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StartseiteKultur heute"Ein großes Thema" aufgebracht07.03.2014

Lewitscharoff-Rede"Ein großes Thema" aufgebracht

Mit ihrer umstrittenen "Dresdner-Rede" zur modernen Reproduktionsmedizin hat die Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff nach Ansicht ihrer Kollegin Ulrike Draesner "ein großes Thema" angesprochen - auch wenn sie mit ihr in sehr vielen Punkten nicht übereinstimme.

Die Schriftstellerin Ulrike Draesner im Gespräch mit Burkhard Müller-Ullrich

Ulrike Draesner auf dem Blauen Sofa bei der Frankfurter Buchmesse. ( picture-alliance / dpa: Arno Burgi)
Die Schriftstellerin Ulrike Draesner nimmt Stellung zur Rede von Sibylle Lewitscharoff. ( picture-alliance / dpa: Arno Burgi)
Weiterführende Informationen

Büchner-Preisträgerin: Eklat um Lewitscharoff-Rede (Deutschlandfunk, Kultur heute, 06.03.2014) - Von Burkhard Müller-Ullrich - 2014-03-06 

Sibylle Lewitscharoff: Autorin korrigiert Kritik an Retortenkindern (Deutschlandfunk, Aktuell, 07.03.2014) 

Burkhard Müller-Ullrich: „Schon bist du ein Verfassungsfeind“: den Titel von Peters Schneiders Buch aus dem Jahr 1975 kann man heute getrost abwandeln. Er lautet dann: schon bist du rechtsradikal. Und diese Zuschreibung kommt nicht vom Verfassungsschutz, sondern vom Feuilleton. Sibylle Lewitscharoff hat sich am vergangenen Sonntag mit ein paar Formulierungen über künstliche Befruchtung, Leihmütter und die unter solchen Umständen entstehenden Kinder in die Nesseln gesetzt. Der allgemeine Empörungsaufschrei entspricht dem Quadrat der Wartezeit seit dem letzten großen Meinungsskandal im deutschen Literaturbetrieb, aber, Ulrike Draesner, schauen wir uns Sibylle Lewitscharoffs Redetext mal möglichst unaufgeregt an. Sie artikuliert Abscheu gegenüber dem künstlichen Fortpflanzungsgemurkse, wie sie das nennt, mit dem Menschen zum ersten Mal seit Bestehen der Welt sich Kinder verschaffen können. Hat sie nicht ein bisschen recht?

Ulrike Draesner: Ich bin Sibylle Lewitscharoff in einer Hinsicht dankbar. Ich stimme nicht überein mit sehr vielen Punkten in ihrer Rede, inhaltlicher Art, aber ich bin ihr dankbar, dass sie das Thema aufbringt und es so aufbringt, dass so viel Aufmerksamkeit entsteht. Ich finde auch sehr gut an ihrem Ansatz: sie fängt ja mit dem Tod an, spricht über Tod, Sterbehilfe, das alt werden unserer Gesellschaft und verbindet das mit Geburtsfragen und macht ein großes Thema auf, nämlich, ich würde sagen, die Verschränkung von Technik der neuen modernen technischen Möglichkeiten der Medizin und Reproduktion mit dem Menschen, und da gibt es ja wirklich auch Diskussions- und Klärungsbedarf.

Müller-Ullrich: Wie erklären Sie sich diese Wahnsinnsreaktion, die jetzt hochbrandet, und Sie haben zurecht darauf hingewiesen, dass die Rede ja eigentlich einen ganz anderen Duktus hat und nur im letzten Drittel auf das zu sprechen kommt, was hier Krach macht. Aber trotzdem: daran hängt sich jeder fest.

Draesner: Ja! Offensichtlich funktioniert unsere Diskussion, unsere Gesellschaft, die auf Diskussion setzt, so: gewisse Worte wie Vergleiche mit Reproduktionsanstalten der Nazis in die heutige Situation hinein, das sind rote Karten, damit kann man so was triggern. Das haben wir zurzeit ja mehrfach. Bei Hillary Clinton fand das ja auch nun gerade statt. Die Nazi-Karte ist sozusagen etwas, was dann sofort Aufmerksamkeit erzeugt.

Müller-Ullrich: Aber sie ist Schriftstellerin und man muss natürlich jetzt die Worte auch ein bisschen auf die Goldwaage legen, wenn sie öffentlich gesprochen werden. Da ist die Rede von „seltsamen Mischwesen“, denen gegenüber sie sich gar nicht zu verhalten weiß.

