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Seit 17:35 Uhr Kultur heute

Märtyrerfigur der NSDAP

Daniel Siemens: "Horst Wessel". Siedler Verlag

Für die NSDAP war Horst Wessel einer der wichtigsten Toten, urteilt der Historiker Daniel Siemens. Denn der Parteiaktivist wurde posthum zu einem der größten Helden der braunen Bewegung verklärt. Über das Leben dieses Nationalsozialisten hat Siemens ein spannendes Buch geschrieben.

Von Niels Beintker

Die Nationalsozialisten brauchten "Märtyrer" wie Horst Wessel. (AP Archiv)
Die Nationalsozialisten brauchten "Märtyrer" wie Horst Wessel. (AP Archiv)

Der junge Mann hielt sich offenbar frühzeitig für eine historisch bedeutende Persönlichkeit. Anders mag es kaum zu erklären sein, warum Horst Wessel im Alter von nicht einmal 22 Jahren seine Autobiografie schrieb, einen 70-Seiten langen Text mit dem Titel "Politika". Das Dokument in akkurater Sütterlinschrift ist mehr ein politisches Bekenntnis als eine Lebenserzählung, eine Ergebenheitserklärung an die NSDAP, deren Machtübernahme damals, im Jahr 1929, keineswegs vorherzusehen war. Geschrieben allerdings in einem Tonfall, als träumte der Autor von einer großen Vermarktung seines Erinnerungsheftchens. Und tatsächlich: Wer den 21-jährigen Horst Wessel nur als Propagandageschöpf von Joseph Goebbels betrachtet, verkennt seine Rolle, erklärt der Historiker Daniel Siemens.

"Was ich glaube nachweisen zu können, ist, dass er tatsächlich, zumindest was die Berliner Organisation der SA betrifft, nicht ganz unbedeutend ist, sondern eben auch Goebbels seit 1927 schon bekannt ist und auch planmäßig die Karriere eines jungen Politikaktivisten verfolgt und sich in der Propaganda hervortut und da relativ wichtig ist. Er ist zwar noch nicht bekannt, reichsweit schon gar nicht, in Berlin allerdings eben keine unbedeutende Figur, die gerade vielleicht vor einem wichtigen Aufstieg steht, als sie ums Leben kommt."

Mit dem Tod Horst Wessels am 23. Februar 1930 beginnt Daniel Siemens' Buch über eine der großen Kult- und Märtyrerfiguren der NSDAP. Es ist keine Biografie, vielmehr eine sehr gewinnbringend zu lesende Studie über Leben und Tod, vor allem aber über die posthume Verklärung eines überzeugten wie ehrgeizigen Jung-Nazis. Wessel, der Sohn eines nationalistischen evangelischen Pfarrers, träumte nicht nur von einem schönen Posten in der Parteihierarchie. Er tat auch viel dafür: nicht nur als Führer des SA-Trupps 34 im Berliner Stadtteil Friedrichshain, sondern auch als politischer Redner. 1929 soll Wessel auf 56 Veranstaltungen gesprochen haben, damit war er nach Goebbels der Parteiaktivist, der am häufigsten in Berlin aufgetreten ist. Dennoch lässt sich bis heute nicht eindeutig belegen, ob politische Motive, etwa eine Vergeltungsaktion der Kommunisten, dahinter steckten, als Wessel am 14. Januar 1930 überfallen wurde. Wie Daniel Siemens zeigt, gab es auch andere mögliche Motive, vor allem eine Mietstreitigkeit. Die Auswertung der lange als verschollen geglaubten Prozessakten ermöglicht kein abschließendes Urteil.

"Es war sowohl ein Mietstreit, das ist unzweifelhaft. Der Wessel wohnte zur Untermiete und hatte Streit mit seiner Vermieterin. Und das Politische kann allerdings auch eine Rolle gespielt haben. Denn Wessel, als Sturmführer im Bezirk Friedrichshain, hatte natürlich Gegner. Und Überfälle und Attacken auf die politischen Gegner waren ja nicht an der Tagesordnung – aber das kam immer mehr vor in diesem Jahr 1930. Und insofern, auch wenn man auf die Attentäter schaut – oder die Leute, die ihn damals überfallen haben, dann sind beide Motive tatsächlich ineinander verwoben."

