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"Man muss an die Krebsstammzellen heran!"

Chemo- und Strahlentherapie scheint nicht zu reichen

Martin Winkelheide im Gespräch mit Jochen Steiner

Unter Tumorzellen scheint es eine Hierarchie zu geben.
Unter Tumorzellen scheint es eine Hierarchie zu geben. (Universität Münster)

Onkologie. - Bei vielen Krebsbehandlungen sind offenbar trotz Operation, Chemo- oder Strahlentherapie Krebszellen im Körper zurückgeblieben, denn es kommt zu einem Rückfall. Einige Wissenschaftler glauben jetzt die Zellen zu kennen, die dafür verantwortlich sind, und sprechen von Krebsstammzellen. Der Wissenschaftsjournalist Martin Winkelheide berichtet im Gespräch mit Jochen Steiner von drei Studien in "Nature" und "Science", die dieses neue Konzept untermauern.

Steiner: Herr Winkelheide, was ist das Besondere an diesen potentiellen Krebsstammzellen?

Winkelheide: Bislang hat man ja geglaubt, alle Krebszellen sind gleich. Sie teilen sich schneller, sie haben keine eigenen Aufgaben mehr so wie Hautzellen, Leberzellen oder Gehirnzellen normalerweise, und sie reagieren schlecht auf Signale von außen. Das heißt, sie haben sich abgekoppelt, sozusagen. Und das Besondere an den Krebsstammzellen ist, dass sie eben nicht gleich sind wie normale gleiche Tumorzellen, sondern dass sie sozusagen die Chefs sind. Aus denen werden die eigentlichen Krebszellen überhaupt. Und wie Stammzellen, wenn sie sich teilen, werden aus ihnen entweder neue Stammzellen, oder sie reifen heran zu Krebszellen. Und wenn man Krebs behandeln oder heilen will, dann reicht es eben nicht nur, die normalen Krebszellen zu erreichen, sondern man muss sozusagen die Tumor-Stammzellen erwischen, denn die steuern das Wachstum.

Steiner: Die drei neuen Studien beschäftigen sich mit den verschiedenen Aspekten von potentiellen Krebsstammzellen. Worum geht es da genau?

Winkelheide: Es geht darum: Welche Rolle spielen diese Krebsstammzellen bei der Tumorentstehung, bei dem Wachstum? Und auch um die große Frage: Warum kommt es manchmal oder häufiger zu einem Rückfall nach einer Operation oder Chemotherapie, also nach einer konventionellen Krebsbehandlung?

Steiner: In der ersten Studie von niederländischen Forschern geht es um gutartige Geschwulste im Darm. Welche Rolle spielen die potenziellen Stammzellen dort?

Winkelheide: Man weiß ja, wie Darmkrebs entsteht. Man weiß, die Darmschleimhaut verändert sich, es bilden sich Polypen, also noch gutartige Geschwulste, die so ein bisschen glasig sind, manchmal so eine Pilzform haben. Und was die Forscher aus Utrecht in den Niederlanden wissen wollten: Gibt es eigentlich in dieser noch gutartigen Geschwulst nun auch Stammzellen? Und sie haben tatsächlich auch welche gefunden und im Tierversuch die Zellen dann markiert und geguckt, was passiert mit diesen Zellen? Und sie haben gemerkt, dass sie zum einen zum Wachstum der Polypen beitragen und zum anderen aber auch zur Krebsentstehung. Das heißt, der Polyp wird nach und nach bösartiger und der Motor dafür liegt genau in den Stammzellen. Für die Behandlung von Darmkrebs hat das erst einmal keine Relevanz, denn auch heute gilt schon: Die Polypen müssen raus. Also man guckt bei der Darmspiegelung, inspiziert die Darmschleimhaut, und wenn man Polypen findet, schneidet man die weg, weil man weiß, dann kann kein Krebs entstehen.

Steiner: In der zweiten Studie schauen sich Forscher aus Belgien und Großbritannien das Verhalten von Krebsstammzellen bei bestimmten Formen von Hautkrebs an. Gibt es viele Überraschungen?