Draesner: Ja, von Halbwesen, als wären all die Menschen, die sozusagen auf einem nicht absolut natürlichen Wege gezeugt sind, wobei das ja schon ein ganz schwieriger Begriff ist, als wären das nur Halbwesen. Sie macht das, wenn man genau hinschaut, eigentlich ganz geschickt, indem sie das in Konjunktive setzt, aber das sind natürlich rhetorische Figuren, und natürlich: sie muss eigentlich gewusst haben, in welchen Wespenbau sie da stochert. Das mag ja auch Absicht gewesen sein. Und wie gesagt: Das Gute, finde ich daran, ist doch die Chance, die wir dadurch bekommen könnten, jetzt noch einmal genauer hinzusehen und uns zu fragen: Wo sind diese Bereiche dieser Technik-Mensch-Verschränkung. Sie machen uns Angst, sie tun das auch zurecht und sie rufen danach, dass wir darüber jenseits der Polemik und des Populismus wirklich der Komplexität der Sachverhalte angemessen diskutieren. Was heißt denn, da sind ja auch noch andere Bereiche: Präimplantationsdiagnostik zum Beispiel, die ganzen schönheitschirurgischen Fragen, natürlich so was wie In-vitro-Befruchtung. Die Zukunft, was stellen wir uns vor unter den genetischen Manipulationen, Möglichkeiten, die da entstehen. Wir haben einfach ein Problem: Die technische Entwicklung ist sehr viel schneller als der ethische Diskurs, und wenn wir da aufgestachelt werden, noch mal nachzugucken und nachzudenken und beide Seiten ernst zu nehmen, nämlich sowohl diejenige, die Bedenken artikuliert und Ängste – das tut Lewitscharoff -, aber auch die andere, nämlich die Seite, die die Nöte auch der betroffenen Menschen artikuliert, und zwar sowohl der Eltern, die sich ein Kind wünschen, als auch dann der Kinder, die eine neue ungewöhnliche Herkunftsgeschichte haben. Dann ist diese Rede sehr nützlich.

Müller-Ullrich: Sie hat ja ein bisschen aus dem Bauch heraus argumentiert, wenn man so sagen kann, im wörtlichen Sinne. Das ist ja legitim für Schriftsteller, die Gefühle in sich erst mal wach rufen und artikulieren müssen. Wir haben auf nativen Gefühlsebenen ein Problem mit Natürlichkeit.

Draesner: Wir wissen, dass Natürlichkeit ein Begriff ist, den wir brauchen, um Natur und Kultur zum Beispiel gegeneinanderzusetzen, und dass es dazwischen eine sich bewegende Grenze gibt, und ich bewundere in gewisser Weise Lewitscharoffs Rede, die Offenlegung sehr vieler sehr persönlicher Dinge aus dem Bauch heraus. Zugleich ist sie eine Frau, die sehr intelligent ist, mit allen rhetorischen Wassern gewaschen, die natürlich auch weiß, was sie da tut. Die Rede spiegelt insofern sehr gut die Gemengelage, die uns bei diesem Thema, sei es Tod oder sei es Geburt, auch wirklich befällt. Unser Gehirn ist an und unser Herz pocht und der Bauch schlägt und auch die kreatürliche Angst vor dem Tod und die Gier nach Leben greifen zu, und das sind natürlich Dinge, die sich der rationalen Regelung sehr leicht entziehen, und das sieht man sowohl an der Rede als auch an der Reaktion darauf.

Müller-Ullrich: Sie sagen, Sibylle Lewitscharoff wisse ja genau, mit der Sprache umzugehen und mit der Rhetorik. Sie hat aber selbst gesagt, sie sei überrascht gewesen. Wenn man die Rede liest, wäre es denkbar, dass sie einfach passiert wäre, ohne Skandal?

Draesner: In einer anderen Kultur vielleicht. Ich halte das aber für relativ unwahrscheinlich, gerade auch in unserem gesellschaftlichen Kontext. Wir haben ja eine relativ strikte Gesetzgebung, was gerade diese ganzen In-vitro-Dinge betrifft, und wir haben sie aufgrund unserer Geschichte und des Nationalsozialismus und seiner menschenverachtenden Experimente in dieser Richtung, und das ist Sibylle Lewitscharoff. Das kann ich mir gar nicht anders vorstellen, als dass ihr das bewusst ist.

Müller-Ullrich: Ulrike Draesner, vielen Dank.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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