Lincoln. Ihm hat der Filmregisseur Steven Spielberg ein monumentales Epos gewidmet, das sich auf Lincolns Kampf gegen die Sklaverei konzentriert.

Schnellfeuergewehre, Minen, Kriegsschiffe in diesem ersten "modernen" Krieg der Geschichte oder das Bajonett, das der Yankee dem Südstaatler oder umgekehrt in den Hals rammt. Mit einem kaum zu ertragenden Nahkampf-Gemetzel - ein Meer von Blut, ein Bündel aus schreienden, hackenden, stechenden, schießenden Männern - beginnt der "Lincoln"-Film. Wenn uns Steven Spielberg dann sofort in eine Art Washingtoner Kammerspiel hineinführt, in die Innenräume der Macht des letzten Bürgerkriegsjahres 1865, in rauchverhangene Regierungsräume, ins Parlament oder in Lincolns Arbeitszimmer, so hat die entsetzliche Anfangssequenz sich wie ein Zeichen eingeprägt, das uns erinnert: Bei dem, was jetzt kommt, geht es um Leben und Tod und den Sieg, auch den der Ideale. Und das oberste Ideal, die Utopie von Abraham Lincoln war die Abschaffung der Sklaverei.

"Und das erste Axiom von Euklid lautet: Dinge, die demselben gleich sind, die sind auch einander gleich. Es ist eine Regel mathematischen Denkens. Es trifft zu, weil es funktioniert. Das hat es und wird es auch immer. Da steht es also schon, selbst in diesem 2000 Jahre alten Buch über die Bewegungslehre."

Steven Spielberg hat kein Biopic gedreht, in dem die Lebensstationen dieses 16. Präsidenten der USA abgehakt wurden. "Lincoln" - der Film - konzentriert sich auf die Wochen vor Bürgerkriegsende, in denen Abraham Lincoln alles unternimmt, die Abschaffung der Sklaverei als 13. Zusatzartikel in der Verfassung der USA zu verankern, ...

"Am nächsten ersten Februar gedenke ich den Zusatzartikel zu unterschreiben."

... und das gegen Widerstände in der eigenen republikanischen wie der oppositionellen demokratischen Partei. Gleichheit der Schwarzen, der Afroamerikaner, kommt dort einer Gotteslästerung gleich.

"Der Kongress darf nie jene für gleich erklären, die vom Schöpfer ungleich geschaffen wurden."

Spielberg zeigt "seinen" Präsidenten, der schon in rund 300 Filmen die Hauptfigur gab, im brutalen, schmutzigen politischen Alltagsgeschäft. Und holt ihn quasi herunter vom Monument. Das Kriegsbild vom Anfang dabei als Metapher: Krieg ist schmutzig, Politik aber auch. Lincoln und sein Team sind hinterhältig, manipulieren, lügen, betrügen, kaufen Stimmen und drohen.

"Selbst, wenn alle Republikaner dafür stimmen, so fehlen uns immer noch 20 Stimmen. - Nur 20?"

Nur 20. Und die wird der Präsident nach einem rücksichtslosen Kampf in Hinterzimmern tatsächlich zusammenbekommen. Und den Krieg mit Absicht noch nicht beenden, um zunächst die Sklaverei abzuschaffen.

"Frieden mit den Konföderierten oder den Zusatzartikel: Sie können nicht beides haben."

Schauspieler Daniel Day-Lewis als US-Präsident Abraham LincolnSchauspieler Daniel Day-Lewis als US-Präsident Abraham Lincoln (picture alliance / dpa /David James / Smpsp / Dreamworks)Ein Idealist, der dem guten Zweck alles unterordnet und in diesem Konflikt, seiner moralischen Qual, zur faszinierenden Figur wird. So machen Steven Spielberg und sein schlicht grandioser Lincoln-Darsteller Daniel Day-Lewis aus diesem gut zweieinhalb Stunden langen Dialogfilm einen spannenden Politthriller, dessen direkten Bezüge zu Barack Obama und seinem "lame duck"- sprich "Lahme Ente"-Verhalten aus der ersten Amtszeit auf der Hand liegen. Und da mag Spielberg in Interviews abwiegeln, wie er will. Mit anderen Worten: Steven Spielberg nimmt Lincolns Kampf um die Abschaffung der Sklaverei als historische Folie, um das Mantra des Wahlkämpfers Obama "Yes, we can" dem Amtsinhaber Obama um die Ohren zu hauen. Freundlich, sympathisierend, aber ziemlich gnadenlos! Kurz vor der Abstimmung von 1865 fehlen Lincolns Team eben noch genau zwei Stimmen. Da sitzt er, Daniel Day-Lewis, immer grauer, immer müder, immer erschöpfter, zermürbt von der Last der historischen Verantwortung und des politischen Alltagsgeschäfts, ausgelaugt. Aber noch nicht geschlagen.

"Scheren Sie sich raus und beschaffen Sie sie. - Aber wie? - Ich bin der Präsident der Vereinigten Staaten, ausgestattet mit immenser Macht."

Das hier, das ist der Satz für Obama. Und nun Obama, tu endlich was! You can! Du hast auch die Macht wie Lincoln! Beispielsweise für deine Sozial- und Gesundheitsreformen. "Lincoln" von Steven Spielberg ist aber auch der unerschütterliche Traum eines Filmemachers vom Funktionieren der Demokratie. Egal, ob es in ihren Niederungen heftig wie schmutzig zugeht.

Nur in wenigen Szenen inszeniert Steven Spielberg das Mythische Lincolns in gleißender Überhöhung - Kitsch und Pathos, natürlich, wie kaum anders zu erwarten, und - wie ebenfalls kaum anders zu erwarten - unterlegt mit der bombastisch-süßlichen Musik des Spielberg-Hauskomponisten John Williams. Zum Glück geschieht das nur ein, zwei Mal. So ist "Lincoln" nun ein großer, ein komplexer, ein facettenreicher und spannender Film geblieben. Aber: Daniel Day-Lewis in seiner Verwandlungskunst kann einem schon unheimlich werden.



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Das Ende der Sklaverei

 

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