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StartseiteSonntagsspaziergangMaputo erwacht05.06.2011

Maputo erwacht

Streifzug durch die Kulturszene von Mosambiks Hauptstadt

Maputo mausert sich zum Geheimtipp. Einige nennen die Hauptstadt Mosambiks schwärmerisch "Klein-Havanna" oder "Afro-Kapstadt". Die Menschen sind im Aufbruch: Erwacht aus dem Albtraum des Bürgerkrieges zieht Maputo Künstler und Musiker an.

Von Leonie March

Sonntags im 'Nucleo de Arte', einem der ältesten Kulturzentren in Maputo. Der Name ist Programm: Das etwas in die Jahre gekommene Gebäude in einer ruhigen Seitenstraße der mosambikanischen Hauptstadt ist tatsächlich so etwas wie der Kern der lokalen Kunstszene. Tagsüber arbeiten junge Maler und Bildhauer in den Ateliers, stellen ihre Werke in dem direkt angrenzenden, kleinen Ausstellungsraum aus, nebenan proben Musiker für ihren Auftritt. Die Konzerte am Sonntagabend gehören für Maputos Kreative und Intellektuelle schon fast zum Pflichtprogramm. Hier lassen sie das Wochenende entspannt ausklingen.

Überwiegend junge Menschen aller Hautfarben drängen sich im kleinen Innenhof vor den Ateliers, Bierflaschen oder Weingläser in der Hand. In der Luft hängt der Duft gebratenen Fleisches. Beim Gang zur Bar schnappt man portugiesische, englische und auch ein paar deutsche Sprachfetzen auf. Denn das 'Nucleo de Arte' hat sich auch zu einem Geheimtipp unter Mitarbeitern internationaler Organisationen in Maputo gemausert.

Die Atmosphäre ist familiär, alle scheinen sich zu kennen, begrüßen sich mit Kuss auf die Wange. Auch Pedro do Amaral ist fast jeden Sonntag hier: Der 29-Jährige ist in Maputo geboren und aufgewachsen, arbeitet mal als Übersetzer, mal als Touristenführer, doch seine große Liebe ist die Musik. Seine Heimatstadt sei für ihn deshalb genau das richtige Pflaster, sagt er mit einem gewinnenden Lächeln.

"Ich weiß, dass ich hier jedes Wochenende eine Live-Band sehen kann. Dabei erlebe ich immer wieder positive Überraschungen. Doch das Flair der Stadt wird nicht allein durch die lebendige Musikszene bestimmt. Es gibt auch Theater und außerdem entwickelt sich eine Filmindustrie. Generell sind Künstler im Stadtbild viel sichtbarer als noch vor ein paar Jahren. Es gibt mehr Ausstellungsräume und eine bessere Förderung von Kunst und Kultur. Das kulturelle Angebot wächst dadurch natürlich. Das wird nicht nur an Orten wie dem 'Nucleo' klar, sondern auch, wenn man einfach nur durch die Stadt läuft: Überall kann man auf Straßenmusikanten oder Tänzer treffen."

Maputo ist keine Schönheit. Trotz der malerischen Lage an einer Bucht des Indischen Ozeans. In der Innenstadt dominieren graue Wohnblocks, die an Ost-Berlin oder Moskau erinnern und großzügige Prachtstraßen, die sogenannten Avenidas, mit Namen wie Mao Tse Tung, Vladimir Lenin oder Ho Chi Minh. Der Geist der sozialistischen Ära des Landes nach der Unabhängigkeit. Dazwischen: Gebäude aus der portugiesischen Kolonialzeit, teils arg heruntergekommen, teils liebevoll restauriert, so wie das legendäre Hotel Polana. 1922 erbaut, als Maputo noch Lourenço Marques hieß, über die Grenzen hinaus bekannt für seine entspannte, liberale Atmosphäre und seine Musikszene. Doch das Polana sei mehr als nur ein Symbol der Kolonialvergangenheit, erklärt Eneida Pitroce, eine 28-jährige Mosambikanerin, die im Management des Hotels arbeitet.

"Das Polana steht für Geschichte und für Kultur. Das Hotel gab es schon lange bevor ich geboren wurde. Für uns Mosambikaner ist es ein Teil unserer Geschichte. Es ist eines der Gebäude, das die Jahrzehnte überdauert hat. Damit repräsentiert es alles, was wir erreicht haben. Es ist keine Ruine. Wir haben es erhalten. Selbst während der Kriege, in Zeiten voller Schmerz und Leid. Es verkörpert also all das, was wir selbst durchgehalten haben. Wir alle stehen noch immer."

