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StartseiteEuropa heuteMachtspiele04.01.2011

Machtspiele

Die Lega Nord und die 'Ndrangheta in Norditalien

Drogen, Waffen, Menschenhandel: Im Norden Italiens, besonders in Mailand, macht die organisierte Kriminalität lukrative Geschäfte. Nun erhärtet sich auch noch der Verdacht, dass die 'Ndrangheta es geschafft hat, Politiker der "Lega Nord" zu korrumpieren und für ihre Zwecke zu gewinnen.

Von Kirstin Hausen

Es sind Mitglieder der Clans aus San Luca oder Platí, die in Mailand und Umgebung das Sagen haben.  (AP)
Es sind Mitglieder der Clans aus San Luca oder Platí, die in Mailand und Umgebung das Sagen haben. (AP)

Mailands Ausgehmeile Corso Como um Mitternacht. Aus den Cocktailbars schallt Diskomusik, Frauen in knappen Kleidern räkeln sich auf Barhockern und gurren um die Gunst von Männern, deren Anzug mehr gekostet hat als der Barkeeper im Monat verdient. Auf verspiegelten Theken stehen Drinks, aber die begehrteste Droge gibt es auf der Toilette: Kokain. 12.000 Dosen weißes Pulver werden jeden Abend in der Stadt konsumiert. Das ergab eine Analyse des Abwassers durch das Pharmazeutische Forschungsinstitut Mario Negri.

Und auch die Mailänder Krankenhäuser liefern allarmierende Zahlen: Pro Jahr landen 2000 Menschen wegen einer Überdosis Kokain in der Notaufnahme. Reich macht das weiße Pulver die kalabrische Mafiaorganisation 'Ndrangheta. Denn es sind Mitglieder der Clans aus San Luca oder Platí, die in Mailand und Umgebung das Sagen haben. Sie verdienen viel Geld in der Lombardei und sie geben es hier auch wieder aus. Sie kaufen Häuser, Restaurants, Geschäfte und sie korrumpieren diejenigen, die ihnen in der Zukunft nützlich sein können. Claudio Fava, Sohn des von der Mafia ermordeten Journalisten Giuseppe Fava:

"Das ist ein fein gesponnenes Netz aus Verbindungen in der lokalen Wirtschaft, der Politik und der Verwaltung. Die Ermittlungsrichter sagen, es gibt Orte in der Lombardei, in denen kein einziger Öffentlicher Bauauftrag vergeben werden kann ohne das die 'Ndrangheta, davon profitiert."

Das klingt nicht nach vereinzelten Fällen, das klingt nach systematischer Unterwanderung. Doch statt Alarm zu schlagen, spielen hochrangige Politiker wie die Bürgermeisterin von Mailand das Problem herunter. Sie fürchten negative Schlagzeilen, wollen ausländische Investoren nicht vergraulen und das Bild vom modernen Norditalien nicht beflecken. Denn Mafia steht für Süditalien, für Rückstand und damit will man nichts zu tun haben im Norden. Statt der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, stecken viele den Kopf in den Sand, klagt der Mailänder Anti-Mafia-Politiker und Soziologe Nando dalla Chiesa:

"In Kampanien sagt niemand, dass es die Camorra nicht gibt, in Palermo sagt niemand, dass es die Mafia nicht gibt. In der Lombardei sagt man weiterhin, dass es die Mafia hier nicht gibt, das ist ein Problem, schließlich ist die Lombardei auch noch die reichste und am weitesten entwickelte Region Italiens."

Und genau deshalb ist sie so interessant für die Mafiaorganisationen aus dem Süden. Um an öffentliche Aufträge zu kommen, korrumpiert sie Politiker, Vertreter der lokalen Behörden und Institutionen. In Rho, einem Vorort von Mailand wurden mehrere Carabinieri festgenommen, weil sie den Bossen möglicherweise Informationen zuspielten. In der Kleinstadt Pavia wird gegen den Direktor des Krankenhauses ermittelt, weil er verdächtigt wird, die Behandlung flüchtiger Mafiosi ermöglicht zu haben, noch dazu auf Kosten der staatlichen Gesundheitskasse.

"Auch ein Gemeinderat der Lega Nord wird in den Ermittlungsakten erwähnt. Es gibt ein Foto von ihm und einem Boss. Ich weiß nicht, ob es ein Zufall ist, aber ausgerechnet dieser Lega-Politiker hat bei der Wahl mehr Stimmen erhalten als der Listenführer. Das gibt es bei der Lega sonst nie, dass jemand den Listenführer übertrifft."

Der betroffene Politiker streitet die Vorwürfe, Stimmen von der 'Ndrangheta erhalten zu haben, energisch ab. Er ist aber nicht der einzige, der sich diesem Verdacht ausgesetzt sieht. Der Mafia-Aussteiger Giuseppe di Bella erklärt in einem kürzlich erschienen Buch, dass sein Clanchef Anfang der 90er-Jahre einen unbedeutenden Lokalpolitiker der Lega Nord förderte.

"Es wurde uns nicht nahe gelegt, es wurde uns befohlen, diesen Politiker zu wählen. Der Boss hat zu uns gesagt, wehe, ich kriege heraus, dass ihr ihm nicht eure Stimme gegeben habt."

Der betroffene Politiker ist heute stellvertretender Minister für Verkehr und Infrastruktur. Gegen die Anschuldigungen will er sich gerichtlich wehren. Doch unabhängig von seiner Schuld oder Unschuld bleibt festzustellen, dass die Mafiaorganisationen aus dem Süden ihre Macht im Norden gerade in den Jahren ausbauen konnten, in denen die Lega Nord politisch bedeutsam wurde. Der Aufstieg der Partei, die ihre Heimatverbundenheit stärker betont als jede andere, fällt zusammen mit dem Aufstieg der 'Ndrangheta in den norditalienischen Regionen Lombardei, Ligurien, Venetien. Die Staatsanwaltschaft Mailand arbeitet inzwischen eng mit den Kollegen in Reggio Calabria zusammen. Im Juli 2010 wurden Hunderte Mafiosi festgenommen: in Kalabrien und in der Lombardei. Auf die Gerichtsverfahren darf man gespannt sein. Sie werden enthüllen, wie die Mafiosi im Norden genau vorgehen.

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