Am 26. September 1930, ein Dreivierteljahr nach dem bewaffneten Überfall auf Horst Wessel, wurden die Täter vor dem Berliner Schwurgericht wegen gemeinschaftlich begangenen Totschlags zu längeren Haftstrafen verurteilt, die beiden Hauptbeschuldigten Albrecht Höhler und Erwin Rückert zu jeweils sechs Jahren und einem Monat. In der Urteilsbegründung wurden allein politische Motive für die Tat angeführt: für eine angeblich vorsätzliche Tötung. Der Richterspruch hat insofern dazu beigetragen, dass Horst Wessel zum Märtyrer im Kampf um die richtige politische Überzeugung erhoben werden konnte. Natürlich ohne die
propagandistisch wenig förderlichen Schattenseiten seines Lebens: die Vernachlässigung seines Studiums oder auch sein Lebensort im Berliner Halbwelt- und Prostituierten-Milieu. Im Dritten Reich wurde die Horst-Wessel-Legende planmäßig verbreitet, sagt Daniel Siemens.

"Das fängt bei Kinderbüchern an – Jugendbücher, es gibt den Roman, es gibt den Film, im Dezember 1933. Und es ist auch so, dass zum Beispiel im Lehrplan der Schulen festgelegt wird, dass der Wessel-Stoff zu behandeln sei, und nach meinen Informationen sogar zweimal, zunächst für die Mittelschüler, zehn, zwölf, da wird das Ganze noch relativ einfach gemacht. Und dann in der Oberstufe sollte das Ganze noch einmal vertieft und mit Einbeziehung der politischen Hintergründe gemacht werden. Also, dass ist eine Märyrerfigur, die für die Erziehung der jungen Nationalsozialisten relativ wichtig ist. Und offensichtlich funktioniert das auch gut."

Auch in den Kirchen der Deutschen Christen wurde Horst Wessel gefeiert. Ihm zu Ehren sang man im Gottesdienst sein Lied und beschwor die vermeintliche Allianz von evangelischer Kirche und Hitlers Partei. Die Nazis wiederum ließen überall im Land Gedenksteine und Büsten aufstellen, initiierten quasi-religiöse Gedenkfeiern für ihren großen Helden. Und sie sorgten für eine Neuaufnahme des Prozesses, bei dem dann, wegen angeblich gemeinschaftlich begangenen Mordes, mehrere Todesurteile gefällt wurden. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs änderte sich das Horst-Wessel-Bild in einer entscheidenden Nuance.

"Die politische Spitze des Dritten Reichs erzählt die Geschichte dann anders und macht aus Wessel so eine Art ersten Soldaten des Dritten Reiches und stellt das als vorbildhaft dar. Auch natürlich sein Sterben, das ist ja immer sehr wichtig. Also die Nationalsozialisten deuten den Tod Wessels als Sterben für die Bewegung, wie sie das formulieren würden. Und so wie Wessel angeblich mutig und heldenhaft gestorben sei, so ist dann auch die Erwartung an alle anderen deutschen jungen Männer an der West- und an der Ostfront."

Daniel Siemens' kritische Studie über das Leben Horst Wessels und seine posthume propagandistische Verklärung ist ein wichtiges Buch. Vor allem mit Blick auf die frühe Geschichte des Nationalsozialismus hat es einen großen Wert: Es zeigt an einer exemplarischen Biografie, wie sich ein junger Mann, aus dem bildungsbürgerlich-protestantischen Milieu stammend, frühzeitig für die Politik der eigentlich antibürgerlichen braunen Bewegung begeisterte und sich tatkräftig für sie engagierte. Klug war aber auch die Entscheidung, keine klassische Biografie zu schreiben, sondern neben dem Leben Horst Wessels in gleichem Umfang sein politisch inszeniertes Nachleben zu dokumentieren: die weihevolle Überhöhung eines 22jährigen, dessen Tod der eigenen Partei sehr entgegen kam. Nicht zuletzt die bis heute ungeklärten Hintergründe des Mordes haben dazu beigetragen, dass Horst Wessel eine der Kultfiguren des Dritten Reiches war.

Niels Beintker über Daniel Siemens: "Horst Wessel. Tod und
Verklärung eines Nationalsozialisten". Erschienen im Siedler
Verlag, 351 Seiten für 19 Euro und 95 Cent (ISBN: 978-3-88680-926-4).

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