Wunden der Erde - Tagebuch /

Letzte Station: North Stradbroke Island

Von Monika Seynsche

Große Teile North Stradbroke Islands sind noch weitgehend unberührt.
Große Teile North Stradbroke Islands sind noch weitgehend unberührt. (Monika Seynsche)

Aus der Ferne betrachtet wirkt North Stradbroke Island wie ein Paradies. Ich stehe auf dem Autodeck einer kleinen Fähre, die gerade das Hafenstädtchen Cleveland im Südosten Queenslands verlässt und langsam durch die Mangrovenwälder der Moreton Bay auf einen grünen Streifen am Horizont zusteuert.

North Stradbroke Island ist eine der größten nur aus Sand bestehenden Inseln der Welt. Die Hügel der Insel sind dicht bewachsen mit Wäldern, Heide- und Sumpfpflanzen. An einigen Stellen allerdings kann man schon von Weitem offene Sandgruben erkennen. Auf North Stradbroke Island wird in großem Maßstab Sand abgebaut, zum einen Quarzsand für die Glasherstellung und zum anderen solcher, der reich an Mineralen wie Rutil, Ilmenit und Zirkon ist. 50 Millionen Tonnen werden jedes Jahr abgebaut und das seit den 1960er-Jahren.

Mehr als 50 Prozent der Insel sind an Minengesellschaften verpachtetMehr als 50 Prozent der Insel sind an Minengesellschaften verpachtet. (Monika Seynsche)Auf der Insel erwartet mich Jan Aldenhoven. Die promovierte Meeresbiologin arbeitet heute als Naturfilmerin und lebt seit vielen Jahrzehnten auf North Stradbroke Island. Wie viele andere hier setzt sie sich für ein Ende des Sandabbaus ein. Wir fahren über eine ruckelige Piste, die sich durch lichte Eukalyptuswälder eine Anhöhe hinaufzieht. Immer wieder zweigen rechts und links Wege ab, an denen verschlossene Tore und Warnschilder die Weiterfahrt untersagen. Auf dem Hügel angekommen steigt meine Führerin aus und deutet auf den Nachbarhügel, auf dem kein Wald wächst. Stattdessen ist er zerrissen durch einen tiefen Einschnitt. Blanker Sand leuchtet auf. Bis zu 100 Meter tief seien diese Sandgruben und viele Kilometer breit. Die Bergbaufirmen rodeten den Wald, trügen den Boden ab und grüben den Sand aus. Die abgebauten Flächen würden später wieder zugeschüttet und der Bergbau wandere ein Stück weiter.

Sandgruben zerstören die Vegetation und verändern die Hydrologie der InselSandgruben zerstören die Vegetation und verändern die Hydrologie der Insel. (Monika Seynsche)Zurück auf dem Festland treffe ich mich mit Errol Stock. Der pensionierte Geologe und Umweltwissenschaftler war lange Jahre Dozent an der Griffith Universität in Brisbane und hat die Sandminen der australischen Ostküste studiert. Er erzählt mir, dass der Sand der Insel über Hunderttausende von Jahren hinweg richtige Schichten gebildet hat. Einige dieser Sandschichten sind wasserdurchlässiger als andere. Beim Sandabbau würden diese Schichten zerstört und damit die Hydrologie der gesamten Insel verändert. Die Gruben würden zwar wieder zugeschüttet und bepflanzt aber die komplizierte, ursprüngliche Schichtung lasse sich nicht wieder herstellen. Das bedeute das Ende für viele Pflanzen- und Tierarten, die mit den neuen Bedingungen nicht zurechtkämen.

Am Hafen wird der Sand auf Schiffe verladenAm Hafen wird der Sand auf Schiffe verladen. (Monika Seynsche)Heute Nachmittag habe ich noch ein letztes Interview. Ich ertappe mich dabei, dass ich meinem Interviewpartner nicht zuhöre, sondern mit meinen Gedanken abdrifte. Ich glaube, ich brauche ein paar Tage ohne Interviews. Am Schluss habe ich etwa 30 Stunden aufgenommenes Material, viele hundert Fotos und ungezählte Eindrücke. Nach dem Interview nehme ich den Zug zurück zu meiner Unterkunft. Der Waggon ist voller Mädchen und Jungen in Schuluniformen und Strohhüten, die latent ans 19. Jahrhundert erinnern. Auch wenn das Wetter hier wesentlich besser ist, merkt man Australien seine britische Vergangenheit an.

Im Moment sitze ich an meinem Laptop und sichere alle Audiodateien noch einmal auf einer externen Festplatte. Ich versuche nicht darüber nachzudenken, dass ich etwa 80 Prozent der Interviews noch durchhören muss, um zu wissen, wer was wann gesagt hat. Mein ursprünglicher Plan, das alles während der Reise zu machen, ist nach den ersten drei Tagen an akutem Zeitmangel gescheitert. Morgen früh geht mein Flieger und damit werden die letzten 24 von geschätzten 97 Stunden beginnen, die ich in den vergangenen vier Wochen in einem Flugzeug verbracht habe.

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Die Recherchereise wurde mit Mitteln der Robert Bosch Stiftung im Rahmen der Initiative Wissenschaftsjournalismus gefördert.



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