Winkelheide: Eine Überraschung war, dass die eigentlichen Krebszelle sich gar nicht so furchtbar schnell teilen. Auch hier man im Tierversuch geguckt, wie verhalten sich die Krebsstammzellen? Man hat sie markiert und man hat gesehen: Sie sind der eigentliche Motor. Sie sorgen für den Nachschub an neuen Zellen, und das verläuft ähnlich wie bei normalen Stammzellen im Körper. Also zum Beispiel im Blutsystem ist es auch so, dass aus sehr unreifen Stammzellen im Knochenmark nach und nach erst einmal Vorläuferstammzellen werden und sich dann erst entscheidet, wohin die Reifung weitergeht, rote Blutzelle oder weiße Blutzellen gebildet wird. Hier so ähnlich, es gibt die sehr unreifen Krebs-Stammzellen, aus denen werden Vorläuferzellen, und aus diesen Vorläuferzellen erst, aus denen entstehen die eigentlichen Krebszellen. Und der große Motor für das Wachstum sind die noch unreifen Stammzellen.

Steiner: Die dritte Studie, die kommt aus den USA. Und die scheint auf den ersten Blick nichts mit Stammzellen zu tun zu haben. Die Forscher haben sich angeschaut, warum es bei aggressiven Hirntumoren zu Rückfällen kommt. Lässt sich das jetzt besser erklären?

Winkelheide: Bei Glioblastomen, die sehr, sehr aggressiv sind, versucht man erst einmal mit einer Operation alle Krebszellen oder möglichst alle Krebszellen zu entfernen. Man weiß, dass funktioniert oft nicht und dann kommt es zum Rückfall. Die Mediziner versuchen dann eine Chemotherapie zu geben, und auf diese Chemotherapie reagieren die Zellen in der Regel sehr schlecht. Und warum das so ist, haben die Forscher aus den USA jetzt bemerkt. Sie haben sich nämlich diese Zellen, die übrig bleiben, genauer angesehen und sie haben gesehen: Auch das sind Zellen, die Eigenschaften haben von Stammzellen. Das heißt, die wachsen dann sehr schnell nach, bilden neue Zellen, bilden neue Nachkommen. Und sie haben in diesem Falle, auch im Tierversuch, einen Weg gefunden, das Wachstum dieser Stammzellen, die Vermehrung dieser Stammzellen zu blockieren, mit einem Präparat, das man normalerweise benutzt für die Behandlung von Virusinfektionen, von Herpesinfektionen, Ganciclovir, und im Tierversuch konnte man eben das Tumorwachstum über lange Zeit blockieren, wenn man das Medikament ständig gegeben hat.

Steiner: Jetzt haben Sie immer vom Tierversuch gesprochen, und die Forscher haben auch gesagt: Das ist noch nicht bewiesen. Was ist denn nun? Gibt es sich Krebsstammzellen bei Menschen, ja oder nein?

Winkelheide: Endgültig bewiesen ist dieses Konzept sicherlich noch nicht. Aber man hat jetzt doch wichtige Indizien zusammengetragen, die alle ganz gut in das neue Modell hinein passen. Also eben, dass Tumoren entstehen aus veränderten Stammzellen, also die einen genetischen Defekt haben, und dass dieser genetische Defekt weitergegeben wird an nachher eben die differenzierten Zellen, die dann eben aussehen wie normale Krebszellen. Und man hat jetzt wichtige Aspekte der Tumorentstehung, des Tumorwachstums und eben auch warum es zum Rückfall kommt, mit dieser Stammzelltheorie erklären können. Die Frage ist jetzt, gilt das jetzt sozusagen für alle Tumore, die es gibt. Und das sind ja sehr viele.

Steiner: Welche Folgen haben denn jetzt diese Erkenntnisse für die Krebsmedizin?

Winkelheide: Ich denke, das wichtigste ist, dass man jetzt weiß, dass die Chemotherapie und Strahlentherapie allein nicht reicht, man muss an die Krebsstammzellen herankommen.

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