Musik: Nwahulwana; Interpret: Wazimbo & Orchestra Marrabenta Star de Moçambique; Komponist: Humberto C Benfica; CD: Nwahulwana; ASIN: B000V693JM

Schon bald nach der Unabhängigkeit brach in Mosambik der Bürgerkrieg aus. Über 16 Jahre lang wütete er vor allem in der Provinz. Die Menschen flüchteten ins vergleichsweise sichere Maputo und andere Großstädte des Landes. Viele von ihnen sind auch nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens Anfang der 90er-Jahre geblieben. Die Bevölkerung nimmt stetig zu, Mosambikaner vom Land suchen in der Hauptstadt ein besseres Leben. Ein Traum, den auch viele Künstler haben. Eine vergleichbare Kulturszene gibt es nirgendwo sonst im Land, schwärmt Xitaro, Musiker und Instrumentenbauer aus dem rund 700 Kilometer entfernten Küstenort Vilanculos.

"Viele Leute aus der Provinz kommen hierher, weil sie hier die Gelegenheit haben aufzutreten oder ihre Kunst auszustellen und sich mit anderen Künstlern auszutauschen. Zwar existiert in ganz Mosambik eine reiche kulturelle Vielfalt, aber hier in Maputo findet man sie konzentriert an einem Ort: Von traditioneller Musik über Jazz und Rock bis zu Hip Hop. Es ist ein wunderbarer Nährboden für Musik, denn hier findet man wirklich alle Einflüsse, die man sich vorstellen kann."

Auch Geld verdienen fällt hier etwas leichter, fügt Xitaro mit einem Augenzwinkern hinzu. Er stellt seine selbst gefertigten traditionellen Instrumente jedes Wochenende auf dem Kunsthandwerksmarkt, dem 'Mercado Artesanto', im Herzen der Stadt aus. Auf bunten Tüchern liegen Trommeln neben einsaitigen Bögen, an denen Flaschenkürbisse als Klangkörper befestigt sind und das so genannte afrikanischen Klavier, ein hölzerner Resonanzkörper mit verschieden langen Eisenlamellen.

Der Markt ist gut besucht, von Einheimischen, wie Touristen. Eine Herausforderung für die Sinne: Farbenfrohe zum Teil abstrakte Gemälde und eher kitschige Naturszenen, kunstvolle Holz-Schnitzereien und Figuren, die Alltagsszenen aus Mosambik nachstellen, bedruckte Stoffe und bunte Hemden flattern im Wind. Die Stimmung ist fröhlich und entspannt. Die historische Kulisse bildet die Fortaleza, eine portugiesische Wehranlage aus dem 19. Jahrhundert, rostende Kanonen inklusive. Wieder treffen Vergangenheit und Moderne unmittelbar aufeinander. Vielleicht ist es auch dieser Kontrast, der die Künstler anzieht und inspiriert.

Nicht weit vom Markt entfernt, in Baixa, dem ältesten Stadtteil Maputos, etwas versteckt, in einem schmalen unscheinbaren Haus, liegt das 'Teatro Avenida'. Eine echte Institution der Kulturszene Maputos, international bekannt durch die Zusammenarbeit mit dem schwedischen Krimiautor Henning Mankell.

Seele des Theaters ist die Gründerin Manuela Soeiro, die es bis heute leitet. Eine nur rund 1,50 Meter kleine Frau mit großer Ausstrahlung: herzlich, charismatisch und hoch professionell. Sie kümmert sich um alles im Haus: Von der Auswahl der Stücke und der Gestaltung der Plakate bis zu wackelnden Stühlen im Theatersaal. Etwas erschöpft lässt sie sich auf einen der Stühle im Café der Bühne fallen, nippt an ihrem Espresso.

"Als wir das 'Teatro Avenida' vor 25 Jahren gegründet haben gab es in ganz Mosambik noch kein einziges professionelles Theaterensemble. Dieses Gebäude stand leer und war ziemlich verwahrlost. Das Dach war undicht, im Erdgeschoss stand Wasser, Ratten hatten sich eingenistet. Daher fanden die ersten Aufführungen meines Ensembles 'Mutumbela Gogo' 1986 auch hier, im ersten Stockwerk, statt."

Seit diesen Anfängen haben sich ihr Theater und ihre Heimatstadt Maputo grundlegend gewandelt. Der Bürgerkrieg ist Geschichte, die Kulturszene blüht auf. Manuela Soeiro lächelt.

"Maputo wird nun in gewisser Weise erwachsen und kräftiger. Ständig gründen sich neue Theater-, Tanz- und Musikgruppen, Kulturzentren und Ateliers für bildende Künstler. Für mich geht dadurch ein lang gehegter Traum in Erfüllung. Denn wir haben zwar nicht viel Geld, aber dafür jede Menge Energie. Sie gibt uns Kraft der Regierung, den Politikern und allen anderen zu beweisen, dass Mosambik viel erreichen kann."

Das 'Teatro Avenida' ist dafür wohl das beste Beispiel: Dank einer Idee Manuela Soeiros konnte es sich selbst während des Bürgerkrieges halten. Im Erdgeschoss des Theaters eröffnete sie damals eine Bäckerei. Nur durch den Verkauf von Brot, Baguette und Zuckerschnecken konnte sie ihr Theater über die Runden bringen. Erfindungsreichtum und kreative Energie als Vorbild für die jungen, aufstrebenden Kulturschaffenden in Maputo.

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